Prozess am Landgericht
Kind schläft nicht – Mutter gibt ihm Methadon

Münster -

Sie wollte, dass ihr Kind im Kindergarten mithalten kann. Doch weil das Mädchen so schlecht schlief und es immer so müde war, begann die Steinfurterin, von ihrem eigenen Methadon etwas abzuzwacken und es dem Kind zu geben. Seit Montag steht die 34-jährige Frau deswegen vor dem Landgericht in Münster.

Montag, 16.12.2019, 13:04 Uhr
Prozess am Landgericht: Kind schläft nicht – Mutter gibt ihm Methadon
(Symbolbild) Foto: dpa

Im Saal A 10 sitzt keine heruntergekommene Drogenabhängige auf der Anklagebank, sondern eine schluchzende Mutter, die jedes Medikament beim Namen nennen kann, jeden Monat kennt, in dem eine Therapie angefangen hat und jede Dosis in Milligramm und Millilitern benennen kann. Aber warum sie ihrem Kind Methadon gegeben hat, das kann sie nicht erklären.

Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie seit der Geburt ihres Kindes im Mai 2015 in einer Ausnahmesituation steckt. Ihre Tochter hatte kurz nach der Geburt erste epileptische Anfälle, musste von ihrer Mutter schon wiederbelebt werden, sie schlief nicht und entwickelte sich langsamer als andere Kinder. Die ersten Jahre sind – das glaubt man der Frau gerne – der reine Horror.

11.000 Euro Schulden angehäuft

Gleichzeitig ist die Mutter seit Jahren abhängig von Medikamenten. Als Auszubildende zur Arzthelferin fing die Steinfurterin damit an, Schlaftabletten zu schlucken, weil sie für zwei schwangere Kolleginnen die Arbeit miterledigen musste und mit dem Stress nicht mehr schlafen konnte. Davon kam sie wieder los, doch nachdem sie Ende 2012 wegen Bandscheibenbeschwerden und Migräne Schmerzmittel bekam, verfing sie sich in einem Netz voller Schlafmittel, Psychopharmaka und Methadon. Auf der einen Seite erkannte sie, dass sie „extrem süchtig“ ist, auf der anderen fand sie im Internet Wege zu Ärzten „irgendwo in England oder auf den Antillen“, die ihr Rezepte schickten, mit denen sie ihren Bedarf an Medikamenten zu stillen wusste. 2018 hatte sie 11.000 Euro Schulden angehäuft.

2015 wurde sie schwanger, nahm weiter Schmerzmittel, bis sie in der Suchtambulanz auf Methadon umgestellt wurde. Im Mai kam das Mädchen zur Welt. Anfang März 2019 hatte sie die Idee, die sie selbst als „dumm“ und der Staatsanwalt als „beschissen“ bezeichnete: „dass das Kind mit Methadon vielleicht durchschlafen könnte. Ich wollte einfach nur, dass mein Kind weiß, wie es ist, durchzuschlafen“, sagt die 34-Jährige den Richterinnen. Die Versuche, sie tagsüber vom Schlafen abzuhalten, vorm zu-Bett-gehen zu baden oder ihr ein Lavendelkissen mit ins Bett zu legen, seien alle wirkungslos geblieben.

Postkarten als Kontakt zum Kind

Bekannt wurde die Methadon-Gabe schließlich in der Uniklinik. Dort hatte ein Urin-Test ungewöhnliche Werte gezeigt, als das Mädchen mit einer Lungenentzündung behandelt wurde. Da nützte es auch nichts mehr, dass sie das Opiat ab- und durch ein Beruhigungsmittel ersetzt hatte: „Ich hatte Angst, dass man merkt, dass ich ihr Methadon gebe." Das Beruhigungsmittel sollte die Entzugserscheinungen mildern. Gesprochen hat sie offenbar darüber mit niemandem: „Weil ich mich geschämt habe, so etwas Schlimmes zu tun“, sagte sie weinend.

Seit dem 24. Juni sitzt sie in U-Haft. Das Sorgerecht wurde ihr entzogen. Ihr Bruder berichtet ihr, wie es dem Kind geht. Für sie seien Postkarten die einzige Möglichkeit, Kontakt zu dem Kind zu haben und ihm zu schreiben, wie sie es vermisse. Unter Tränen erklärt sie: „Ich bereue nichts mehr in der Welt als das, was ich getan habe.“

Die Frage bleibt, warum eine intelligente Fachabiturientin und ausgebildete Speditionskauffrau, die eine Ausbildung zur Arzthelferin nach zwei Jahren abgebrochen hat und die persönliche Erfahrungen mit Suchtberatung gemacht hat, so gut wie nichts von Nebenwirklungen durch Methadon gewusst haben wollte („Ich habe gedacht, es passiert nichts Schlimmes, weil ich es ja auch in der Schwangerschaft bekommen habe“). Das will das Gericht in den kommenden Wochen klären.

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