Sebastian Goddemeier hat als Schüler unter Ausgrenzung gelitten
„Ich wusste nie, wo ich dazugehörte“

Drensteinfurt -

Zehn Jahre ist es her, dass Sebastian Goddemeier seinen Realschulabschluss gemacht hat. Sieben Jahre, seit er Drensteinfurt den Rücken gekehrt hat. Fast war es eine Art Flucht, denn der heute 26-Jährige hat unter Ausgrenzung und Anfeindungen gelitten - weil er homosexuell ist.

Freitag, 17.01.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 20.01.2020, 16:00 Uhr
Als Jugendlicher fühlte Sebastian Goddemeier sich nirgends so richtig zugehörig.
Als Jugendlicher fühlte Sebastian Goddemeier sich nirgends so richtig zugehörig. Foto: Sebastian Goddemeier/Bernardo Martins

Es hat sich einiges geändert, seitdem Sebastian Goddemeier vor zehn Jahren seinen Realschulabschluss in Drensteinfurt gemacht hat. Doch die schlechten Gefühle von einst, die sind immer noch da. „Ein Korridor wurde angebaut, in roten Ziegelsteinen mit bodentiefen Fenstern. Am Ende dieses neuen Ganges, von dem die Klassenzimmer abgehen, befinden sich die Toiletten: eine für Mädchen und eine für Jungen. Ich stehe genau dazwischen. So fühlte es sich an, als Homosexueller in Drensteinfurt aufzuwachsen“, sagt Sebastian Goddemeier. „Es gab nur diese zwei Optionen. Ich wusste nie, wo ich dazugehörte.“

Goddemeier ist 26 Jahre alt, arbeitet als Journalist - und bekennt sich heute offen zu seiner Homosexualität. Viele Jahre hat er unter Ausgrenzung und Anfeindungen gelitten. Mittlerweile hat er sich ein neues Leben in Berlin aufgebaut. In einem Artikel für das Online-Magazin „Vice“ schreibt er zum ersten Mal über seine schwierige Jugend: „Die anderen Kinder ließen mich spüren, dass ich kein Teil ihres Fußballjungen-und-Pferdemädchen-Kosmos war. Sie riefen mir ‚Mädchen‘ oder ‚Schwuli‘ hinterher, bedrängten mich nach dem Unterricht. Jahrelang.“

Mit 16 Jahren machte Sebastian Goddemeier seinen Schulabschluss, mit 19 kehrte er dem Münsterland den Rücken und landete in Berlin. Er arbeitete als Model, studierte Journalismus. Heute schreibt er freiberuflich für die taz, den Tagesspiegel und die Vice. Goddemeier blickt zurück auf die erste Zeit in der Großstadt: „Dort interessierte es niemanden, wer ich war und mit wem ich schlief. Trotzdem war da noch diese Scham in mir, mit der ich mich nie auseinander gesetzt hatte. Ein Stück Dorf, das ich überall mit hin trug und das mir sagte: Mit dir stimmt etwas nicht.“ Nähe zu anderen Menschen konnte er lange nicht wirklich zulassen, aber allein sein konnte er auch nicht.

In den Schulpausen versteckt

Zehn Jahre ist es her, dass er die Realschule in Drensteinfurt verlassen hat. „Heute stehe ich wieder hier, und alles ist noch so wie damals. Neben der Wand befindet sich eine Tür, ein Gang, eine Toilette. Dort versteckte ich mich in manchen Pausen, wenn die Angst zu groß wurde. Wenn ich wieder die Blicke auf mir spürte und andere Kinder tuscheln hörte. Ich war immer auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mich sicher fühlen konnte.“

Es ist sehr schwer, man selbst zu sein, wenn man nicht weiß, wie das geht oder wer das eigentlich ist.

Sebastian Goddemeier

Goddemeier, der in seiner Jugend als freier Mitarbeiter für die Westfälischen Nachrichten und die Dreingau Zeitung arbeitete, hat nach der Schulzeit lange gebraucht, um seinen eigenen Weg zu finden. „Es ist sehr schwer, man selbst zu sein, wenn man nicht weiß, wie das geht oder wer das eigentlich ist. Ich war immer noch das ängstliche Kind, das sich verstecken wollte. Ich hatte nur die Schultoilette gegen eine Maske getauscht: exzentrische Kleidung, Partys, Alkohol, oberflächliche Freundschaften und Affären. Ich wollte nie wieder verletzt werden. Ich wollte mich nie wieder wie der hilflose, schwule Junge auf dem Dorf fühlen.“

Eine Diskussion anstoßen

Nach der Veröffentlichung des Artikels habe er Nachrichten von einigen Teenagern aus Drensteinfurt erhalten, die von ähnlichen Erlebnissen berichten. Er hofft, auf diesem Weg eine Diskussion anzustoßen. „Freiheit ist das, was du mit dem tust, was dir angetan wurde“, zitiert Sebastian Goddemeier den Philosophen Jean-Paul Sartre. Und auch er selbst holte sich nach und nach seine Freiheit zurück.

Mädchen und Jungen: „Heute bin ich dankbar, nicht mehr zwischen diesen zwei Schildern zu stehen, die mich so lange an mir selbst haben zweifeln lassen“, schreibt Sebastian Goddemeier. „Ich bin ein schwuler Mann, der seine feminine Seite auf der Bühne auslebt und seine maskuline Seite beim Boxen rauslässt. Das Schlüsselwort heißt Ambivalenz – als Kind und Jugendlicher wusste ich das nicht. Ich brauche vor allem mich selbst, um zu wissen, was richtig und was gut ist. Das ist die Sicherheit, nach der ich mich so lange gesehnt habe.“

Teamschule setzt auf Prävention und Information

In der Drensteinfurter Schullandschaft hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt einiges getan. Die Städtische Realschule und die Christ-König-Hauptschule gibt es nicht mehr. Dafür die Teamschule, die vor sieben Jahren mit einem modernen Lernkonzept an den Start gegangen ist. Und in diesem nehmen das Thema „Mobbing“ und die entsprechende Prävention viel Raum ein, wie Schulleiterin Anja Sachsenhausen erläutert.

Mobbing in all seinen Ausprägungen sei ein gesamtgesellschaftliches Thema. „Jeder kann zum Opfer werden, wenn er vielleicht nicht ganz der sozial akzeptierten Norm entspricht“, weiß Sachsenhausen. Ihr liegt das Thema grundsätzlich sehr am Herzen. Denn auch wenn die Werteerziehung eigentlich innerhalb der Familie stattfinden müsse, damit innerhalb der Schule darauf aufgebaut werden könne, habe man schon grundsätzlich einen rechtlich definierten Auftrag – und zwar unter anderem die „Förderung der Akzeptanz unter allen Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Identität“. So ist es im NRW-Schulgesetz verankert.

Vor allem Prävention und Information seien entscheidende Faktoren, sagt die Schulleiterin. Dabei arbeitet die Teamschule mit verschiedenen außerschulischen Partnern zusammen. In erster Linie ist da die Schulpsychologische Beratungsstelle zu nennen, die im Kreis-Schulamt in Warendorf angesiedelt ist. An diese können sich Lehrer wenden, die Informationsbedarf haben. „Denn nicht nur die Kinder, auch die Lehrer müssen beraten werden. Mobbing findet oft im Verborgenen statt“, sagt Anja Sachsenhausen. „Und wenn die Konfliktlösung den betroffenen Kindern und Jugendlichen aus eigener Kraft nicht möglich ist, ist es notwendig, dass die Lehrkräfte entsprechend geschult sind.“

Strategien zur Konfliktlösung

Dem Alter angemessen, gibt es in der Teamschule unterschiedliche Projekte, die zum Beispiel das Sozialverhalten beleuchten, Strategien zur Konfliktlösung aufzeigen sowie die Normen und Werte der Demokratie behandeln. „Die Projektwoche ‚Sexualität‘ etwa greift auch die Vielfalt der sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten fächerübergreifen auf“, erläutert Anja Sachsenhausen. Die Woche sei im siebten Jahrgang angesiedelt – kurz vor Beginn der Pubertät, wenn das Thema bei den Schülern immer mehr an Bedeutung gewinne.

Die Schüler dort wissen alle, dass sie zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Konzepts.

Teamschulleiterin Anja Sachsenhausen

In der Region existieren viele Vereine und Institutionen, an die Mobbing-Opfer sich wenden können. Diverse Flyer dazu liegen an zahlreichen Stellen im Schulgebäude aus. Aber auch innerschulisch gibt es Gruppen und Personen, die Hilfestellung bieten. In erster Linie sind das die Schulsozialarbeiter Simone Minnemann und Arne Maronde. Aber auch die Streitschlichter und die Medienscouts – Letztere haben sich schon vor Längerem insbesondere des Themas „Cybermobbing“ angenommen – seien auf Augenhöhe ansprechbar.

„Die Schüler dort wissen alle, dass sie zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Konzepts“, betont die Teamschulleiterin, die immer gerne auch die Familien mit ins Boot nehmen möchte. „Dafür muss allerdings der richtige Zeitpunkt gefunden werden. Denn manchmal gehen die Türen dann auch schnell wieder zu“, bezieht sie sich auf die Betroffenen, die den Mut hatten, ihr Schweigen zu brechen und sich mit ihrem Problem überhaupt jemandem anzuvertrauen. Und wer das gewagt hat, dem sollen in der Teamschule so viele Türen wie eben möglich offen stehen.

Kommentar: Einfach schäbig

Der Glaube, die Herkunft, die sexuelle Orientierung – oder auch nur die falsche Nase: Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum jemand zum Mobbing-Opfer werden kann. Und für alle Fälle gilt: Jemanden niederzumachen, nur weil er „anders“ ist oder um sich selbst stärker zu fühlen, ist einfach schäbig. Mobbing kommt in allen Gesellschaftsschichten vor: im Netz, in der Stadt und auf dem Land. Aber wo beinahe jeder jeden kennt und man schnell zum „Stadtgespräch“ werden kann, hat man vielleicht tatsächlich eher das Gefühl, mit seinen Ängsten und Problemen allein zu sein. Mehr Empathie, mehr Miteinander, mehr Hinschauen, mehr Aufklärung: Dafür müssen wir uns alle geschlossen stark machen. (ne)

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7200587?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker