Kampf um Lebensraum
Invasive Arten verdrängen heimische Tiere

Münster -

Gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten breiten sich in Deutschland immer rascher aus. Waschbär, Nutria und Co. sorgen dabei für einen Verdrängungsprozess, bei dem heimische Arten auf der Strecke bleiben. Wenn dies überhaupt noch jemand stoppen kann, dann nur der Verursacher: der Mensch.

Montag, 15.07.2019, 10:10 Uhr aktualisiert: 15.07.2019, 10:18 Uhr
Invasive Tierarten wie der Waschbär werden vielerorts zur Gefahr für die heimische Fauna. dpa
Invasive Tierarten wie der Waschbär werden vielerorts zur Gefahr für die heimische Fauna. dpa

Abgeholzte Wälder, intensive Landwirtschaft, Industrieemissionen und eine wachsende Weltbevölkerung – die Natur leidet unter der Ausbreitung des Menschen. Viele Ökosysteme sind schon angeschlagen, und der Lebensraum für zahlreiche Tierarten wird immer knapper. Um verbleibende Reviere und die besten Nahrungsquellen tobt daher ein harter Konkurrenzkampf. Häufig mit schlechtem Ausgang für die seit Jahrtausenden heimischen Tiere.

Waschbär, Nutria, Nilgans und mehr als 20 weitere invasive Arten schaden zunehmend der Biodiversität, warnt Gregor Klar, Referatsleiter für Naturschutz und Weiterbildung beim Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen. Auch hieran ist der Mensch alles andere als unschuldig: Durch Auswilderung, Handelsimporte und Ausbrüche aus Zoos und Pelztierfarmen sind die gebietsfremden Arten überhaupt erst in die hiesige Natur gelangt.

Hungrige Waschbären

Bestes Beispiel ist der ursprünglich aus Nordamerika stammende Waschbär, der 1934 in Hessen ausgewildert wurde. Der ebenso geschickte wie lernfähige Räuber ist nach Angaben des Landesjagdverbandes mitverantwortlich für den Rückgang von Niederwild wie Hasen, Rebhühnern und Fasanen sowie von zahlreichen Wiesenvögeln.

Waschbären werden immer mehr zur Plage.

Gregor Klar, Landesjagdverband NRW

„Vor allem Jungtiere und Gelege fallen dem Waschbär häufig zum Opfer“, sagt Klar. Der Naturschutzbund (Nabu) NRW kritisiert hingegen, dass dies bisher nicht schlüssig nachgewiesen werden konnte und lehnt die generelle Jagd von Waschbären ab.

Jagd oder Kastration?

Klar sieht hingegen keine Alternative zur Regulierung des Bestandes durch Jäger. Denn Fressfeinde haben die Räuber keine. „Der Waschbär wird immer mehr zur Plage. Auch Amphibien stehen auf seinem Speiseplan. Die Tiere spüren etwa Krötenwanderwege auf.“ Die Säugetiere gelten als Allesfresser und tauchen mittlerweile auch vermehrt in Städten auf, wo sie Mülltonnen plündern, Vögel jagen und auf Dachböden randalieren. Sogar kleine Haustiere sind vor ihnen nicht sicher und Landwirten berichten, dass die Tiere Maispflanzen und die Früchte von Obstbäumen anfressen.

Das Hauptproblem ist die schnelle und unkontrollierte Ausbreitung der Waschbären. Alleine zwischen 2006 und 2017 hat sich sein Verbreitungsgebiet in Deutschland verdoppelt. Daher dürfen Waschbären unter Auflagen auch bejagt werden. Die Freigabe durch das Bundesnaturschutzgesetz im Jahr 2017 fußt auf eine EU-Verordnung, nach der die Ausbreitung invasiver Arten verhindert werden soll. Bisher hat die Bejagung der Ausbreitung aber kaum geschadet. „Frei werdende Reviere werden unmittelbar von anderen Waschbären besetzt“, heißt es auf der Homepage des Deutschen Tierschutzbundes, der stattdessen eine Kastration möglichst vieler Tiere fordert.

Bestand steigt

Schätzungen des Bestandes basieren zwar vor allem auf erlegten Exemplaren, die Anzahl war mit 17 201 Tieren in NRW im Jahr 2017/18 laut Nabu allerdings so hoch wie nie zuvor. Vor allem in Ostwestfalen sind Waschbären schon weit verbreitet. „Doch sie verbreiten sich auch immer mehr im Westen des Landes“, sagt Klar. Das spiegeln Sichtungen in den rund 8000 nordrhein-westfälischen Jagdrevieren wieder, deren Wildaufkommen alle zwei Jahre bei den Jägern abgefragt werde.

Nutria – gefräßige Nager

Waschbären sind längst nicht die einzige gebietsfremde Spezies, die den Artenschützern Sorgenfalten auf die Stirn treibt. In NRW richten auch die als Nutria bekannten Sumpfbiber verheerende Schäden an. Sie sorgen besonders an Gewässern für Verdrängungsprozesse. Nutria, die ursprünglich aus Südamerika stammen, wurden in Deutschland seit den 1920er Jahren von Pelztierfarmen importiert. Immer wieder konnten einzelne der widerstandsfähigen Nager entwischen. An Flussläufen, Teichen und Seen finden sie optimale Bedingungen, sodass sie mittlerweile fast in ganz Deutschland in freier Wildbahn vorkommen. Aufgrund milder Winter konnte sich der Nutriabestand in Deutschland zwischen 2006 und 2016 sogar verdoppeln.

Die Sumpfbiber fressen unter anderem seltene Flussschnecken, verursachen aber auch Schäden an Dämmen und Deichen, die sie unterwühlen. Zudem zerstören die gefräßigen Nager Röhricht, das als Brut- und Rückzugsgebiete für zahlreiche Tierarten gelten. Zwar unterliegen sie in NRW nicht dem Jagdrecht, doch dank Ausnahmegenehmigungen der unter Landschaftsbehörden werden jährlich Tausende Nutria erlegt. Zudem stellen Bisam- und Nutriafänger Fallen auf, um die Populationen einzudämmen. Dadurch werden besonders seltene Biber- und Fischotterpopulationen verschont.

Bitte nicht füttern

„Wichtig ist, dass die Bevölkerung die Nutriapopulation auch als Problem wahrnimmt und nicht auch noch anfüttert. Der Bürger hat sich leider von der Natur entfernt und hilft den Nutria dabei, andere Arten zu verdrängen“, verdeutlicht Klar. Kreise und kreisfreie Städte in NRW haben das mittlerweile erkannt und starten mittlerweile Informationskampagnen.

Das Füttern von Wildtieren ist auch in vielen anderen Fällen problematisch. Es trägt – wie bei der ebenfalls als invasiv geltenden Nilgans – zur explosionsartigen Vermehrung von Populationen bei. Die ursprünglich aus Nordafrika Tiere verscheuchen dann in Revierkämpfen die heimische Stockenten aus deren Brutgebieten, um die besten Nistplätze für sich beanspruchen. Während die Stockente noch nicht als bedrohte Tierart gilt, stehen zahlreiche andere kurz vor dem Aussterben oder sind wie der Stör bereits seit Jahren nicht mehr in NRW gesichtet worden.

Erfolgreiche Wiederansiedlungsprogramme

Hoffnung machen hingegen Wiederansiedlungsprogramme für populäre Spezies wie Feldhamster, Lachs und Biber. Um diese allerdings langfristig erfolgreich zu gestalten, muss der Mensch seinen Teil dazu beitragen und günstigere Rahmenbedingungen schaffen.

Invasive Pflanzen

Nicht nur im Tierreich bedrohen invasive die heimischen Arten. Auch eingeschleppte Pflanzen richten Schäden an. Das Drüsige Springkraut etwa, ursprünglich auf dem in­dischen Subkontinent beheimatet, breitet sich sehr schnell aus und kann über zwei Meter hoch werden. ­Dadurch stellt es heimische Blumen in den Schatten und verdrängt diese. Aufgrund des Giftgehalts ist eine andere invasive Pflanze hierzulande besonders gefürchtet: die Herkulesstaude, auch bekannt als Riesenbärenklau. Wer das Gewächs berührt, riskiert Verbrennungen und große Blasen an den Händen. Die Pflanze wächst häufig an ­Straßenrändern und Wäldern und wird bis zu 3,5 Meter hoch. Außerdem gelten über 30 weitere Pflanzenarten allein in NRW als invasiv. Darunter zu finden sind die Gewöhnliche Seidenpflanze, Kreuzstrauch, Helms Dickblatt, Karottenkraut sowie verschiedene Staudenknöteriche.

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