Unentdeckt und unbetrauert
Leiche lag seit Ende 2011 in der Wohnung

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Ein Horror-Hochhaus, in dem sich kaum einer kennt, geschweige denn kümmert: Dieses Klischee wurde bestätigt durch den Leichenfund im Zuge der Brand-Evakuierung. Doch die Geschichte um den „verschwundenen“ Nachbarn muss völlig neu geschrieben werden.

Donnerstag, 26.09.2019, 20:00 Uhr
Die Nummernschilder wurden gestohlen und der Grünspan erobert sich das Blech: Das Auto des vermissten Bewohners steht immer noch auf dem Parkplatz neben dem Hochhauskomplex. Die Wohnung, in der die Leiche gefunden wurde, ist von der Polizei versiegelt worden.
Die Nummernschilder wurden gestohlen und der Grünspan erobert sich das Blech: Das Auto des vermissten Bewohners steht immer noch auf dem Parkplatz neben dem Hochhauskomplex. Die Wohnung, in der die Leiche gefunden wurde, ist von der Polizei versiegelt worden. Foto: Dietrich Harhues

Auf sieben Stockwerken leben 39 Parteien unter einem Dach – dem Dach eines vermeintlichen Horror-Hochhauses. Einer Immobilie, die in den 70er Jahren zu den architektonischen Hinguckern gezählt haben dürfte. Der äußere Charme ist inzwischen verblasst. Doch die Bewohner wehren sich gerade dagegen, wegen eines Leichenfundes abgestempelt zu werden. Das Klischee vom anonymen Wohnkomplex, in dem sich kaum einer richtig kennt, geschweige denn kümmert – es fand sich durch die grausige Entdeckung im Zuge der Evakuierung des Gebäudes bestätigt. Doch die Geschichte darüber, wie ein 59-Jähriger starb, ohne entdeckt, bestattet und betrauert zu werden, muss neu geschrieben werden. Inzwischen traurige Gewissheit: Seit Ende 2011 lag die Leiche im zweiten Stock. Einsam und unvermisst war der Mann aber nicht.

Nachbarin sucht und schaltet Behörden ein

Das betont eine Anwohnerin, der aufgefallen war, dass sie ihrem Nachbarn nicht mehr begegnete. Und die alle möglichen Hebel in Bewegung setzte, um das „Verschwinden“ aufzuklären – vergeblich, bis am vorigen Sonntag zwei Feuerwehrleute die Wohnung aufbrachen, weil sie nach einem Kellerbrand mitten in der Nacht 70 Menschen aus dem Gebäudekomplex in Sicherheit bringen mussten. „Für die Kameraden war das auch ein ziemlicher Schreck“, sagt Manfred Overbeck, Leiter der Feuerwehr Senden.

Ich bin stinksauer, dass sich niemand bewegt hat.

Anwohnerin, die Behörden bei der Suche nach dem Nachbarn eingeschaltet hatte

Für die Bewohnerin des siebten Stocks, die ihren Nachbarn aus der zweiten Etage seit Jahrzehnten kannte, war es aber ein Schock, als sie jetzt die Gewissheit über den Toten in der Wohnung bekam. Da der Rentner in seiner Eigentumswohnung – er lebte überwiegend allein und hatte keinen Kontakt zu Angehörigen – auch finanziell lange nicht aufgefallen war, spürte keiner seinem Verbleib nach. In die Trauer der Nachbarin mischt sich Wut: „Ich bin stinksauer, dass sich niemand bewegt hat.“

Polizei kommt – und zieht wieder ab

„Niemand“ – das sind die Behörden, die die heute 60-Jährige damals eingeschaltet hat. Die Mutter vierer Kinder, die auch den Frührentner „aus der Zweiten“ mitbekocht hat, schaltete zuerst die Krankenkasse ein: Ob der Mann, der regelmäßig einen Arzt besucht hatte, in letzter Zeit mit seiner Gesundheitskarte in Praxen „eingecheckt“ hatte, wollte sie wissen. Bei welcher Kasse sie anrufen musste, hatte sie aus Post erfahren, die aus dem Briefkasten entnommen und geöffnet auf einen Altpapierstapel gelegt worden war. Auskunft bekam sie wegen des Datenschutzes nicht, erhielt aber den „dringenden Rat“, Polizei und Ordnungsamt einzuschalten. Was die Frau, die sich überdies an die Rentenversicherung wandte, auch tat.

Bei der Polizei hakte sie noch nach, ob etwas unternommen worden sei. Kollegen seien vor Ort gewesen, hieß es. Sogar mit einem Leichenspürhund, so schildert es die Bewohnerin. Auch der damalige Verwalter klemmte sich dahinter, dass die Ordnungshüter anrücken. Denn: „Der Geruch im Treppenhaus war erbärmlich“, ekelt sich die Frau noch heute. Geöffnet wurde die Wohnungstür aber auch von der Polizei nicht. Ihr Hund habe nicht angeschlagen und jemand aus dem Haus muss die Beamten in die Irre geführt haben: Er habe behauptet, der Vermisste sei „bei einem Kumpel in Münster“.

Für die Polizei war „sofort der Deckel zu“, bedauert die Frau, die sich um den Nachbarn sorgte. Plötzlich war er verschwunden, mit ihm sein Hund Linus – „das war sein ein und alles“.

Obduktion bestätigt Todeszeitraum

Dessen Skelett wurde jetzt ebenfalls in der Wohnung im zweiten Stock gefunden, bestätigt Polizeisprecher Rolf Werenbeck-Ueding auf Anfrage. Der kleine schwarze Mischling ist an der Seite seines Herrchens verendet. Und zwar im Bereich des Jahreswechsels 2011/2012. Das hat die Obduktion ergeben, berichtet Rolf Werenbeck-Ueding, Sprecher der Polizei Coesfeld auf Anfrage unserer Zeitung. Er will die Abläufe von damals jetzt rekapitulieren, glaubt aber nicht, dass ein Leichenspürhund (der extra angefordert werden muss), sondern nur ein normaler Diensthundeführer mit im Einsatz war.

Beamten müssen vor Ort abwägen

Bei der Entscheidung, ob eine Haustür gewaltsam geöffnet wird, stünden die Beamten vor einer Güterabwägung zwischen der Unverletzlichkeit der Wohnung und einer Gefahrenabwehr. „Es muss für die Entscheidung damals triftige Gründe gegeben haben“, so der Polizeisprecher. Was die Nachbarin nicht nachvollziehen kann. Sie habe genug Hinweise darauf geliefert, dass der verschwundene Mann nur in seiner Wohnung gelegen haben kann. Fast acht Jahre lang.

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