Der gute Onkel richtet alles
Wenig zwingend: Shakespeares „Maß für Maß“ in Münsters Großem Haus

Münster -

William Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ feierte am Samstag im Großen Haus des Theaters Münster Premiere. Die Themen „Männliche Macht“ und „#Me too-Debatte“ kamen allerdings nur am Rande vor.

Sonntag, 17.11.2019, 14:42 Uhr aktualisiert: 17.11.2019, 15:07 Uhr
Im Käfig schmachtet Claudio (Louis Nitsche)
Im Käfig schmachtet Claudio (Louis Nitsche) Foto: Oliver Berg

„Wer glaubt mir, wenn ich das erzähl?“, fragt Isabella in Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ und scheint damit direkt auf die aktuelle MeToo-Debatte zu zielen: Musste sie doch erleben, dass der mächtige Angelo sie vor die Alternative stellt, ihn zu befriedigen oder ihren verurteilten Bruder zu opfern. Zum Glück – es ist ja eine Komödie – bleibt ihr noch Zeit zur Entscheidung, so dass der eigentliche Machthaber Vincentio heimlich eingreifen und das Schlimmste verhindern kann.

„Maß für Maß“ ist ungeachtet der komödiantischen Elemente so wenig komisch wie der „Kaufmann von Venedig“, beide Stücke verhandeln neben je eigenen brisanten Themen das schwierige Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit. Was man allerdings bei der Neuproduktion im Großen Haus nur am Rande (oder: im Programmheft) mitkriegt. Denn gerade die drei Hauptfiguren, obwohl aus dem Ensemble ideal besetzt, bleiben seltsam unscharf.

„Hä?“ – „Hm?“ Angelo und Isabella, die sich im zweiten Akt das entscheidende verbale Duell liefern, dürfen ihre Auseinandersetzung mit solchen Ausdrücken würzen, wie sie der modernen Übersetzung von Thomas Brasch entsprechen. Aber was für ein Typ ist dieser Angelo, der die „schlafenden“ Gesetze brutal zu neuem Leben erwecken will, bis ihn die eigene Lust vom Weg abkommen lässt: ein kühler Bürokrat, ein früher Robespierre, oder doch nur ein dumpfer Egoist? Jonas Riemer sieht in der Rolle wie ein langhaariger Populär-Philosoph aus, was aber wenig erkenntnisfördernd ist. Immerhin wird die Unterhosen-Ästhetik, in die Ausstatter David Gonter Shakespeares Figuren zwingt, bei ihm weitgehend überspielt: Kleider (und Perücken) machen mächtige Leute.

Isabella wiederum, deren Bruder für vorehelichen Sex verurteilt wurde, hat ebenfalls klare Tugend-Vorstellungen: Um ihn zu retten, soll sie ihre Unschuld opfern, was ihr aber als „ewiges Sterben“ erscheint. Eine tragische Konfliktsituation, die zur zeitweiligen Verzweiflung führen müsste – die man der fabelhaften Sandra Schreiber aber hier kaum anmerkt, weil sie ihre Figur hinter einer roten Langhaarperücke zu verbergen hat. Als Opfer eines Spiels mächtiger Männer wird sie kaum greifbar. Und was ist überhaupt mit dem eigentlichen Spieler, dem auf Tauchstation gegangenen und heimlich die Fäden ziehenden Herzog Vincentio? In dieser Inszenierung ist Wilhelm Schlotterer am Ende der gute Onkel, der alles richtet. Aber betreibt Vincentio nicht ein grausames Menschen-Experiment?

Den alten Song „Wonderful Life“, der die Aufführung rahmt, mag man in diesem Zusammenhang für zynisch halten. Die Bühne David Gonters mit dem schrägen Steg, der in den Abgrund des Orchestergrabens führt, wird effektvoll beleuchtet, und dass der verurteilte Claudio in einem hängenden Verlies seiner Hinrichtung harrt, ist ein nettes Zitat der Täuferkäfige. Doch die Relevanz etwa der letzten „Kaufmann von Venedig“-Inszenierung hat dieser Abend nicht.

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