Kleine Hoffnung – große Solidarität
Reaktionen auf Abschiebung der jesidischen Familie

Senden -

Dass sie ihren Mitschüler verloren haben, damit finden sich die Schüler an Joseph-Haydn-Gymnasium und Mariengrundschule in Senden nicht ab. Die Solidarität mit der abgeschobenen jesidischen Familie hat darüber hinaus weite Kreise gezogen.

Sonntag, 19.05.2019, 16:46 Uhr aktualisiert: 19.05.2019, 18:53 Uhr
Solidarität mit ihrem Mitschüler bekundeten viele JHG-Schüler, die ihren Slogan „Einer für alle – alle für Aziz" auch im Chor ausriefen und auf Video bannten.
Solidarität mit ihrem Mitschüler bekundeten viele JHG-Schüler, die ihren Slogan „Einer für alle – alle für Aziz" auch im Chor ausriefen und auf Video bannten. Foto: ell

Die Hoffnung, dass sie ihren Mitschüler je wiedersehen, ist, klein, doch die Solidarität ist riesig. In der Klasse 5a des Joseph-Haydn-Gymnasiums fehlte am Donnerstag ein Schüler. Spätestens am Freitag war klar, warum. Und seitdem läuft eine Welle von Aktionen. Gespeist aus Traurigkeit, Ohnmacht und Wut. Die Initiative, die Abschiebung der jesidischen Familie mit ihren beiden Söhnen nicht einfach hinzunehmen, strahlt inzwischen weit aus.

Alle Schulen ziehen mit

Sie hat alle weiterführenden Schulen, die Mariengrundschule, die der jüngere Sohn besucht hat, den VfL Senden und viele Menschen im Ort erfasst. Und sie ist längst in die sozialen Medien geschwappt: 45 Kommentare fanden sich bis Redaktionsschluss am Sonntag unter dem in der größten örtlichen Facebook-Gruppe geteilten WN-Bericht. Mütter aus Senden schildern dort, wie ihre Kinder auf die Nachricht und die O-Töne per WhatsApp von den abgeschobenen Kindern reagiert haben: „Die schlimme Nachricht hat uns total aus der Bahn geworfen“, heißt es etwa. Viele Posts äußern nicht nur Enttäuschung, sondern auch die Bereitschaft, noch helfen zu wollen. Statements, die auch an die WN-Redaktion gerichtet wurden, bescheinigen, wie sehr sich die Familie bemüht hat, sich in Senden einzubringen. Entsprechend geballt ist die Empörung über die Abschiebung und das drastische Vorgehen beim Vollzug der „Ausreisepflicht“. Dass die Schüler und Bürger beherzt reagieren, tröstet allerdings nur bedingt: „Ich bin überwältigt von der Zivilcourage in Senden“, schreibt beispielsweise Tatjana Kunz, die aber hofft, dass die Initiativen auch Früchte tragen: „Wir dürfen die Abschiebung von bereits integrierten Kindern nicht hinnehmen.“

Kampagne mit packendem Slogan

Die junge Generation hat einen Slogan für ihre Kampagne: „Einer für alle, alle für Aziz!“ Das ist nicht nur Programm, sondern auch ein Aufruf für weitere Aktionen. Am JHG war am Freitag „in allen Klassen und allen Unterrichtsfächern“, so schildern es Schüler, der abrupte Abschied des Schulkameraden ein Thema. Mindestens in Mittel- und Unterstufe dominierte das Gespräch über die Abschiebung den Schultag. „Für die beiden Kinder ist das wirklich tragisch“, bestätigt Frank Wittig, Leiter des Joseph-Haydn-Gymnasiums, gegenüber den WN. Er teilt das Mitgefühl seiner Schüler, die sich um den Fünftklässler und seinen jüngeren Bruder sorgen.

Für die beiden Kinder ist das wirklich tragisch.

JHG-Schulleiter Frank Wittig

Doch nicht nur Schüler und viele Lehrer unterschreiben die Protest-Plakate, Listen und Handzettel, sondern auch Passanten, die nahe der Schule beispielsweise auch von Marienschülern angesprochen werden.

Spieler der D 1 kämpfen um ihre Nummer 14

Die Spieler der D 1 trommeln, weil sie ihre Nummer 14 und ihren Freund im Team vermissen. Die Jugendfußballer sind auch dabei, den Ball auf andere Ebenen des Vereins zu passen. Beispielsweise gleich am Sonntag beim Heimspiel der ersten Mannschaft des VfL. Wie es aussieht, wird ihre Flanke gespielt und der Unterstützerkreis größer. Und sportlich gelingt, gegen den haushohen Favoriten, beim Auswärtsspiel gegen SC Kinderhaus sogar ein Unentschieden. „Wir haben für Aziz gespielt“, beschreibt die D-Jugend ihre besondere Energie auf dem Platz in Münsters Norden.

Provisorischer Unterschlupf bei Verwandten in Armenien

Die Familie, die seit Mai 2014 in Senden wohnte, hat in Armenien bei Verwandten provisorisch Unterschlupf bekommen. „Aber nur auf Zeit“, so die Eltern, die nach eigenen Angaben kein Geld für einen Neuanfang in der alten Heimat haben, die für die Kinder, die kein Wort armenisch sprechen, neu ist. Hilfe vom Staat „kriegen wir nicht“, schildert die Familie.

Alfons Hues schließen sich Unterstützer an

Einen Funken Hoffnung, dass sie wieder nach Senden zurückkehren kann, lässt Alfons Hues glimmen. Der stellvertretende Bürgermeister hat es sich als Privatperson, die mit der jesidischen Familie befreundet ist, zur Aufgabe gemacht, ihr zu helfen. Einige Mitstreiter standen ihm dabei schon zur Seite. Jetzt sind es mehr geworden: Etwa zwei Dutzend Sendener, die sich für die Familie engagieren wollen, hätten sich nach der Berichterstattung im WN-Lokalteil bei ihm gemeldet, so Hues.

Zum Thema

Ein erstes Treffen eines möglichen Unterstützerkreises findet am Donnerstag (23. Mai) um 18 Uhr in der Gaststätte „Journal“ statt.

...
Das Facebook-Video wird geladen
Zum Thema

Bürgermeister Sebastian Täger betont, dass er die Abschiebung der armenischen Familie menschlich „sehr bedauert“. Er habe von dem Einsatz der Behörden auch erst am Donnerstag erfahren, als dieser schon abgeschlossen war, so Täger auf WN-Anfrage.

Auch die Bemühungen im Vorfeld, der Familie eine Bleibeperspektive zu verschaffen, hat der Rathaus-Chef gekannt und verfolgt. An der Rechtmäßigkeit der Abschiebung lässt Täger aber keinen Zweifel aufkommen.  Vor dem Gesetz dürften auch dann keine Unterschiede gemacht werden, wenn sich eine Familie in einer Gemeinde einbringt und dort gut vernetzt sei. Soweit der Landrat es auf Anfragen Tägers noch am Freitag beteuert hat, lagen keine asylrechtlichen Voraussetzungen vor. Den Eindruck, den einige Bürger gegenüber den WN äußerten, dass bei dieser Familie „ein Exempel statuiert werden sollte“, teilt   Täger nicht. „Das war nicht die erste Abschiebung in Senden.“

Er bedauert aber, dass es keine andere rechtliche Möglichkeit (als das Asylrecht) gibt, dass gut integrierte Familien, wie die jetzt betroffene, in Deutschland bleiben können. Täger würde sich wünschen, dass ein Einwanderungsgesetz dafür Grundlagen schaffen würde.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6624375?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker