Familie Bierbaum nimmt junge Flüchtlinge auf
„Mein Zuhause ist dein Zuhause“

Ochtrup -

Liebe. Respekt. Wertschätzung. „Nur mit diesen elementaren Zutaten kann Familie richtig funktionieren“, sagt die Ochtruperin Christina Bierbaum. Wenn die 56-Jährige von Familie spricht, dann meint sie nicht nur ihren Ehemann Johannes, die vier erwachsenen Söhne und die zwei jüngeren Töchtern, sondern auch 13 junge Männer aus allen Teilen der Welt.

Dienstag, 23.07.2019, 08:00 Uhr
Christina und Johannes Bierbaum mit einigen jungen Männern, denen sie ein neues Zuhause geboten haben.
Christina und Johannes Bierbaum mit einigen jungen Männern, denen sie ein neues Zuhause geboten haben. Foto: Wilfried Gerharz

Die Heimerzieherin sagt: „Mein Vater war Flüchtling im Zweiten Weltkrieg. Auch in der Familie meines Mannes wurde am Tisch immer ein Platz freigehalten für den Gast, der noch kommen könnte.“ Als vor vier Jahren die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hatte sich die Familie gerade von ihrem Einzelhandel getrennt. Dadurch wurden die Büros mitten in der Stadt frei. Die Bierbaums entschieden sich, unbegleiteten Flüchtlingen eine Chance zu geben. Dazu brauchten sie ein Konzept, mussten mit Jugendämtern und Behörden sprechen – und reichlich Überzeugungsarbeit leisten. Parallel dazu bauten die Bierbaums das Haus um.

Es gilt nur eine Regel

Im Mai 2016 zogen die ersten Bewohner ins „Haus Gabriel“ ein. „Inzwischen betreuen wir die dritte Generation“, sagt Christina Bierbaum. Sie ist stolz darauf, wie gut sich ihr Anspruch an das „Haus Gabriel“ etabliert hat: „Wir wollten eine Alternative zu den anderen Einrichtungen sein. Das haben wir geschafft. Bei uns finden die jungen Flüchtlinge ein familienähnliches Setting vor. Wir bewahren Menschen nicht auf, wir geben ihnen ein Heim.“

Für jeden Flüchtling, der bei den Bierbaums einzieht, gilt: „Mein Zuhause ist auch dein Zuhause.“ Das zeigt sich nicht nur an den Möbeln. „Hier gibt es außer einer keine anderen Regeln“, betont die 56-Jährige. „Du benimmst dich so, wie sich ein Sohn zu Hause in der Familie zu benehmen hat. Damit ist alles gesagt, alles umfasst.“

Erfolgsquote von 100 Prozent

Trotz des unterschiedlichen Alters zwischen 16 und 19 Jahren, trotz unterschiedlicher Fluchterlebnisse, trotz unterschiedlicher Kultur und Herkunft: „Es ist uns allen gemeinsam gelungen, die Jungs gut zu integrieren. Jeder von ihnen hat eine Arbeit, niemand lebt auf Staatskosten. Diese jungen Menschen sind motiviert, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Wir haben eine Erfolgsquote von 100 Prozent“, sagt die Och­truperin. Und: „Polizeikontakte gab es nicht.“

Dafür büffelt sie mit den Flüchtlingen die deutsche Sprache, geht mit ihnen zur Schule und zu potenziellen Arbeitgebern auf der Suche nach Praktika. „Wir bürgen dort für die Jungs mit unserem guten Namen als Geschäftsleute“, sagt Christina Bierbaum.

Einsatz für Schützlinge geht weiter

Dass ihre Schützlinge den bisher nicht verspielt haben, bestätigt sie darin, weiter für diese jungen Menschen zu kämpfen. „Sie kommen ja mit einem Rucksack von Enttäuschungen und Erfahrungen. Manche sind ausgehungert und krank. Da müssen wir zunächst erst einmal die körperliche Gesundheit wiederherstellen.“ Um die Hilfe bei Traumata kümmern sich bei Bedarf Fachleute. „Manchmal helfen schon eine feste Tagesstruktur und Sicherheit“, erklärt Christina Bierbaum. Die kann auch ein voller Kühlschrank bieten. Liebe geht überall durch den Magen.

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