Drei Freunde entwickeln ein Spielkonzept mit Bildungsanspruch
Flucht in den Escape Room

Zwei berufliche Aussteiger ohne konkreten Plan, ein Schulseelsorger mit einer Idee und eine gesunde Portion Unternehmergeist – so kann etwas Neues entstehen. Wie der mobile Escape Room „Der Löwe von Münster“. Eine Geschichte von Aussteigern, Einsteigern und einem gemeinsamen Neuanfang.  

Montag, 17.06.2019, 17:02 Uhr aktualisiert: 17.06.2019, 17:29 Uhr
Drei Freunde entwickeln ein Spielkonzept mit Bildungsanspruch: Flucht in den Escape Room
Drei Mann, eine Idee:Matthias Hecking, Winfried Hachmann und Markus Hachmann (von links) in ihrem mobilen Escape Room „Der Löwe von Münster“. Foto: Gunnar A. Pier

Für Matthias Hecking waren die Weichen gestellt: Steile Karriere bei der Bahn. Der Sauerländer hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Er kann also planen, wirtschaften und kalku­lieren – und versteht trotzdem nicht nur Bahnhof, wenn ein Techniker spricht. Beste Voraus­setzungen für seinen ersten Job in der Planungsabteilung der Bahn, wo die Instandhaltung der Intercity-Züge und die Flottenmodernisierung geplant werden. Er war im Trainee-Programm, reiste quer durch Deutschland. ­„Alles war darauf ausgelegt, dass ich Karriere mache“, erinnert er sich.

Aber: „Dann habe ich einen kleinen Bruch gemacht.“

Mit „kleiner Bruch“ umschreibt er das: Job gekündigt, Wohnung gekündigt, Rucksack gepackt. Hecking wanderte den Jakobsweg bis Santiago. Er war dann mal weg.

Eingeengt in der Job-Mühle

Warum? „Frankfurt war nicht so meine Stadt“, sagt er zunächst. Aber es war mehr: Die Hektik, der Stress, all die Sachlichkeit, die seine Arbeit ausmachte. „Ich habe gemerkt, dass ich nicht so der Karrieremensch bin.“ Hecking fühlte sich eingeengt in der Job-Mühle. „Ich hatte nicht mal die Zeit, zu überlegen, was ich stattdessen möchte.“

Also ging er weg. Und weil er nicht wusste, wo er hinwill, ging er erst mal nach Santiago de Compostela. Ein halbes Jahr dauerte die Wanderung, von April bis September 2017. „Da ist mir klar geworden: Ich bin recht gut darin, mir Sachen auszumalen. Das ist wichtig für eine gute Planung – aber auch für Kreatives. Oder anders formuliert: „Ich kann den Quatsch in meinem Kopf in eine Richtung bringen, wo er auch gebraucht wird.“

Heimkehr ohne Heimat

Im Hinterkopf hatte Hecking da schon das Thema Escape Room. So etwas auszudenken und umzusetzen, könnte genau sein Ding sein.

Der Jakobsweg war geschafft, die Gedanken sortiert, doch eine Heimat hatte er nicht. Also zog ­Hecking vorübergehend bei Winfried Hachmann ein, einem Freund von Kindesbeinen an.

Dessen Lebensgeschichte ist ganz anders – und doch irgendwie genauso: „Ich habe viel zu lange Lehramt studiert“, gesteht der. Geschichte und katholische Religion waren seine Fächer. Das Examen hatte er inzwischen doch noch gemacht, sein Plan war, Gymnasiallehrer zu werden.

Zwei Aussteiger

Doch im Referendariat an einer Gesamtschule stellte Hachmann schnell fest: „Das ist nicht der Ort, an dem ich mich wohlfühle.“ Der Beruf war nichts für ihn. „Ich musste ständig eine Autorität vorspielen, die ich gar nicht haben wollte.“ Jeden Tag kam er mit einem langen Gesicht nach Hause. Leere statt Lehrer: Die Arbeit machte ihn unglücklich.

Ich kann den Quatsch in meinem Kopf in eine Richtung bringen, wo er auch gebraucht wird.

Matthias Hecking

Die Seminarleiter wiederum wollten ihn nicht. Hachmanns Leistungen waren schlecht, er wurde nicht zur Prüfung zugelassen. Ein Zeichen, das er verstand. Hachmann stieg aus.

Und da saßen sie nun zusammen, die beiden Aus­steiger. Und dachten fortan gemeinsam über Escape Rooms nach. Aber selbstständig machen? Erst mal informieren!

Drei Mutige - eine Idee

Beim Katholikentag in Münster gab es Escape Rooms. Matthias Hecking schaute sie sich an – und im Foyer kam es zur alles entscheidenden Begegnung mit Markus Hachmann, Diplom-Religionspädagoge, Schulseelsorger in Emsdetten. Die drei Herren kennen sich schon immer, Markus Hachmann ist heute Winfrieds Schwager. Und er bastelte im Kopf bereits an der Idee, den Schülern die Geschichte von Kardinal von Galen in Form eines spielerischen Escape Rooms zu vermitteln.

Ein Wort gab das andere, ein paar Tage später wurde telefoniert. Du bist mein Mann! Drei Mutige, eine Idee, ein Plan. Daraus wurde ein großes Projekt.

Ein völlig neues Format

Im Herbst feierte der Escape Room „Der Löwe von Münster“ in Emsdetten Premiere. In den kommenden Wochen schlüpften rund 70 Gruppen von Jugendlichen in die Rolle von Pfadfindern in der Nazi-Zeit, die sich mit Kardinal von Galen, dem „Löwen von Münster“, beschäftigen und am Ende vor der Frage stehen, ob sie seine mutige Predigt in Form von Flugblättern verteilen und selbst ins Visier der Nazis geraten – oder ob sie ­lieber still bleiben.

Ein spielerischer Escape Room mit Bildungs­anspruch: „Wir haben da ein völlig neues Format erfunden“, ist Hecking sicher. Der Erfolg gibt ihm recht: Die Anlage war bereits in sechs Städten zu Gast, es gibt Buchungen bis ins Jahr 2020. Matthias Hecking und Winfried Hachmann haben eine GbR gegründet und verdienen ihr Geld damit. Kirchengemeinden und Schulen mieten den Escape Room gegen einen Tagessatz, Spielleiter inklusive. Darin sieht Matthias Hecking einen Sinn. Und hat so seine Weichen neu ­gestellt: Er flüchtete in den Escape Room. 

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