Trauernde Eltern helfen sich gegenseitig
„Ich liebe mein Kind heute anders“

Lengerich -

Fünf Mütter und ein Vater sitzen im Gemeindehaus der katholischen Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen. Sie alle haben einen schweren Verlust zu tragen – den Tod eines Kindes. Die Gruppe hilft ihnen, mit diesem Schicksalsschlag umzugehen.

Sonntag, 08.12.2019, 06:26 Uhr aktualisiert: 08.12.2019, 16:16 Uhr
Zum Gedenken an verstorbene Kinder werden auch 2019 wieder am 8. Dezember weltweit Kerzen angezündet.
Zum Gedenken an verstorbene Kinder werden auch 2019 wieder am 8. Dezember weltweit Kerzen angezündet. Foto: WN / privat

„Ich liebe mein Kind heute anders“, sagt Marion Herdtler. Es ist kurz nach 17 Uhr. Neben ihr sitzen noch vier weitere Mütter und ein Vater in dem Raum gleich links im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben ein Kind verloren. Marion Herdtlers Sohn war 23 Jahre alt als er starb. Sie erzählt, wie er im Türrahmen steht – „ich hatte Geburtstag“ –, sich verabschiedet und der Runde einen vergnüglichen Abend wünscht. Wenige Stunden später ist er tot. Neun Jahre ist das jetzt her. Tobias starb am Plötzlichen Herztod.

Der einzige Vater an diesem frühen Abend hat ebenfalls einen Sohn verloren. Der wurde 17 Jahre alt. Bei einem Verkehrsunfall 2013 starb er. „Eigentlich wollte Benjamin früh nach Hause kommen“, erzählt der Vater. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Obwohl der Raum im Gemeindehaus nur spärlich beleuchtet ist, sind sie zu sehen. Ein Freund sei vorbeigekommen, er habe Benjamin sprechen wollen und sich auch gewundert, wo er bleibe. Ein weiterer Freund habe etwas später von einem Unfall an einer Kreuzung mit einem blauen Pkw erzählt.

Dann standen irgendwann Polizisten an der Haustür. „Auf dem Weg ins Krankenhaus ist er gestorben“, sagt der Vater. Er erzählt von diesem Abend leise, traurig, es fällt ihm schwer. Irgendwann fällt auch dieser Satz: „Wir haben uns ins Leben zurückgekämpft.“ Der Vater macht eine Pause und fügt hinzu: „Kampf ist das richtige Wort.“

Ansprechpartner für andere Mütter und Väter

Psychologische Hilfe zu bekommen sei sehr schwierig gewesen, erzählt er weiter. Die Trauergruppe habe ihm und seiner Frau geholfen. Fünf Gruppen für Eltern, die ein Kind verloren haben, gibt es in Lengerich. Die Gruppen sind für Eltern, deren Kinder später, nicht nach der Geburt oder im Kleinkindalter, verstorben sind. Pastoralreferent Norbert Brockmann, der selber nicht betroffen ist, leitet diese Gruppen beziehungsweise koordiniert sie seit nunmehr fast 30 Jahren.

Die Eltern, die gerade über den Tod eines ihrer Kinder sprechen, bilden eine Kerngruppe. Heißt: Sie sind auch Ansprechpartner für andere Mütter und Väter, organisieren Treffen und Gespräche. An diesem Sonntag, 8. Dezember, beginnt um 17 Uhr in der Margareta-Kirche ein Gottesdienst, zu dem alle, die ein Kind verloren haben, egal ob sie glauben oder nicht, eingeladen sind.

„Es ist schön, wenn ich den Namen von Tobias höre“, sagt Marion Herdtler. Der Name jedes verstorbenen Kindes wird im Gottesdienst vorgelesen, für jedes Kind – das bleibt man, auch wenn man 23, 35 oder noch älter ist – wird eine Kerze angezündet.

Kontakt zu den Trauergruppen

Wer zu den Trauergruppen Kontakt aufnehmen möchte, kann das über die Homepage www.trauernde-eltern.de tun. Jeder ist auch zum Gottesdienst am 8. Dezember, 17 Uhr, in der Margareta-Kirche in Lengerich, Bahnhofstraße 113, willkommen oder kann Norbert Brockmann (05483/74 97 41, E-Mail brockmannn@bistum-muenster.de) kontaktieren.

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Loslassen – „das geht überhaupt nicht“

Der Sohn von Pascale Kohlmann starb vor sieben Jahren. Josh wurde 25 Jahre alt. An einer speziellen Form der Schizophrenie war er erkrankt. Er habe 2012 seine Tabletten eigenmächtig abgesetzt. Irgendwann habe er dann einen Rucksack mit Steinen gefüllt und sei in einen See gesprungen. „Ich weiß gar nicht, wie ich das überlebt habe“, sagt seine Mutter. Ihr Sohn, sagt sie wenig später, „der bleibt da. Er ist nicht weg.“ Loslassen, was Nicht-Betroffene immer forderten – „das geht überhaupt nicht“. Alle stimmen ihr zu.

„Ein Kind ist ein Teil von dir“, sagt der Vater im Raum. Die Liebe zum verstorbenen Kind bleibe, sie wandele sich nur, sagt eine Mutter. „Es entsteht ein neues Liebesverhältnis“, versucht Pastoralreferent Norbert Brockmann zu erklären, was Menschen, die keines ihrer Kinder – oder das einzige – beerdigen mussten, wohl nur sehr schwer nachvollziehen können. Christiana Kipp drückt es so aus: „Man muss nicht loslassen, man muss die Liebe weiterleben.“ Sie hat ihre Tochter 2007 verloren. Nina starb mit nur 22 Jahren an einem angeborenen Herzfehler. Nein, sagt sie, „ich habe damit nicht gerechnet.“ Sie habe gelernt, damit zu leben. Auch Christiana Kipp beginnt zu weinen.

Julia Schulze-Farwichs Sohn Philipp starb auch 2007, er durch Suizid. Seit diesem Jahr gehört seine Mutter der Kerngruppe an. „Ich kann nicht nur sitzen und reden, ist muss auch was tun“, sagt sie.

Ulrike Weigel hat ihr Kind 1998 durch einen Verkehrsunfall verloren. Sie war im Urlaub als es geschah. Björn war 20 Jahre, alt als er starb. „Es ist, als ob man den Boden unter den Füßen verliert. Man meint, die ganze Welt muss stehen bleiben.“ Die Trauer um und die Liebe für das verstorbene Kind hörten nie auf – aber sie verwandeln sich, sagt sie. Auch die „furchtbaren Schmerzen“ verwandelten sich.

Zum Thema: Worldwide Candle Lighting

Die Initiative Weltweites Kerzenleuchten (Internationales Worldwide Candle Lighting) unterstützt und begeht am zweiten Sonntag des Monats Dezember einen jährlichen Weltgedenktag für alle verstorbenen Kinder. Die Initiatoren und Unterstützer laden Angehörige in der ganzen Welt ein, diesem Tag ihrer verstorbenen Kinder, Enkel und Geschwister besonders zu gedenken.

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Neue Zeitrechnung: davor und danach

Die körperlichen Schmerzen seien nicht mehr da, sagt auch Marion Herdtler. Es gelte aber nach wie vor eine andere Zeitrechnung: davor und danach. Ihr Sohn sei noch bei ihr. Pascale Kohlmann erzählt – sie lächelt dabei –, dass sie immer beim Wäscheaufhängen an ihren verstorbenen Sohn denken muss. Der habe immer Wäscheklammern gewollt, mit denen man zwei Socken auf einmal aufhängen könne. Und sie habe ihm erzählt, wie überflüssig das sei. Diese Dialoge leben.

Marion Herdtler erzählt ebenfalls, dass heute ein Lächeln durch ihr Gesicht gehe, wenn sie sich an Tobias erinnere. „Ich denke nicht mehr an den Verlust, sondern bin dankbar, dass ich ihn gehabt habe.“ Der Satz mit der Dankbarkeit sei indes kaum zu ertragen, wenn ihn jemand kurz nach dem Tod des eigenen Kindes sage, bestätigen alle im Raum.

„Wir haben gelernt, wieder gut zu leben, wir haben Spaß – aber ich denke jeden Tag an ihn“, sagt Ulrike Weigel.

Die Eltern helfen sich. Sie sind froh, mit anderen Müttern und Vätern reden zu können, denen sie nicht erklären müssen, was in ihnen vorgeht. Dass man eben nicht loslassen kann und dass das auch nicht gut ist. Die Eltern haben am Anfang auch darunter gelitten, dass ihnen Menschen aus dem Weg gingen. „Ich bin im Geschäft nicht bedient worden.“ „Einer hat die Straßenseite gewechselt, als er mich sah.“ Dass Bekannte hilflos sind in solchen Situationen, diskutieren die Eltern kurz. „Ein Händedruck reicht schon“, sagt Ulrike Weigel. „Wir sind keine Aussätzigen.“ Sie erzählt von dem Verhalten einer Nachbarin, kurz nachdem ihr Sohn gestorben war. „Sie hat mich draußen gesehen, mich reingerufen und mich einfach in den Arm genommen.“

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