Leiche lag jahrelang in Wohnung
Polizei will den „Fall“ aufarbeiten

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Bestürzung, Trauer, Zorn: Die Nachricht, dass ein 59-Jähriger sterben und fast acht Jahre lang unentdeckt in seiner Wohnung liegen kann, zieht viele Reaktionen nach sich. Nicht nur die Nachbarin, die sich um den Frührentner gekümmert  hat, zieht noch keinen Schlussstrich. Auch in den Behörden wird der Fall aufgearbeitet.

Freitag, 27.09.2019, 21:20 Uhr aktualisiert: 01.10.2019, 11:03 Uhr
Leiche lag jahrelang in Wohnung: Polizei will den „Fall“ aufarbeiten
Wieso konnte ein 59-jähriger unbemerkt sterben und acht Jahre in seiner Wohnung liegen – diese Frage beschäftigt die Behörden. Foto: Dietrich Harhues

Die Fragen bleiben – und es wird dauern, bis es Antworten gibt. Wenn überhaupt. Die Nachricht, dass ein 59-Jähriger fast acht Jahre lang tot in seiner Wohnung liegen konnte, hallt heftig nach. Die Reaktionen reichen von Trauer und Betroffenheit über Unverständnis hinsichtlich dieser unfassbare Nachricht bis hin zu Empörung über „Behördenversagen auf ganzer Linie“, wie es in Kommentaren heißt, die die Redaktion erreicht haben. Vor allem die Polizei steht in der Kritik. Der sie sich auch stellt.

Polizei begibt sich an die Recherche

„Wir wollen uns nicht den Vorwurf machen lassen, dass wir da waren und nichts gemacht haben“, bringt Britta Venker, Sprecherin der Kreispolizei Coesfeld, die Haltung ihrer Behörde auf den Punkt. Deshalb halst sich die Polizei Arbeit auf – neben den Ermittlungen, die wegen des Todesfalls und seiner Begleitumstände bereits laufen, wird versucht zu ergründen, wie die Beamten um die Jahreswende 2011/12 herum an der Schulze-Bremer-Straße vorgegangen sind, und warum.

Auflagen des Datenschutzes erschweren die Recherche. Denn: Wie die Kriminalhauptkommissarin schildert, sind die damaligen Abläufe mit Hilfe des Einsatztagebuchs der Leitstelle nicht mehr nachvollziehbar. Was dort registriert wurde, werde nach einigen Jahren zuerst in Coesfeld und dann bei einem Backup für das Land gelöscht. „Elektronisch ist da nichts mehr zu ermitteln“, fasst Polizeisprecherin Venker gegenüber den WN die technischen Hürden zusammen.

Hoffen auf alte Papier-Dokumente

Es bestehe aber die Möglichkeit, dass noch „Streifen-Belege“, die auf Papier verfasst werden, aufzufinden sind. Diese Dokumente, die aber nicht von jedem Einsatz gefertigt werden, könnten Aufschluss geben. Müssen sie aber nicht, und sie müssen auch nicht mehr aufzustöbern sein, räumt die Polizeisprecherin ein. Die aufwendige Suche, die auch noch einen längeren Zeitraum umfassen muss, wird aber angegangen – woran zu erkennen ist, dass die Kritik der Anwohnerin ernst genommen wird.

„Wir können nicht auf einen Anruf hin die Rentenzahlungen einstellen“

Sie hat, wie die heute 60-Jährige betont, damals auch die Rentenversicherung eingeschaltet, dort vorgeschlagen, Zahlungen zu stoppen, um zu gucken, ob der „verschwundene“ Nachbar auf den ausbleibenden Geldfluss reagiert – so war ihr Plan. Die Behörde konnte diese „Taktik“ nicht mitverfolgen, leitete aber – soweit der bisherige Anschein – auch keine anderen Verfahren ein. „Wir können nicht auf einen Anruf hin die Rentenzahlungen einstellen“, betont Marcus Kloppenborg, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Westfalen. Er gibt zu bedenken, dass auch andere Rentenkassen von der besorgten Nachbarin angerufen worden sein könnten. Generell gehe die Behörde schon Hinweisen nach – etwa, wenn die Post nicht zustellbar ist oder Geld zurücküberwiesen wird.

Gemeinde übernimmt Bestattung

Im Sendener Ordnungsamt, das ebenfalls angerufen worden sein soll, ist über den Hinweis der Bewohnerin der Schulze-Bremer-Straße nichts aktenkundig. „Wir haben keinen Vorgang“, so Ordnungsamtsleiter Holger Bothur gegenüber den WN. Da Anrufe mit diesem ernsten Tenor selten seien, könnten sich die Kollegen in der Regel daran erinnern – was aber nicht der Fall sei, so Bothur, der sich bei den beiden Ansprechpartnern, die damals zuständig waren, erkundigt hat.

Die Gemeinde kümmert sich aber darum, dass der Verstorbene – dessen Leichnam noch freigegeben werden muss – würdig bestattet wird. Sofern es keine Angehörigen gebe, die eine Beisetzung veranlassen, übernehme dies die Kommune, hieß es.

Kommentar: Der zweite Blick lohnt

Kreischende Töne und Empörung über Behördenversagen sind verständlich – vielleicht sogar angebracht. Doch was die vor allem traurigen Ereignisse von der Schulze-Bremer-Straße lehren, ist, dass immer ein zweiter Blick lohnt. Das gilt für mehrere Aspekte dieses Vorfalls: Zunächst hätten Polizeibeamte – über deren mutmaßlichen Einsatz bisher nur wenig bekannt ist – gründlicher ihren Dienst verrichten müssen. Wenn die Schilderung der Nachbarin stimmt, haben Polizisten, vielleicht mit Stress im Nacken, eine Lage falsch eingeschätzt und offenbar vorschnell abgehakt.

Den zweiten Blick verdient auch der Hochhauskomplex selbst. Denn dort leben viele, ganz unterschiedliche Menschen. Die Nachbarschaft funktioniert sicherlich nicht mit allen, aber bestimmt besser, als es manch oberflächlicher Betrachter erwartet, der den ganzen Straßenzug über einen Kamm schert.Schließlich verdient die Feuerwehr einen zweiten Blick: Der offenbart, welch schwierigen Job die Kameraden gemeistert haben – Danke!

- Dietrich Harhues

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