Es fährt kein Zug nach irgendwo
Bauarbeiten und Streik machen Bahnfahrern das Leben schwer

Münsterland -

Als hätten es Bahnfahrer nicht eh schon schwer genug: In diesen Tagen, Wochen, gar Monaten müssen sie besonders stark sein. Denn zu den üblichen Problemen kommen geplante Bauarbeiten und der seit Wochen andauernde Streik bei der Eurobahn hinzu. Da ächzen selbst die Bahnunternehmen, die versuchen, die Lücken mit Schienenersatzverkehren zu schließen.

Donnerstag, 09.01.2020, 17:14 Uhr aktualisiert: 09.01.2020, 17:30 Uhr
Eine Eurobahn sieht man in diesen Tagen seltener als die Hinweise auf Ausfälle auf den Anzeigetafeln der Bahnhöfe.
Eine Eurobahn sieht man in diesen Tagen seltener als die Hinweise auf Ausfälle auf den Anzeigetafeln der Bahnhöfe. Foto: Dietmar Jeschke

Auf den Bahnsteigen und in den Bahnhöfen bietet sich derzeit fast überall ein ähnliches Bild. „Dieser Zug fällt heute aus“, steht dort immer häufiger lapidar auf der Anzeigentafel. Unter „Sonderzug“ verbirgt sich gerne ein „Bus SEV“, also Schienenersatzverkehr. Und im hochfrequentierten münsterischen Hauptbahnhof scheint die Stimme aus dem Lautsprecher, die Verspätungen und Ausfälle verkündet, gar nicht mehr zu verstummen. Die Züge, die noch fahren, sind nicht nur in den Stoßzeiten häufig so überfüllt, dass Passagiere mitunter gar nicht mehr einsteigen und lieber auf dem Bahnsteig stehen bleiben.

Das Chaos ist die Folge einer Verkettung von Ursachen. Einer davon: Der Streik der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), der seit Anfang Dezember die Züge der Eurobahn mehr und mehr lahmlegt. „Es war klar, dass der Streik lange dauern wird, weil er nur so wirkt“, erklärt Lothar Ebbers, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn NRW, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Denn die EVG habe vergleichsweise wenige Mitglieder im fahrenden Personal, gestreikt wird deshalb etwa im Wartungswerk Hamm-Heessen. So gehen der Eurobahn nach und nach die Züge aus – die stattdessen auf die nächste Wartung warten. Das führt zu massenhaften Ausfällen etwa auf den Strecken von Münster nach Bielefeld, Rheine und Osnabrück. Und es ist liegt auf der Hand, dass es nach Streikende noch viele Wochen dauern wird, bis der Stau im Instandhaltungswerk abgearbeitet ist und alle Wagen wieder fahren dürfen.

Baustellen

Langfristig angekündigte Störungen gibt es durch Baustellen, allen voran acht Monate lang auf der Strecke Münster–Lünen. Hier werden Gleise saniert – notwendig, aber ähnlich lästig wie neue Winterreifen fürs Auto: teuer und mühsam – und hinterher ist nur der Status Quo gesichert, von Verbesserungen keine Spur. „Am Ende ist das auch nur Stillstand“, findet Fahrgast-Sprecher Ebbers, der hier und dort auf einen Ausbau hofft.

Infrastruktur ist im Münsterland generell gut

Dabei stellt er der Schienen-Infrastruktur im Münsterland generell ein ganz gutes Zeugnis aus, wenngleich der Hauptbahnhof in Münster als wichtigster Knoten der Region überlastet sei: „Die Hauptstrecken sehen ganz gut aus.“ Deutlich besser jedenfalls als etwa in Ostwestfalen und am Niederrhein. Allerdings würden zunehmend die Kapazitäten knapp, weil durchrauschende Intercitys und Güterzüge den Nahverkehr behinderten. Und die Nebenstrecken müssten dringend technisch modernisiert werden.

Kummer gewohnt

„Die Bahn hat im Bereich des Zweckverbands Nahverkehr Westfalen-Lippe deutlich an Bedeutung gewonnen“, freut sich der Pro-Bahn-Sprecher. Auf manchen Strecken habe sich die Zahl der Fahrgäste in 20 Jahren verdoppelt. „Durch die aktuelle Situation werden Fahrgäste zeitweise abwandern“, ist er sicher. Und hofft, dass sie später zurückkommen. Sie sind ja gewissen Kummer gewohnt.

Kommentar: Frust ist verständlich

Bahnfahrer jammern. Wann immer das Gespräch auf den Zug kommt, beginnen die Horrorgeschichten von ausgefallenen Verbindungen, überfüllten Zügen und miserabler Kommunikation. Leider verständlich: Gründe für großen Frust gibt es täglich.

Die aktuell besonders miese Lage auf den münsterländischen Strecken ist Ergebnis von Sondereffekten. Der Streik sorgt für ein riesiges Chaos – aber er ist eben auch ein legitimes Mittel. Und Bauarbeiten sind – genau wie auf den Straßen übrigens – nötig, um den Verkehr am Laufen zu halten.

Also sollten Bahnfahrer, insbesondere Pendler, in diesen Tagen noch geduldiger sein als eh schon. Auf der anderen Seite muss der Schienenersatzverkehr verlässlicher klappen, als es oft der Fall ist. Da ist noch ganz viel Luft nach oben. | (Gunnar Pier)

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