Chormusical Martin Luther King
„Da schwingt so viel mit“

Seit Wochen proben sie in Kirchen des Münsterlandes. Am 1. Februar formieren sich die gut 900 Sänger zu einem Mega-Chor und gestalten in der Halle Münsterland das Chormusical „Martin Luther King“ mit. Mehr als ein musikalisches Projekt, wie ein Besuch bei einer der finalen Proben zeigt.

Sonntag, 26.01.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 26.01.2020, 18:16 Uhr
Am 1. Februar ist das Chormusical Martin Luther King in der Halle Münsterland zu sehen.
Am 1. Februar ist das Chormusical Martin Luther King in der Halle Münsterland zu sehen. Foto: www.king-musical.de

Immer wieder schwingt die Flügeltür auf. Menschen schwappen in die Kirche. Betröpfelt vom Regen und in neongelben Warnwesten. Immer mehr Capes und Jacken tropfen an allen denkbaren Aufhängmöglichkeiten ab, während sich die Bank­reihen füllen. Aus ersten vernehmbaren Gesprächen wird ein Gemurmel. Das Gemurmel steigert sich zu einem Summen. „Im Keller sind noch Stühle“, meldet Hans Werner Scharnowski. Mit so vielen Sängerinnen und Sängern hat er nicht gerechnet. Die Empore ist schon voll besetzt. Die herbeigeholten Sitzgelegenheiten ­füllen den Mittelgang. Bis zu 250 Stimmen hatte der Pop-Kantor des Evangelischen Kirchenkreises erwartet. An die 300 müssen es an diesem Mittwochabend in der münsterischen Matthäuskirche im Südviertel sein, die proben wollen. Nur noch wenige Tage verbleiben bis zu dem Ereignis, auf das sie sich seit Monaten vorbereiten: das Chormusical „Martin Luther King“.

Teilnehmer aus dem ganzen Münsterland

„Dann lasst uns mal einsingen“, appelliert Scharnowski durch das Mikrofon. Er hat am E-Piano Platz genommen, während sich der Mega-Chor vor ihm wie in einer synchronisierten Choreografie erhebt. Ein geschäftiges Rauschen von Jacken, Polstern, Körpern – und dann kreisen an die 300 Schulterpaare, Lippen blubbern, Oberkörper ­strecken sich. „No, no, no“. „Ja, ja, ja“. „Je, je, je“. „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ tönt es durch den 50er-Jahre-Bau mit einem bemerkenswerten Volumen. Dabei ist der Chor noch nicht einmal komplett: An diesem Wochenende gehen zwei Hauptproben in der Stadthalle Hiltrup und der Apostelkirche über die Bühne. Dann umfasst der Chor sogar 700 Sängerinnenund Sänger.

Eine Woche später zieht der Tross in die Halle Münsterland um: Mit einer professionellen Bandund Bühnendarstellern spielen dann knapp 1000 Beteiligtezunächst bei der Generalprobe und am 1. Februar bei zwei Vorstellungen (14 und 19 Uhr, noch Restkarten erhältlich) die Lebensgeschichte des Bürgerrechtlers Martin Luther King in Form eines Musicals. Seit gut einem Jahr tourt das ­Konzept, hinter dem die Stiftung „Creative Kirche“ in Kooperation mit den regionalen Kirchenkreisen steht, durch Deutschland. Immer mit demselben, sehr erfolgreichen Modell: Bestehende Chöre, aber auch Einzelsänger melden sich an, erhalten die Partitur und steigen für sich und bei regionalen Proben in die Vorbereitung ein. Für „Martin Luther King“ haben sich die Sänger aus demganzen Münsterland über Monate in Warendorfund Münster getroffen.

 

 

Es ist ein Riesenspaß, mit so vielen anderen zu singen.

Christine Ahrends

Für Christiane Heining und Christine Ahrends das perfekte Konzept, um im Alltag mit Familie zum Singen zu kommen. „Es ist ein Riesenspaß, mit so vielen anderen zu singen“, erläutert Christine Ahrends, die schon vor einigen Jahren am Vorgängerprojekt „Amazing Grace“ teilgenommen hat. Ihre Freundin Christiane ließ sich von ihr für „Martin Luther King“ begeistern, und so tauchten die beiden jungen Frauen nicht nur ab in ein musikalisches Vorhaben, sondern be­gaben sich auf die Spur einer „mitreißenden Persönlichkeit“. Sie habe zwar schon einmal am Grab des Bürgerrechtlers in Atlanta gestanden, die Musicalinszenierung habe jedoch erst dazu geführt, dass sie sich intensiv mit seiner Lebens­geschichte befasst habe, erzählt Christiane Heining.

Engagement umgewandelt in wertvolle Zeit

Kantor Hans Werner Scharnowski, der die Aufführungen in Münster und Ende Februar in Bochum dirigiert, weiß, dass das Projekt „Chormusical“ damit einen Nerv trifft: Sich langfristig zu engagieren, passt nicht zum Alltag und zum Leben vieler Menschen. Projekte dagegen, zeitlich begrenzte En­gagements, sind beliebt. „Die Leute opfern viel Zeit. Sie ­haben ein Anrecht darauf, dass es eine wertvolle Zeit wird“, erklärt der Berufsmusiker die Idee des Konzepts. Für ihn persönlich sei es „musikalischer Breitensport“. Im Musical vermischen sich Genres von Pop bis Gospel, von Motownbis Rock und Funk. Eben ganz so wie die ausgehenden ­60erJahre klangen, als Martin Luther King mutig von ­seinen Träumen sprach und für die Bürgerrechte einstand. Die Songs schildern in ihren Texten Luther Kings Vision einer besseren Welt, thematisieren aber auch die Dilemmata und Zwiespälte, in denen er sich wiederfand. Hans Werner Scharnowski: „Das geht unter die Haut“.

„Macht schöne Vokale“, wünscht sich Scharnowski beim Song „Ob es sich lohnt“. Und die 300 Sänger geben ihm harmonische Selbstlaute. Da ist er, dieser füllige, warme Kirchentagssound. Harmonie aus Hunderten Kehlen. Mit einem Volumen, das ergreift. „Das ist so ein irres Gefühl“, beschreibt Sängerin Melanie Decher und lässt sich für einen Augenblick vom Singen abhalten. „Da schwingt so viel mit. Die Noten sind nicht die Herausforderung, sondern mit so vielen Stimmen einen Klangkörper aufzubauen.“

Für die Münsteranerin beinhaltet jeder Song einen Impuls, eine Botschaft, die zeitgemäß formuliert ist.„Eine Wahnsinnserfahrung.“ Zusammen mitihrer Tochter besucht sie die Proben und freut sich auf die Aufführungen vor fast 3000 Zuschauern in der Halle Münsterland. „Danach ist es dann aber auch gut“. Doch nicht nur sie persönlich bewege das Projekt im Großformat. Auch in die Matthäusgemeinde, die seit September Gastgeber für die Proben ist, strahle das Thema. In den kommenden Wochen stünden Luther Kings Biografie und Vision im Mittelpunkt von Mini-Predigten in den Sonntagsgottesdiensten.

Man ist hier Teil einer Gemeinschaft, auch wenn man sich gar nicht kennt.

Elizabeth Fry

„Wir brauchen in dieser Welt heute wieder die Botschaft des Evangeliums“, sagt Elisabeth Schäffer, die ein paar Reihen weiter neben ihrer Freundin Elizabeth Fry sitzt. Auch sie ist eine der vielen „Wieder­holungstäterinnen“, die schon bei einem der Vorgänger­projekte dabei waren. Daher weiß sie: „Man wird damit gehört.“ Auch im wahrsten Wortsinn wegen der Masse der Stimmen. „Man ist hier Teil einer Gemeinschaft, auch wenn man sich gar nicht kennt“, ergänzt Elizabeth Fry. Und Teil einer beeindruckenden Menschenmenge, die gerade durch die Matthäuskirche wogt. „Wie Wasser, wie Wasser, wie Wasser“ singen die einzelnen Stimmlagen nacheinander und heben ihre Notenmappen. Eine akustische Dynamik entsteht. Die Bewegungen unterstreichen sie optisch. „Baut es ein bisschen mehr auf“, appelliert Chorleiter Scharnowski. Und 300 Stimmen reagieren wie ein feinst abgestimmtes Rennauto. Prompt. Akzentuierter. Voluminöser. „Es ströme das Recht . . . Wie Wasser, wie Wasser, wie Wasser.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7220054?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker