Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche
Aus der Geschichte lernen

Rhede -

Ein Jahr ist vergangen, seit eine ganze Reihe von Missbrauchsfällen eines inzwischen verstorbenen Kaplans bekannt geworden sind. Am Mittwoch trafen sich Betroffene und Vertreter des Bistums in Rhede - und bilanzierten unter anderem die Arbeit einer Selbsthilfegruppe.

Donnerstag, 14.11.2019, 13:45 Uhr aktualisiert: 14.11.2019, 14:30 Uhr
Der Rheder Martin Schmitz berichtete von der Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer, die er gegründet hat.
Der Rheder Martin Schmitz berichtete von der Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer, die er gegründet hat. Foto: Horst Andresen

Die Frage des Abends stellten zwei Zuhörer: „Warum ist Bischof Genn nicht hier in Rhede? Wir hätten erwartet, dass er hier Flagge zeigt.“ Er wolle die Anregung weitergeben, sagte der stellvertretende Generalvikar des Bistums Münster, Dr. Jochen Reidegeld. Er sowie der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, stellten sich in Rhede – ein Jahr nach Bekanntwerden sexueller Verbrechen an Kindern in den siebziger Jahren.

Unter den rund 80 Besuchern weilten auch Betroffene. So wie Martin Schmitz, der vor einem Jahr eine Selbsthilfegruppe gegründet hat. Über deren Wirken berichtete der Rheder, emotionsgeladen, jedoch meist sachlich. 2012 hätte er seinen Fall gemeldet und ihn sechs Jahre lang „selber aufgearbeitet“.

Erst im Vorjahr wurden sexuelle Übergriffe des bereits verstorbenen Heinz Pottbäcker bekannt. Der Kaplan stand mit Duldung des Bistums in Rhede und zuvor in Bockum-Hövel auf der Kanzel, obwohl er als Kindervergewaltiger rechtmäßig verurteilt worden war. Ähnliche Fälle lösten eine Lawine der Erschütterung aus, wie in den Bocholter Ortsteilen Barlo und jüngst in Lowick, im Wallfahrtsort Kevelaer und andernorts. 138 Fälle sexueller Gewalt sind dem Bistum Münster bekannt.

"Warum an die Täterorganisation wenden?"

Das Bistum habe in diesem einen Jahr nicht geholfen, sagte Schmitz: „Aus welchem Grund hätten sich Betroffene an die Täterorganisation wenden sollen?“ Er nannte Zahlen: 35 Opfer hätten über seine Selbsthilfegruppe, die sich alle vier Wochen trifft, mit ihm Kontakt aufgenommen, davon elf aus Rhede. „Wahrscheinlich sind es aber 20 bis 30 Missbrauchsopfer.“ Er führe häufig Telefongespräche, die durchaus ein oder zwei Stunden dauerten: „Das ist wirklich erschütternd. Die Menschen erzählen mir ihre Lebensgeschichte. Das ist für sie extrem wichtig. Und sie sprechen mit mir, weil ich selber betroffen bin. Sie wissen, wovon ich rede.“ 

Der stellvertretende Generalvikar Jochen Reidegeld räumte Fehler des Bistums ein.

Der stellvertretende Generalvikar Jochen Reidegeld räumte Fehler des Bistums ein. Foto: Horst Andresen

Jochen Reidegeld gesteht Fehler des Bistums ein

Fehler der Kirche gestand Bistums-Vertreter Jochen Reidegeld offen ein. Das System katholische Kirche müsse sich verändern. Das sei die „letzte Chance“, Vertrauen zu erhalten. Die Kirche müsse sich Laien und Frauen öffnen. Reidegeld, der bald Pfarrer in Borghorst wird: „Wenn Männer und Frauen, Priester und Laien in der Leitung nicht gleichberechtigt werden, verlieren wir endgültig das Vertrauen der Menschen.“ Er hoffe auf den sogenannten Synodalen Weg einer breiten Öffnung – der freilich ab Dezember von den Kirchen-Fürsten erst einmal zur Diskussion ansteht. Der „jetzige Männerbund“, so Reidegeld, sollte „aus der Geschichte lernen, wie beim Mauerfall“.

„Wir möchten Täter auch der weltlichen Strafe zuführen“

Der vom Bistum seit April tätige Experte für Missbrauchsfälle, Jurist Peter Frings, räumte eigene Fehler ein, die in der Fülle der Aufgaben durchaus entstanden seien. Ihm sei es wichtig, dass die Fälle sexueller Gewalt alle aufgearbeitet würden: „Wir möchten Täter auch der weltlichen Strafe zuführen“, also staatsanwaltlichen Strafverfahren.

Ein Betroffener aus Merfeld bei Dülmen drückte seine Erleichterung über die Bildung der Selbsthilfegruppe durch Martin Schmitz mit einem Blumenstrauß aus: „Rhede ist für uns ein Lichtblick. In der Gruppe versteht jeder den anderen, auch ohne Worte. Erst hier habe ich meine Sprache zurückbekommen.“

www.selbsthilfe-rhede.de

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