28-Jähriger scheitert an Barrieren am Bösenseller Bahnhof
Das Ende der Freiheit

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Regelmäßig scheitert ein 28-jähriger Bösenseller an den Tücken und Widrigkeiten des Bahnhaltepunkts seiner Heimatgemeinde. Mit seinem Rollstuhl ist es ihm unmöglich, in den Zug zu kommen. Die Bahnverantwortlichen verweisen auf ihren Mobilitätsservice. Abhilfe soll es aber tatsächlich erst nach der barrierefreien Umgestaltung des Haltepunktes geben.

Samstag, 15.02.2020, 09:47 Uhr aktualisiert: 15.02.2020, 11:06 Uhr
Abfahrt ohne Einstieg: Der 28-Jährige schaute öfter dem Zug hinterher und hat auch mit den Rampen zum Bahnsteig zu kämpfen.
Abfahrt ohne Einstieg: Der 28-Jährige schaute öfter dem Zug hinterher und hat auch mit den Rampen zum Bahnsteig zu kämpfen. Foto: di

Da, wo für andere Menschen die Freiheit beginnt, endet sie für den 28-Jährigen – am Bahnhof: Ort der Mobilität, der Verheißung auf neue Eindrücke oder auch nur das Mittel zum Zweck, um eine Strecke zu überwinden. Weder als erste Etappe, um sein Fernweh zu stillen, noch als Startpunkt, um mal spontan das Kino in Münster zu besuchen, eignet sich der Haltepunkt der Bahn in Bösensell. Denn der ist nicht barrierefrei, sondern dort verhindern Barrieren, was Gesetze bis hin zur UN-Behindertenrechtskonvention fordern – Inklusion als uneingeschränkte Teilhabe an allen Bereichen gesellschaft­lichen Lebens. Das wird beim Ortstermin der WN mit einem Betroffenen deutlich.

Der 28-jährige Bösenseller ist „körperlich fit“ und verfügt über einen hellwachen Verstand. Aufgrund einer Spastik ist er aber an den Rollstuhl gebunden. Seiner Mobilität setzt das enge Grenzen. Den Bus nach Münster könnte er nutzen, ohne am Einstieg zu scheitern. Doch müsste er mit seinem „Rolli“ entgegen der Fahrtrichtung sitzen, schildert er, was beim Ausprobieren mit akuter aufsteigender Übelkeit quittiert wurde.

Bleibt die Bahn, ohnehin das Mittel der Wahl für die Bösenseller. Doch dort hat der junge Mann immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht – und die Versuche vorerst eingestellt.

Einstieg in den Zug erfordert Zeit

Denn bereits mehrfach blieb der Rollstuhlfahrer auf dem Bahnsteig stehen, ohne in den Zug gelangt zu sein. Auch wenn er seine „Reise“ vorher bei der Bahn angemeldet hatte, wie die Familie beteuert. Der Einstieg in den Zug erfordert nämlich Zeit, um eine Rampe, die auf dem Bahnsteig befestigt ist, an den Zug zu schleppen und dann den Rollstuhlfahrer hochzuschieben.

Wie oft der junge Mann beim Versuch, seinem Alltag an PC und TV zu entfliehen, Schiffbruch erlitt, weiß er nicht mehr genau. „Gespürt war es jedes zweite Mal“, erinnert sich seine Mutter daran, dass ihr Sohn, dann immer „total geladen“ nach Hause zurückgekehrt sei. Gleichwohl gebe es auch Fälle, in denen andere Fahrgäste den 28-Jährigen samt „Rolli“ in den Zug gehievt hätten.

Der Rückweg von Münster entpuppt sich ebenfalls öfter als Sackgasse. Er sei im Hauptbahnhof vom Zugbegleiter aus dem Waggon gebeten worden, weil es für den Mann mit Handicap in Bösensell keinen Ausstieg gebe.

„Grenzwertige“ Rampen

Nicht nur der für ihn unüberwindbare Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Zugeinstieg, sondern auch die Rampen im Bahnhof seien „grenzwertig“, so der 28-Jährige, dem beim WN-Ortstermin kurz vor dem „Gipfel“ sichtbar die Kräfte schwinden. Was den Bahnhofsbesuch zum vergeblichen und riskanten Unterfangen macht.

Abhilfe würde die barrierefreie Sanierung schaffen. Sie zeichnet sich ab, sofern den Angaben der Bahn Glauben geschenkt wird. „Nach derzeitigem Stand geht die Deutsche Bahn davon aus, dass die Modernisierung des Bahnhofs Bösensell im dritten Quartal 2020 beginnen kann“, lauten die Angaben des Transportriesen. Ein Sprecher betont, dass auch für Rollstuhlfahrer das Reisen kein Problem sein dürfe, wenn sie vorher die Mobilitäts-Service-Zentrale ( 01806/512 512) einschalten. Auf die konkreten Vorwürfe des Bösensellers kann sich der Bahn-Sprecher keinen Reim machen.

Georg Jacobs hat sich als Bezirksbürgermeister des Falls angenommen und über die Gemeinde bei der Deutschen Bahn interveniert. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses Bösensell ist von der Situation ziemlich genervt: „Der Hinhaltetaktik der Bahn bin ich absolut überdrüssig.“

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