Erinnerungen an einen jüdischen Spielkameraden
Der Nachbar, der in Auschwitz starb

Lengerich -

Als Fritz Jasper 1945 verletzt im Lazarett lag, hatte der Lengericher viel Zeit zum Grübeln. Und so, erzählt der 93-Jährige heute, seien seine Gedanken immer wieder einmal auch bei seinem einstigen Spielkameraden Werner Neufeld hängengeblieben. „Was aus ihm wohl geworden ist, hab’ ich mich gefragt.“

Samstag, 17.08.2019, 06:21 Uhr aktualisiert: 17.08.2019, 06:30 Uhr
Mit diesem Zug wurden im Dezember 1941 viele deutsche Juden ins Ghetto nach Riga deportiert. darunter war auch Werner Neufeld.
Mit diesem Zug wurden im Dezember 1941 viele deutsche Juden ins Ghetto nach Riga deportiert. darunter war auch Werner Neufeld. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Die schreckliche Antwort konnte der junge Soldat nicht wissen: Mit großer Wahrscheinlichkeit war Werner Neufeld da schon tot. Umgekommen im Vernichtungslager Auschwitz, vermutlich im September 1944. Fritz Jasper kann über das Opfer des Nationalsozialismus einiges erzählen, war er doch einst der Nachbar der Familie.

Am vergangenen Dienstag lasen Fritz Jasper und seine Frau Irmgard in den WN von einem Besuch einer Gruppe des Heimatvereins Lengerich in Geisenheim am Rhein. Dort waren einige Stolpersteine verlegt worden, mit denen unter anderen an Felix Neufeld, den Vater von Werner, erinnert wird. Die Lektüre spülte Erinnerungen hoch, die Jaspers meldeten sich in der Lokalredaktion, um davon zu berichten, wie es vor über 80 Jahren an der Osnabrücker Straße war.

Da lebte Fritz Jasper mit seiner Mutter und den Geschwistern nach einem Umzug aus Hohne im Haus mit der Nummer 15. Gleich nebenan, in der 11, war Werner mit seiner Familie daheim. „Es war drei Jahre jünger als ich“, sagt Fritz Jasper.

Beide Gebäude sind längst verschwunden, die Aral-Tankstelle hat ihren Platz eingenommen. Doch der 93-Jährige beschreibt, auch mit Hilfe eines alten Fotos, detailreich, wie dort Mitte/Ende der 1930er Jahre das Leben lief. Zusammen mit Werner und anderen Jungs sei auf der Straße Fußball gespielt worden. Und in einem nahen Waldstück habe man mit Karbid und Bierflaschen mit Schnappverschluss hantiert; es sei so etwas wie eine „kleine Mutprobe“ gewesen. „Wenn wir uns gesehen haben, hat Werner immer gefragt: Friedel, spielst du mit mich?“ Fritz Jasper muss lachen, als er das zum Besten gibt. Dann berichtet er noch von einer sportlichen Eigenschaft des Burschen aus dem Nachbarhaus: „Der Werner konnte richtig flitzen.“

Werners Vater Felix hat Fritz Jasper nicht mehr richtig vor Augen. Aber er weiß von der Rossschlachterei, die die Familie betrieb, und vom guten Ruf des Geschäfts. Er kannte Norbert, den Bruder von Felix, Felix’ Ehefrau Selma und die Großmutter des kleinen Werner. Besonders in Zusammenhang mit einem traurigen Kapitel kommt ihm die betagte Frau in den Sinn.

Während der Reichspo­gromnacht im November 1938 wurde auch das Haus der Neufelds attackiert. „Ich konnte das von unserer Wohnung im ersten Stock genau verfolgen“, versichert der Lengericher, die Geschehnisse mit eigenen Augen gesehen zu haben. Werner sei hinten aus dem Haus durch den Garten getürmt, als vorne die Randale losging. Er sei weggerannt, um sich am TWE-Bahndamm zu verstecken. „Die Oma aber war ja schon alt, die konnte gar nicht mehr richtig laufen.“ Irgendwie habe es aber auch sie wohl geschafft, dem Mob nicht in die Hände zu fallen. Das Haus sei anschließend unbewohnbar gewesen, die Neufelds seien nie mehr zurückgekehrt.

Bestätigt wird das durch eine Passage in dem Buch „Geschichte der Juden in Lengerich“. In dem heißt es, dass die Neufelds wie andere jüdische Familie in der Stadt „durch die vollständige Zerstörung ihrer Wohnungen obdachlos“ geworden seien. Die Betroffenen hätten Unterkunft im Haus Bahnhofstraße 17 gefunden, sagt Fritz Jasper. Auch das wird durch das Buch belegt und noch ergänzt: „Vermutlich quartierte die NSDAP die obdachlosen Juden zwangsweise in der Hermann-Göring-Straße 17 ein.“

„Ich war richtig erbost“, gibt er die Gefühle eines damals zwölfjährigen Teenagers wieder. Und auch seine Mutter – „sie war sehr christlich eingestellt“ – habe über den Angriff auf die Nachbarn heftig geschimpft.

In der Folge gab es indes kaum noch Kontakt zwischen Fritz Jasper und der Familie Neufeld. Der junge Werner habe zudem schon in den 30er-Jahren die Schule in Lengerich verlassen müssen, nennt der 93-Jährige einen weiteren Grund dafür, dass er und der einstige Nachbarsjunge sich kaum noch sahen. Und der Senior räumt offen ein, dass er in Sorge war, in der Stadt auf die Neufelds zu treffen. Wie damals üblich, sei er beim Jungvolk gewesen, der Nachwuchsorganisation der Hitlerjugend. Wenn er da mit Juden in der Stadt gesehen worden wäre, hätte das für Gerede sorgen können. „Das hat mir Angst gemacht.“

Felix Neufeld verließ Lengerich und Deutschland nach der Reichspogromnacht Richtung England. Frau, Kind, Mutter und Bruder blieben zurück und konnten später nicht mehr fliehen. Bernd Hammerschmidt und Pfarrer Harald Klöpper, die sich aktuell mit den damaligen Geschehnissen und den Schicksalen Lengericher Juden befassen, sagen, dass die Familie Neufeld im Dezember 1941 schließlich nach Münster gebracht worden sei. Von dort fuhr am 13. jenes Monats über Osnabrück und Bielefeld, wo weitere Juden zusteigen mussten, ein Zug nach Riga.

Im Juli war in der Stadt von den deutschen Besatzern zunächst ein Ghetto für lettische Juden eingerichtet worden. Ab Ende des Jahres wurden auch Juden aus dem Deutschen Reich dorthin deportiert. Selma und Werner Neufeld, so Harald Klöpper, seien im Sommer 1944 weiter ins KZ Stutthof bei Danzig transportiert worden. Die Mutter kam in dem Lager ums Leben; Werners letzter Weg führte offenbar bald darauf nach Auschwitz, wo sich seine Spuren im September verloren.

Fritz Jasper sagt über seine Werdegang in jenen Kriegsjahren, dass er zunächst zum Reichsarbeitsdienst musste, dann zur Wehrmacht eingezogen worden sei. Bei Wesel am Rhein traf ihn ein Granatsplitter, damit war für den jungen Mann aus Lengerich der Kampf an der Front zu Ende. Er war verletzt, hatte aber überlebt, Werner Neufeld hingegen war tot. Fritz Jasper fasst das Drama jener Zeit in wenigen Worten zusammen: „Es war eine Schweinerei.“

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