„Mein Leben hat sich völlig geändert“
Seit 100 Tagen im EU-Parlament: Helmut Geuking aus Billerbeck

Kreis Coesfeld - Helmut Geuking, erster Europaabgeordneter aus dem Kreis Coesfeld und Bundesvorsitzender der Familien-Partei, ist seit genau 100 Tagen offiziell im Amt. Neuland für den Billerbecker. Und doch ist er schon voll dabei. Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst sprach mit ihm.

Mittwoch, 09.10.2019, 18:58 Uhr aktualisiert: 09.10.2019, 19:06 Uhr
„Mein Leben hat sich völlig geändert“: Seit 100 Tagen im EU-Parlament: Helmut Geuking aus Billerbeck
Seit 100 Tagen im Parlament: Helmut Geuking. Foto: Hartmut Levermann

Genau 100 Tage im Parlament. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Geuking: Es geht um sieben Uhr los. Mitarbeitergespräche, Arbeitsmeetings, Gesprächstermine, Parlamentssitzungen, Delegations- und Ausschusssitzungen. Manchmal dauert das bis Mitternacht.

Was hat Sie besonders überrascht, was ist anders?

Geuking: Dass man als Einzelabgeordneter so viel Mitwirkung haben kann. Es spielt hier weniger das Parteibuch eine Rolle, sondern viel mehr die Kompetenz. Es gibt nicht so ein Schubladendenken. Kreative Ideen haben gute Chancen und werden nicht einfach abgeblockt, nur weil die Partei oder Fraktion nicht passt. Sie verhalten sich hier auch anders als in ihren Ländern. Hier geht es um die Europalinie.

Sie können auch eigene Ideen einfacher durchsetzen?

Geuking: Ja, absolut. Ich bringe sie ein und sie werden diskutiert. Finden sie Zustimmung, geht es weiter. Gelebte Demokratie, die ich vorbildlich finde. Die Kommunikation ist der Weg zum Ziel. Man sucht sich Unterstützer für seine Idee, unabhängig der Nationalität oder der politischen Heimat.

Apropos Ideen: Wie sieht es mit dem Kindergeld aus, das die Familien-Partei ja auf europäischer Ebene durchsetzen möchte?

Geuking: Das ist auf den Weg gebracht. Es ist allerdings ein langer Prozess, ob das so durchkommt, kann ich noch nicht sagen. Nach unserer Vorstellung sollten alle 50 Euro Kindergeld pro Kind zusätzlich bekommen.

Pauschal 50 Euro in jedem Land? Ist das nicht ungerecht?

Geuking: Nein, in Ländern wie Bulgarien oder Rumänien wäre es vergleichsweise viel Geld, und das würde den Menschen dort richtig helfen.

Leben Sie noch auf dem Campingplatz?

Geuking: Ja, ich finde es gut da.

Aber nicht nackt, oder? Die Bild-Zeitung schrieb, es sei ein FKK-Campingplatz.

Geuking (lacht): Ja, ein Teil des Platzes ist FKK, aber da lebe ich nicht und ich bin auch nicht nackt. Jetzt ist es doch sowieso viel zu kalt dafür. Im Sommer am Wochenende kann das aber durchaus mal vorkommen, dass einzelne Leute unbekleidet sind, doch da bin ich normalerweise zu Hause in Billerbeck oder im Wahlkreis unterwegs.

Bleiben Sie denn auch im Winter auf dem Campingplatz?

Geuking: Ja, der Wohnwagen hat eine Heizung und es ist ein großes Zelt davor. Ich kann hier zur Ruhe kommen, das ist wunderbar. Der Platz ist nur 23 Kilometer entfernt von Brüssel und liegt mitten im Wald, ich bin hier sehr zufrieden. Ich lebe ja noch an weiteren Standorten, in Luxemburg, Straßburg und Billerbeck, und muss oft genug in ein Hotel. Ich kann Hotels nicht mehr sehen. Hier habe ich alles, was ich brauche.

Wie geht es Ihnen in der Fraktion - Sie sind ja der einzige Deutsche?

Geuking: Es läuft super. Und das ist ganz gut, denn ich bekomme als einziger Deutscher viel Gehör.

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Helmut Geuking (M.) aus Billerbeck  ist überrascht über die vielen Mitwirkungsmöglichkeiten. Foto: Hartmut Levermann

Sie gehören der Delegation im Parlamentarischen Ausschuss EU-Ukraine an. Wie kam es dazu?

Geuking: Ich interessierte mich schon immer für osteuropäische Länder und deswegen fand ich es sinnvoll, mich dort einzubringen. Es gibt über 40 Delegationen, die an der weltweiten Vernetzung zu Europa arbeiten. Einige davon befassen sich mit der Annäherung von Beitrittskandidaten der EU. Dazu gehört die Ukraine.

Was ist das Ziel?

Geuking: Die Ukraine ist wichtig für Europa, wir müsse das Land mehr einbinden. Aber das politische System ist immer noch von Korruption geprägt. Es ist ein kaputtes Land. Das muss sich ändern. Es geht um demokratische Grundwerte, die Einhaltung von Menschenrechten, um die Pressefreiheit. Im vorigen Jahr gab es 86 Übergriffe auf Journalisten und in den ersten Monaten von 2019 ein Todesopfer und 23 Übergriffe. Wir haben letzte Woche mit ukrainischen Vertretern ein Gespräch geführt und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass das so nicht geht und die Tür geschlossen bleibt, wenn sich nichts ändert.

Es hört sich an, als seien Sie voll eingespannt in Brüssel.

Geuking: Ja, viel Freizeit ist nicht mehr. Mein Arbeitsalltag hat sich grundlegend geändert. Aber er ist sehr interessant und spannend. Man hat als Einzelner viel zu tun, mehr, als wenn ich in einer großen Fraktion wäre - da ist man schnell nur noch Stimmvieh. Bei den EU-Wahlen gibt es keine Prozenthürde, und das ist gut so. Rund vier Millionen Wähler stimmten für kleine Parteien - bei einer Prozenthürde würden diese nicht widergespiegelt werden. Ich fände es sogar sinnvoller, die Zahl der Abgeordneten in einer Fraktion nach oben hin zu begrenzen.

Zur Person - Helmut Geuking

Bei der Europawahl 2019 erhielt Helmut Geuking für die Familien-Partei ein Mandat im Europäischen Parlament. Der Billerbecker schloss sich dort der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR) an, die überwiegend aus Polen der Partei PiS besteht. Er ist im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten vertreten und gehört der Delegation im Parlamentarischen Assoziationsausschuss EU-Ukraine an sowie der Delegation in der Parlamentarischen Versammlung Euronest.

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