Bernhard Daldrup plädiert für neue Strukturen im Wohnungsbau
Mietpreise wie in Wien

Kreis Warendorf -

Die Wohnungsnot ist hausgemacht. Dabei ermöglicht sogar die Metropole Wien ihren Bürgern bezahlbaren Wohnraum. Dieser Weg sollte auch in Deutschland Schule machen, regt Bernhard Daldrup, Sprecher für Bauen und Wohnen der SPD-Bundestagsfraktion, im Interview an.

Freitag, 17.01.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 17.01.2020, 13:56 Uhr
745 Anträge auf Baukindergeld
745 Anträge auf Baukindergeld Foto: Klaus Meyer

Zu wenige Wohnungen und viel zu hohe Mieten. Das gibt es nicht nur in München und Münster, sondern auch im Kreis Warendorf. Über die Lage am Wohnungsmarkt sprach Redakteurin Beate Kopmann mit Bernhard Daldrup, Sprecher für Bauen und Wohnen der SPD-Bundestagsfraktion.

 

Seit Jahren klagen Bürger, dass sie keine bezahlbare Wohnung finden. Ist inzwischen eine Kehrtwende abzusehen?

 

Daldrup:  Nein, wir werden noch lange mit dem überhitzten Wohnungsmarkt zu tun haben. Dabei ist dieser Markt zweigeteilt. In Städten wie Münster findet man kaum bezahlbare Wohnungen, weil vor allem in den Zentren bundesweit rund 1,5 Millionen Wohnungen fehlen – aber im Osten Deutschlands oder auch im Ruhrgebiet haben wir 1,5 Millionen Leerstände. Die Schere geht immer weiter auseinander. Während wir hier im Kreis Warendorf im Schnitt 6,50 Euro Miete für den Quadratmeter zahlen, sind es in München 18 Euro – und ich rede hier von Kaltmiete.

Was tut die große Koalition, um die Kehrtwende am Wohnungsmarkt wenigstens einzuleiten?

 

Daldrup: Wir haben drei Ziele. Erstens wollen wir die Bürger von explodierenden Mieten schützen – unter anderem durch die Mietpreisbremse. Zweitens fördern wir Investitionen in den Wohnungsbau. Allein fünf Milliarden Euro fließen jetzt in den sozialen Wohnungsbau. Und drittens wollen wir das Baurecht modernisieren, damit schneller gebaut werden kann.

Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie diese Ziele erreichen?

 

 

Daldrup: Die Koalition hat zum Beispiel das Baukindergeld eingeführt. Allein im Kreis Warendorf wurden bislang rund 600 Anträge darauf gestellt: 246 im Jahr 2018 und bis Dezember 2019 waren es 499, insgesamt also 745. Durch das Baukindergeld wurden Fördermittel in Höhe von 15,5 Millionen Euro gebunden. Das Instrument ist ein Beitrag zur Eigentumsbildung. Hier in der Region ist das für Normalverdiener auch noch möglich. In Frankfurt werden in Top-Lagen inzwischen 10 000 bis 15 000 Euro für den Quadratmeter gezahlt. Dann müssen für eine 100-Quadratmeter-Wohnung bis zu 1,5 Millionen Euro auf den Tisch gelegt werden. Das ist mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht leistbar.

Auch im Kreis Warendorf sind die Bodenpreise in manchen Orten deutlich gestiegen. Was kann getan werden, um die Bildung von Wohneigentum voranzutreiben und für angemessene Mieten zu sorgen?

 

Daldrup: Die Stadt Wien hat einen guten Weg gewählt. Dort zahlen Mieter im Schnitt nicht viel mehr für die Wohnungen in öffentlicher Hand oder der Genossenschaften als hier bei uns im Kreis Warendorf. In Wien ist der Wohnungsbau allerdings auch nicht privatisiert worden wie bei uns in Deutschland, sondern eine öffentliche Aufgabe. Außerdem müssen die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften keine Gewinne an den kommunalen Haushalt abführen. Und natürlich kann Wien die Mietpreisentwicklung auch deshalb besser steuern, weil rund 220 000 Wohnungen im Besitz der Stadt sind und weitere 200 000 gemeinnützigen Genossenschaften gehören. In Deutschland dagegen müssen mehr als 40 Prozent der Mieter über 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens nur für den Wohnraum aufbringen. Das kann so nicht bleiben. Mehr als 30 Prozent seines Einkommens sollte niemand für die Miete zahlen müssen.

Gibt es weitere Faktoren, die den Wohnungsmarkt positiv beeinflussen?

 

Daldrup: Die Optimierung des ÖPNV ist ein wichtiges Thema. Auch deswegen ist es von großer Bedeutung, dass beispielsweise die WLE für den Personenverkehr reaktiviert wird. Davon wird der Kreis Warendorf profitieren. Denn viele Berufstätige werden zwar in Münster arbeiten, aber im Kreis Warendorf wohnen – einfach, weil die meisten Familien kein bezahlbares Haus in Münster finden. Neben dem ÖPNV spielt ferner der Klimaschutz eine Rolle. Seit Jahresbeginn gibt es neue Förderprogramme zur energetischen Gebäudesanierung. Bei Investitionen bis zu 200 000 Euro können immerhin 20 Prozent der Kosten steuerfrei abgesetzt werden – und das über einen Zeitraum von drei Jahren. Das ist ein toller Anreiz für Besitzer älterer Häuser.

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