Razzien im Münsterland
Geschleust und ausgebeutet - schwere Vorwürfe gegen Nagelstudio-Bande

Münster/Dülmen/Greven -

Zur Ausbeutung nach Deutschland geholt: Eine Bande hat laut Ermittlern zig Menschen aus Vietnam nach Deutschland schleusen lassen, um sie hier in Nagelstudios arbeiten zu lassen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Details zu Razzien unter anderem in Münster, Dülmen und Greven bekanntgegeben.

Donnerstag, 21.11.2019, 13:05 Uhr aktualisiert: 21.11.2019, 13:23 Uhr
Razzien im Münsterland: Geschleust und ausgebeutet - schwere Vorwürfe gegen Nagelstudio-Bande
Ein Nagelstudio an der Windthorststraße blieb am Donnerstag geschlossen. Foto: Martin Kalitschke

Wie die Staatsanwaltschaft und das Hauptzollamt Münster in einer gemeinsamen Presseerklärung mitteilen, sind am Mittwoch in Münster sechs in Vietnam geborene Personen verhaftet worden. Diesem Schlag gegen die illegale Schleusung und Beschäftigung seien „sehr intensiv und verdeckt geführte” Ermittlungen vorausgegangen. Die Liste der Vorwürfe gegen die vier Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 28 und 54 Jahren ist lang: Gewerbs- und bandenmäßiger Menschenhandel, Einschleusen von Ausländern, Zwangsarbeit, Ausbeutung der Arbeitskraft und das Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen.

Gegenstand des Ermittlungsverfahrens ist der Vorwurf, dass sich die sechs festgenommenen Personen zu einer Bande zusammengeschlossen haben sollen, um hier illegal aufhältige Frauen und Männer aus Vietnam als preisgünstige Arbeitskräfte in Nagelstudios - unter anderem in Münster, Dülmen, Greven, Kleve, Paderborn und Troisdorf - einzusetzen. Das Ziel: möglichst hohe wirtschaftliche Gewinne.

Die Beschuldigten - zwei von ihnen sind Brüder in Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit -  lebten laut Staatsanwaltschaft zuletzt unter anderem in Münster, Bergkamen, Paderborn und Rottweil bzw. hielten sich dort auf.

Schulden fürs Schleusen abgearbeitet

Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen die Beschuldigten mindestens 50 Personen durch die Zusammenarbeit mit professionellen Schleuserbanden über Osteuropa und mit gefälschten Ausweispapieren oder Aufenthaltstiteln nach Deutschland gebracht haben. Die in das Bundesgebiet geschleusten Personen sollen dafür „möglicherweise jeweils Geldbeträge in Höhe von 5000 bis 25.000 US-Dollar bezahlt” haben, berichten die Staatsanwaltschaft und Zoll. Es bestehe der Verdacht, dass sie diese Summen durch ihre Tätigkeiten abzuarbeiten hatten und dabei unter erheblichen psychischen Leistungsdruck standen. Zudem sollen die Beschuldigten eine vergleichbare Anzahl von Personen beschäftigt haben, die sich bereits ohne gültige Aufenthaltspapiere in Deutschland aufhielten.

Die Bedingungen, die nach Deutschland gebrachten Vietnamesen vorfanden, wird von den Ermittlern so beschrieben: „Die Beschuldigten sollen den Beschäftigten weder Sozial- noch Krankenversicherungsschutz gewährt und auch nicht den gesetzlichen Mindestlohn gezahlt haben. Zudem sollen sie diese während der Arbeitszeit - vermutlich sechs Tage in der Woche à 10 Stunden - unter anderem durch eine Videoüberwachung in den Studios kontrolliert haben.”

Notdürftige Unterkünfte

Die Beschuldigten sollen zudem - vermutlich zur effektiven Kontrolle ihrer Arbeitnehmer - eigene, zum Teil sehr schlicht gehaltene Unterkünfte in Münster, Dülmen, Greven, Kleve und Troisdorf angemietet haben, in denen die Beschäftigten für die Dauer ihrer Tätigkeit notdürftig untergebracht wurden. Der Aufenthalt der Arbeitskräfte im Bundesgebiet dürfte sich nach den bislang vorliegenden Erkenntnissen - schon aufgrund der fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache - im Wesentlichen auf den Verbleib in diesen Unterkünften oder in den Arbeitsstellen beschränkt haben.

Millionen-Geschäft

Die Beschuldigten sollen durch diese Art der Beschäftigung insbesondere die persönliche und wirtschaftliche Zwangslage sowie die Hilflosigkeit, in der sich die vietnamesischen Arbeitnehmer befunden haben, für eigene wirtschaftliche Zwecke ausgenutzt haben. Die Ladenlokale sollen dabei zum Teil durch sogenannte „Strohmänner“ betrieben worden sein. Die überwiegend aus Bargeldzahlungen bestehenden Einnahmen sollen die Beschuldigten in das Ausland, im Wesentlichen nach Vietnam, überwiesen haben.

Die Behörden gehen nach den bislang vorliegenden Schätzungen von einem Sozialversicherungsschaden in Höhe von mindestens 1,9 Millionen Euro aus.

Bargeld bei Durchsuchungen gefunden

Im Zuge der konzentrierten Festnahmeaktion wurden unter anderem neun Nagelstudios in Nordrhein-Westfalen, die Privatwohnungen der Beschuldigten sowie die Unterkünfte der Beschäftigten in Münster, Dülmen, Greven, Kleve und Troisdorf durchsucht. Bei den Durchsuchungen wurde unter anderem Bargeld in Höhe von etwa 300.000 Euro sichergestellt.

In den Nagelstudios und Unterkünften wurden laut Staatsanwaltschaft mindestens zehn Personen angetroffen, die im Verdacht stehen, sich illegal im Bundesgebiet aufzuhalten. Sie wurden zur Identitätsfeststellung vorläufig festgenommen.

Die sechs Beschuldigten werden noch am Donnerstag zur Verkündung der Haftbefehle dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Die Ermittlungen dauern an.

In die Maßnahmen waren insgesamt ungefähr 400 Beamtinnen und Beamte der Zollverwaltung, des Polizeipräsidiums Münster, der Bundespolizei und der Steuerfahndung sowie 14 Staatsanwältinnen bzw. Staatsanwälte der Staatsanwaltschaft Münster eingebunden.

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