Apotheken-Umfrage
„Lieferengpässe sind Alltag“

Nottuln/Appelhülsen -

Jeder Apotheker hat es schon einmal erlebt, dass Medikamente knapp werden. Lieferengpässe. „Das ist mehr als ärgerlich“, wie die heimischen Apotheker betonen.

Montag, 24.06.2019, 20:15 Uhr aktualisiert: 24.06.2019, 20:30 Uhr
Lieferengpässe bei Medikamenten kommen immer wieder mal vor.
Lieferengpässe bei Medikamenten kommen immer wieder mal vor. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Lieferengpässe bei Medikamenten sind auch für Nottulner Apotheken Alltag. Stefan Frie (Stifts-Apotheke), Michael Enseling (Gerburgis-Apotheke), Marianne Werschmöller (Hirsch-Apotheke) und Nils Oelschläger-Brune (Marien-Apotheke Appelhülsen) sind täglich mit diesem Problem konfrontiert, wie sie auf WN-Anfrage bestätigen. Es fehlen häufig Sartane, das sind Blutdrucksenker, Medikamente also, mit denen Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt werden. Aber auch Schmerzmittel wie Ibuprofen in höherer Dosierung und Antidepressiva gehören dazu. „Das ist mehr als nur ärgerlich“, sind alle Apotheker gleicher Meinung.

„Grundsätzlich führen Engpässe bei Medikamenten zu einem erheblichen Mehraufwand. Großhändler müssen kontaktiert werden, Telefonate mit Ärzten fallen an, Patienten müssen notgedrungen vertröstet werden“, schildert Marianne Werschmöller und ergänzt: „Die Kontaktaufnahme mit unseren Ärzten vor Ort ist problemlos. Versuchen sie aber mal spontan einen Arzt der Uni-Klinik zu sprechen, das ist nur schwer möglich.“ Dann muss sich schon manchmal der Patient selbst darum kümmern, ein neues Rezept zu bekommen.

Was tun, wenn ein Patient dringend einen Wirkstoff benötigt, der nicht lieferbar ist? Er wird auf jeden Fall versorgt, auch wenn das Medikament teurer ist, schildern die Apotheker. Dann allerdings muss die Apotheke gegenüber der Krankenkasse dokumentarisch begründen, weshalb dieses Medikament abgegeben wurde. Sonst wird dieses nicht bezahlt.

Laut PGEU (Zusammenschluss der Apotheker der Europäischen Union) entstehen Apotheken durch diese Engpässe durchschnittlich über fünf Stunden Mehrarbeit wöchentlich. Das bestätigen auch die befragten heimischen Apotheker. Zeit, die sie lieber für die Beratung von Patienten nutzen würden.

In den meisten Fällen können Engpässe durch andere Präparate überbrückt werden. Patienten sind dann aber häufig verunsichert, wenn sie ihr gewohntes Präparat nicht bekommen. Da ist Überzeugungsarbeit gefragt.

Alle befragten Apotheker machten sehr deutlich, dass sie auf jeden Fall an der Seite ihrer Patienten sind, sie beraten und ihnen helfen. „Im Notfall prüfe ich, ob ich Medikamente selbst herstellen kann“, erklärt Apotheker Stefan Frie.

Woran liegt es, dass es überhaupt zu Engpässen bei Medikamenten kommen kann? Auch in dieser Frage ist man einer Meinung: „Der Spardruck im Gesundheitswesen zeigt Wirkung. Die Krankenkassen handeln mit den Pharmafirmen Rabatte aus. Das führt dazu, dass man Wirkstoffe kostengünstiger im Ausland produzieren lässt. Wenn dann eines der wenigen Unternehmen Produktionsprobleme hat, kommt es zwangsläufig zu Lieferengpässen.“

Wirklich gefährlich wird es aber, wenn ein Präparat fehlt. Im letzten Sommer zum Beispiel war kein Mittel verfügbar, um Insekten-Allergiker gegen einen anaphylaktischen Schock zu behandeln. Da hat auch ein Apotheker ein „mulmiges Gefühl“.

Apotheker haben deshalb konkrete Forderungen an die Politik. Nationale Gesetze und Strategien müssen Einfluss auf eine zeitnahe und ordnungsgemäße Versorgung haben. Im Vordergrund müssen die Bedürfnisse der Patienten stehen. Die Befugnisse der Apotheker bei Lieferengpässen sollten ausgedehnt werden. Gerade in einer dörflichen Gemeinschaft wie auch in der Gemeinde Nottuln haben Patienten und Apotheker ein persönliches Verhältnis. Man vertraut „seinem Apotheker“. Dieses Vertrauensverhältnis, da sind sich die heimischen Apotheker einig, dürfe nicht durch rein wirtschaftliche Komponenten beeinträchtigt werden.

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