Alarm auf der Kinder-Intensivstation
Personalmangel: Kinderkliniken könnten nicht jeden Patienten aufnehmen

Münsterland -

Horrornachricht für Eltern: Kinder-Intensivstationen müssen immer wieder kleine Patienten abweisen, weil die Kliniken über zu wenig Pflegekräfte verfügen. Auch im Münsterland ist das der Fall.

Dienstag, 20.08.2019, 18:20 Uhr aktualisiert: 20.08.2019, 18:26 Uhr
Die Kinder-Intensivpflege ist an den Grenzen der Leistungsfähigkeit, sagt Prof. Heymut Omran.
Die Kinder-Intensivpflege ist an den Grenzen der Leistungsfähigkeit, sagt Prof. Heymut Omran. Foto: Wilfried Gerharz

Das jedenfalls sagt der Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik der Christophorus-Kliniken in Coesfeld, Dr. Hubert Gerleve. Das Problem trete immer häufiger auf und sei flächendeckend.

„Als ich vor 25 Jahren als Arzt angefangen habe, gab es so etwas noch nicht“, sagt Gerleve. Er selbst habe kürzlich vergeblich versucht, für ein schwer krankes Kind in ganz Deutschland ein Bett auf einer Intensivstation zu finden. „Am Ende haben wir es einfach zur Uni-Klinik nach Münster gebracht, obwohl auch die zuvor abgewinkt hatte.“

Das liegt daran, dass es einen Mangel an Pflegekräften gibt.

Prof. Heymut Omran

Auf der Kinder- und Intensivstation des Uni-Klinikums (UKM) herrscht derzeit ein Pflegenotstand. Von den 16 vorhandenen Betten können laut WDR nur zehn belegt werden. Die anderen sechs stehen leer. „Das liegt daran, dass es einen Mangel an Pflegekräften gibt“, erklärt der Direktor der Kinderklinik, Prof. Heymut Omran. Rund 100 Kinder konnten darum bislang nicht versorgt werden, „obwohl man sie versorgen möchte“. Die Kinder-Intensivpflege in NRW sei „an der Grenze der Leistungsfähigkeit“, so Omran. Krankenhäuser hätten über Jahre an der Pflege gespart.

Ähnlich eng ist die Situation in anderen Kinderkliniken des Landes. In Hamm, Köln, Aachen, Lippstadt und Düsseldorf konnten Betten auf Kinder-Intensivstationen nicht belegt werden, weil Personal fehlt. In Ostwestfalen mussten die Kinderkliniken in Bad Salzuflen und Minden junge Intensivpatienten ablehnen.

Die Lage im Münsterland

Sieben Kliniken gibt es im Münsterland, die Kinder intensivmedizinisch versorgen können. Vier hatten in jüngster Zeit wegen Personalengpässen Kapazitätsprobleme: die Christophorus-Kliniken im Kreis Coesfeld, das Uni-Klinikum, das Clemenshospital in Münster und das münsterische St. Franziskus- Hospital.

Letzteres hat drei Kinder-Intensivbetten. „Diese waren in rund fünf Prozent der gesamten Zeit des Jahres 2018 aufgrund von Engpässen in der Pflege abgemeldet“, teilte Winfried Behler, Sprecher der St. Franziskus-Stiftung mit. Die Erstversorgung im Notfall sei jedoch jederzeit gesichert gewesen.

„Zugunsten der intensivmedizinischen Behandlung anderer Kinder“ musste das Clemenshospital in diesem Jahr die Aufnahme von Kindern zu einer geplanten Rehabilitation verschieben, so der Sprecher Michael Bühr­ke. Zehn Prozent der Stellen waren auf der Kinder-Intensivstation zuletzt nicht besetzt. Im Oktober kommt jedoch neues Personal.

Keine Probleme, so Behler, gab es in dem ebenfalls zur St. Franziskus- Stiftung gehörenden St. Fran­ziskus-­Hos­pi­tal in Ahlen. Auch die Kin­derintensivstation im St. Agnes-Hospital in Bocholt, das zum Klinikum Westmünsterland gehört, gab es keine Ausfälle. „Wir mussten keine Kinder ablehnen“, sagt Sprecher Tobias Rodig. Gleiches gilt für die Klinik für Kinder und Jugendmedizin des Mat­hias-Spitals in Rheine, erklärt dort Dr. Christian Eggersmann.

Akuter Personalmangel auf Kin­der­intensiv­sta­tionen

Dr. Gerleve, dessen Coesfelder Kinder- und Jugendklinik über acht Frühgeborenen-Intensivbetten und vier Kinder-Intensivbetten verfügt, spricht dennoch von ei­ner grundsätzlich „tragischen Situation“. Der akute Personalmangel auf den Kin­der­intensiv­sta­tionen werde durch vorgegebene Pflegepersonaluntergrenzen weiter verschärft. So sei beispielsweise bei sehr kleinen Frühchen eine Eins-zu-eins-Betreuung vorgeschrieben. „Das bindet sehr viel Personal.“

Erschwerend hinzu komme, dass Ausbildungsplätze für die Kinderkrankenpflege in NRW lange Zeit gedeckelt waren. „Das hat NRW-Gesundheitsminister Laumann jetzt gottlob abgeschafft.“ Die ab 2020 geplante generalistische Pflegeausbildung werde in Kinderkliniken jedoch zu einer deutlich schlechteren Situation führen.

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