Rock’n’Popmuseum Gronau
Legenden, Freaks und coole Socken

Das Rock'n'Popmuseum in Gronau feiert nach einem Umbau ein rock’n’roll-würdiges Comeback: Elvis trifft auf die Beatles, Woodstock auf Wacken, Udo Lindenberg auf Johnny Däpp Däpp Däpp. Gewitter am Pophimmel sorgen für Gänsehaut und Glücksgefühle . . .

Samstag, 16.11.2019, 17:20 Uhr aktualisiert: 16.11.2019, 18:20 Uhr
Kinder der Kita St. Peter und Paul in Nienborg singen im Karaoke-Studio „Däpp Däpp Däpp, Johnny Däpp Däpp“ . . .
Kinder der Kita St. Peter und Paul in Nienborg singen im Karaoke-Studio „Däpp Däpp Däpp, Johnny Däpp Däpp“ . . . Foto: Wilfried Gerharz

Im nachtdunklen Pop-Himmel grummelt es gewaltig. Plötzlich wird es gleißend hell, Pink schwebt durch den Raum, die Arme ausgebreitet wie ein Vogel im Landeanflug, und singt so energiegeladen, dass es jedem, der von unten in den Himmel starrt, durch Mark und Bein fährt. „Wow!“, sagt Kerstin Kamlage, die die ganze Zeit mit Kopf und Körper mitgewippt hat, als hätte sie dieses Klanggewitter zum ersten Mal erlebt. „Die Pink ist schon ‘ne coole Socke!“

Manch andere stehen mit offenem Mund da, wie elek­trisiert, starren noch immer unter die Decke der alten Turbinenhalle, obwohl der Orkan längst vorübergezogen ist. „Manchmal bricht hier sogar spontaner Applaus aus“, erzählt die Museumsbegleiterin. „Und das in einem Museum. Das muss man sich mal vorstellen!“

Gänsehautmomente wie bei Live-Konzert

Thomas Albers hat genau davon geträumt. Als das Rock’n’Popmuseum, dessen Geschäftsführer er ist, Ende 2017 für rund ein Jahr die Pforten schloss, um das Museum auf links zu krempeln, das Raumkonzept und die Inhalte neu zu denken, war er ihm klar, „dass dieser Schuss sitzen muss“. In einer von den Folgen der Textilkrise gebeutelten Stadt galt das Haus lange als Luxus, den man sich nicht leisten kann. Zudem nagte der Zahn der Zeit an Technik und Ausstellungskonzept. Das Rockmuseum rockte nicht mehr.

Rock‘n‘Popmuseum Gronau: Rock, Reggae, Rap und Johnny Däpp

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  • Im Entree-Bereich des Museums werden die Besucher – virtuell – von Udo Lindenberg begrüßt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Der Panikrocker mit Gronauer Wurzeln heißt die Gäste der Ausstellung willkommen „in Gronau an der Donau“.

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  • Vorhang auf für die neu gestaltete Ausstellung. Die Besucher tragen Kopfhörer mit „Head Tracking System“, die Position genau bestimmen können. So hört jeder, was und wie er es möchte.

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  • Kerstin Kamlage gehört zu den Museumsbegleitern der ersten Stunde.

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  • Ein ganz besonderes Ausstellungsstück: Urinale aus dem CBGB-Club in New York, dem Geburtsort des Punkrocks.

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  • Auch die niederländische Rock- und Popgeschichte hat Platz in der neuen Ausstellung gefunden.

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  • Eine Jacke von „King“ Elvis Presley.

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  • „Sound of history“: Dank intelligenter Technik wird hier ein- und derselbe Song in den Soundqualitäten verschiedener Epochen wiedergegeben. Das Tracking System auf den Kopfhörern „weiß“, an welcher Stelle der Besucher jeweils steht.

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  • Im Themenbereich „Performance“ ist auch ein Original-Bühnenkleid von Helene Fischer ausgestellt.

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  • In dieser Dose hat John Lennon zunächst Marihuana-Blätter aufbewahrt, später Tee...

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  • Eine Original-Garderobentür aus dem „Onkel Pö“ in Hamburg.

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  • Das Studio der Krautrocker „Can“ wurde im Untergeschoss des Museums nachgebaut.

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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Im „Greenroom“ können die _- kleinen und großen – Besucher aus 30.000 Songs auswählen und ihre Karaoke-Qualitäten unter Beweis stellen. Hier Kinder der Kita St. Peter und Paul aus Nienborg.

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Heute sitzt Albers in der Cafeteria des Museums am Udo-Lindenberg-Platz 1, zur Linken eine Statue des Panikrockers, und nippt entspannt am Wasserglas. „Ich bin zufrieden“, sagt er, „sogar sehr“. Die Besucher kämen mit einem Lächeln aus der Ausstellung heraus. Die Konzertmitschnitte von Pink, Queen oder auch Lindenberg, die aus dem Pophimmel über die Besucher hereinbrechen, hätten daran einen gehörigen Anteil: „Das sind Gänsehautmomente wie bei einem Live-Event“, schwärmt Albers von den Video-Einspielern, die alle 20 Minuten über riesige Monitore unter der Hallendecke flimmern und für eine kurze Zeit den Ausstellungsrundgang unterbrechen.

Überall ist Musik

Dabei ist dieser Rund- eher ein Tauchgang, ein multimediales Eintauchen, Reinhören, Reinfühlen in die Rockhistorie, in das Lebensgefühl und die Sounds von gestern und heute. Überall ist Musik: Elvis, die Beatles, Jimi Hendrix, Madonna, Eminem. Legenden und Freaks. Reggae, Rap oder Rock’n’Roll. Woodstock und Wacken. Dank Kopfhörern mit Head-Tracking-System, die die Position des ­Besuchers bestimmen können, hört jeder, was und wie er es möchte. „Aber den Kopfhörer richtig aufsetzen“, mahnt Kerstin Kamlage, „sonst funktioniert’s nicht richtig.“ Auch über Erinnerungsstücke, einen Brief des „King“ oder eine Haschischdose von John Lennon, werden Erinnerungen ­lebendig.

Da können einem schon mal die Knie schlackern.

Udo Lindenberg

Letztens, an einem Sonntagnachmittag, war Udo Lindenberg da, um sich in Ruhe umzuschauen. Er habe sich gefühlt „wie in einer Zeitmaschine“, zeigt sich der berühmte Sohn der Stadt auf Nachfrage noch immer nachhaltig beeindruckt. Die Musik werde im Museum eindrucksvoll in ihren sozialen Kontext eingeordnet – „als Reflexion auf Weltereignisse, auf politische Strömungen und Schockerzeiten, als Anstoß und Rebellion“. Das alles sei „top gemacht“, findet der 73-Jährige, der im „neuen“ Museum eine viel zentralere Rolle als früher spielt und als Empfangschef jeden Besucher via Multimonitor-Animation persönlich willkommen heißt. Besonders hat ihn sein eigener Auftritt im Pophimmel, „die geile Panik-Show auf der Himmelsleinwand“, aus den bunten Socken gehauen. „Das ist ein Mörder-Sound! Da können einem schon mal die Knie schlackern und schleudern.“

Stars von morgen

Einige Etagen unter dem Pop-Himmel, in einem Karaoke-Studio im Untergeschoss, brüllt derweil ein Horde Fünfjähriger „Däpp Däpp Däpp, Johnny Däpp Däpp“ ins Mikrofon. Im Hintergrund läuft das Original, aber die Kinder lassen die Strophen weg, weil der Refrain so schön eingängig ist: „Däpp, Däpp, Däpp, Johnny Däpp . . .“ Kerstin Kamlage und Kollege Dirk Lating sitzen an einem Mischpult hinter großen Monitoren und nehmen den Auftritt der Kids als Video auf. Dank moderner Digitaltechnik wird darin statt der grünen Wand ein cooler animierter Hintergrund zu sehen sein. „Hier kriegen wir sie alle“, sagt Lating. Nach anfänglichem Zögern könnten die meisten Besucher nicht widerstehen, sich für ein paar unvergessliche Minuten in Rockstars zu verwandeln. „Du musst die Leute in den ersten 20 Sekunden überzeugen, dann singen sie auch.“

Michael Sünker, dritter Museumsbegleiter im Bunde, beherrscht die Überfalltaktik aus dem Effeff. „Was singt ihr?“, fragt er eine Gruppe von Frauen des Caritas-Bildungswerkes, und drückt der neben ihm Stehenden gleich ein Mikro in die Hand. Die Wahl fällt auf Udo Lindenberg. Sünker imitiert auf Knopfdruck den schnoddrigen Habitus der „Nachtigall“ und singt nasal wie das Original: „Du spieltest Cello . . .“ Die Gruppe steigt direkt mit ein, erst ein bisschen nervös, dann immer gelassener, am Ende beinahe beseelt. „Wir gehen nicht mehr arbeiten“, scherzt eine der Damen, als der letzte Ton verklungen ist. „Wir machen das jetzt beruflich!“

So fühlt es sich also an, wenn man im Pop-Himmel an­gekommen ist . . .

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