Grün ist nur das Unkraut
Kartoffelbauern schauen resigniert auf ihre verdorrten Pflanzen

Greven -

Heiner Ebbigmann schaut traurig auf die mickrigen Kartoffeln, die seine Erntemaschine gerade aus dem Boden holt: Der zweite Dürre-Sommer in Folge bereitet dem Grevener Landwirt und seinen Kollegen eine dürftige Ernte. „Wenn es weiter heiß und trocken bleibt, werden die Probleme sehr groß“, sagt Horst-Peter Karos, Geschäftsführer beim Bundesverband der Obst-, Gemüse- und Kartoffelverarbeitenden Industrie.

Dienstag, 06.08.2019, 21:00 Uhr aktualisiert: 06.08.2019, 21:33 Uhr
Grün ist nur das Unkraut: Kartoffelbauern schauen resigniert auf ihre verdorrten Pflanzen
Kartoffelbauern Heiner (links) und Hendrik Ebbigmann. Foto: Gunnar A. Pier

Heiner Ebbigmann hatte es kaum anders erwartet, aber als die Maschine losrattert zur ersten Probeernte des Jahres, hat er Sekunden später den Beleg für die Misere in der Hand: „Das ist ein Witz“, sagt er resigniert und wirft die mickrigen Knollen zurück aufs Transportband seines Kartoffelvollernters. Es ist der zweite staubtrockene Sommer in Folge, da kann der Landwirt nicht viel erwarten.

Dienstagmorgen in der Hüttruper Heide. Am Ende der Flughafen-Startbahn liegt einer der Äcker des Grevener Betriebs. „Wir können nicht sagen, was das wird“, erklärt Heiner Ebbigmann. Im April hat er seine Kartoffeln gesetzt, seitdem war es viel zu trocken, dann gaben zwei Hitzewochen den Pflanzen den Rest. Aber wie dramatisch das alles ist oder ob die Knollen die ungewöhnlichen Bedingungen gar ganz gut überstanden haben, kann er nur erahnen. Wohl und Wehe des Kartoffelbauers liegt halt eine Handbreit unter der Erde.

Das ist alles gnadenloses Unkraut, alles!

Hendrik Ebbigmann

Dabei sieht der Acker schön grün aus. Da muss Sohnemann und Hofnachfolger Hendrik Ebbigmann kurz lachen. „Das ist alles gnadenloses Unkraut, alles!“, sagt er. Dann hebt er Blätter, die verdorrt am Boden liegen, an: „Das sollte unser Kartoffelkraut sein.“

Aber Jammern ist nicht Ebbigmanns Art. „Wir müssen lernen, mit der Situation umzugehen“, sagt Heiner Ebbigmann. Das gehört merklich zu seiner Landwirts-Ehre: „Wir müssen uns der Natur anpassen, nicht umgekehrt.“ Und wenn die Natur Trockenheit bringt, muss der Bauer zusehen, wie er trotzdem zu seiner Ernte kommt. Er muss die Bodenbearbeitung anpassen, aus Erfahrungen lernen. Dabei ist jedes Jahr anders. 2018 war trocken, aber im Boden steckte noch eine Restfeuchte von der Zeit davor. Jetzt erleben alle den zweiten Sommer ohne Regen, und die Situation ist wieder neu.

Ein Trauerspiel.

Heiner Ebbigmann

Um kurz nach 9 Uhr schwingt sich Hendrik Ebbigmann hinter das Steuer des knallroten Schleppers und Heiner Ebbigmann klettert auf den Kartoffelvollernter dahinter. Der Motor startet, das Förderband rattert los, und ein paar Momente später erscheinen die ersten Kartoffeln an Deck. Heiner Ebbigmann muss nur kurz draufschauen, dann hat er Gewissheit: „Ein Trauerspiel.“ Es sind zu wenige Kartoffeln, sie sind zu klein und zu viele haben Fehler. „Die können wir kaum vermarkten“, ruft Ebbigmann gegen den Lärm an.

Zu sehen ist er kaum noch, er verschwindet in einer Wolke. Hier – der Kalauer sei gestattet – wird klar, warum es „staubtrocken“ heißt: Das Gerät wirbelt riesige Mengen Staub auf. Die Mitarbeiter sehen schon nach zwei Bahnen auf dem Acker aus wie Kumpel unter Tage. „Das kann man eigentlich kaum zumuten“, sagt der Chef. In der Nacht hat es ein wenig geregnet, doch feucht ist hier nichts mehr. Entsprechend wenig Kartoffeln fördert die Maschine zutage. Nach zwei Bahnen auf dem Acker ist ein Häufchen zusammengekommen. „Das müsste dreimal so viel sein“, sagt Hen­drik Ebbigmann.

Den Grevener Unternehmer wird das hart treffen. Ebbigmann setzt auf nachhaltigen Anbau und auf mechanische Unkrautbekämpfung. Sechs- bis achtmal pro Jahr, schätzt er, fährt er über jedes Feld, um unnütze Pflanzen zu beseitigen und die Dämme neu zu formen, in denen die Knollen gedeihen. Er vermarktet ausschließlich direkt, steht auf verschiedenen Wochenmärkten in der Region, beliefert Restaurants und Kitas.

Was er denen in diesem Jahr anbieten kann – davon hat er nach der Proberunde am Dienstagmorgen einen Eindruck. Richtig ernst wird es Ende September. Dann beginnt die Ernte. Sie wird nicht üppig. Aber Ebbigmann hat vielleicht wieder etwas gelernt, um sich auf die Natur einzustellen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6832534?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker