Dramatischer Notfall
Kliniktür zu - Patient liegt in der Kälte

Lengerich -

Vor dem Haupteingang der Helios-Klinik in Lengerich hat ein Patient bei Minusgraden mit epileptischen Anfällen rund eine Dreiviertelstunde vor der verschlossenen Tür gelegen, ohne behandelt zu werden. Zeugen hatten den Mann in der Nacht zum 1. Dezember entdeckt, unterkühlt und eingenässt, wie einer von ihnen gegenüber unserer Zeitung berichtete.

Dienstag, 07.01.2020, 17:52 Uhr aktualisiert: 07.01.2020, 18:55 Uhr
Vor dem Haupteingang der Helios-Klinik in Lengerich lag ein Patient, kam aber nicht hinein. Die – auch nachts geöffnete – Ambulanz liegt oben rechts
Vor dem Haupteingang der Helios-Klinik in Lengerich lag ein Patient, kam aber nicht hinein. Die – auch nachts geöffnete – Ambulanz liegt oben rechts Foto: Michael Baar

Der Ersthelfer lief daraufhin zur Ambulanz derselben Klinik, um per Notfalltelefon um Hilfe zu rufen. Obwohl eine Stimme Hilfe ankündigte, vergingen noch mehrere Minuten – so viele, dass die Zeugen schließlich einen Rettungswagen riefen. Dessen Besatzung brachte den Mann schließlich zur Ambulanz. Arne Hesselmann, Pflegedirektor der Klinik, bestätigte den Vorfall, genauso wie eine Sprecherin des Kreises Steinfurt, der für den Rettungsdienst zuständig ist.

Laut Klinik war offenbar eine missglückte Kommunikation Grund für die Verzögerung. Franz-Josef Tiltmann, Bereichsleiter des Zentrums für Notfallmedizin und Diagnostik, sagt, dass der Satz der Zeugen „Da liegt jemand vor ihrer Tür“ eine Krankenschwester auf die falsche Fährte gelockt habe: Die vermutete den Patienten vor der Tür der Ambulanz, nicht vor dem Haupteingang. Da die Klinik am Hang gebaut ist, sind die Zugänge zwar beide von vorne zu sehen, befinden sich aber auf unterschiedlichen Ebenen. Sie lief zu dem oberen, tatsächlich lag der Patient aber unten. Wegen Glättegefahr hätte sie sich für den Weg durchs Haus entschieden. All das habe Zeit gekostet. „Wenn sie gewusst hätte, dass der Haupteingang gemeint ist, hätte das nur 1,5 Minuten gedauert“, sagt Hesselmann.

Das ist echt bescheuert, wenn jemand vor einem Krankenhaus liegt und da kommt keiner.

Arne Hesselmann, Pflegedirektor der Klinik

Auf dem Weg habe die Krankenschwester bereits die diensthabende Neurologin gerufen. Die beiden seien etwa sieben Minuten nach dem Notruf bei der Ambulanz bei dem Patienten gewesen und hätten ihn zuerst versorgt. Der Rettungswagen sei dazugekommen, seine Besatzung habe den Patienten mit einer Trage zur Ambulanz gebracht.

Hesselmann gibt zu, dass der Zwischenfall „mehr als unglücklich“ ist. „Wir bedauern das auch sehr. Das ist echt bescheuert, wenn jemand vor einem Krankenhaus liegt und da kommt keiner“, sagte er.

Der Haupteingang wird zwar per Kamera überwacht, aber nicht regelmäßig von medizinischem Personal geprüft. Sie diene nur dazu, Zwischenfälle wie etwa Vandalismus aufzuzeichnen. Die Kamera zeigt den Patienten zum ersten Mal um 2:24 Uhr auf dem Gelände der Klinik, die Ersthelfer seien um 3.03 Uhr aufgetaucht und haben um 3.08 Uhr telefoniert, vermutlich, um die 112 zu rufen. Um 3.15 Uhr seien die Krankenschwester und die Neurologin erschienen, um 3.19 Uhr die Feuerwehr. Gegen 3.30 Uhr sei er abtransportiert worden. Wie es mit dem Patienten weiterging, sagte die Klinik nicht, um seine Daten zu schützen. Er habe die Klinik aber wieder verlassen.

Hesselmann zufolge gab es in den elf Jahren, die er in der Klinik arbeitet, keinen vergleichbaren Fall. Vor acht Jahren sei die Beschilderung optimiert worden. Sie weist unter anderem darauf hin, dass der Haupteingang täglich um 21.30 Uhr abgeschlossen wird. Nach der Kontaktaufnahme unserer Zeitung mit der Klinik will sie in den nächsten 14 Tagen eine neue Gegensprechanlage vom Haupteingang bis zur Ambulanz legen lassen. Doch klar ist: Dem Patienten mit den Anfällen hätte auch die nicht geholfen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7177331?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker