Sigmar Gabriel in Beckum
Leidenschaftlicher Appell für Europa

Beckum -

Sigmar Gabriel liebt noch immer die große Bühne. Das merkt man auch oder vor allem dann, wenn er auf einer kleinen steht. So wie an diesem Samstag in Beckum im Kreis Warendorf. Dorthin hat ihn die Kreis-SPD eingeladen, um über die Weltpolitik im Allgemeinen und Europa im Besonderen zu sprechen. Knapp 200 Gäste hören gebannt zu.

Samstag, 18.05.2019, 14:50 Uhr aktualisiert: 18.05.2019, 15:01 Uhr
Sigmar Gabriel in Beckum: Leidenschaftlicher Appell für Europa
Sigmar Gabriel bei seinem Auftritt in Beckum. Foto: Reinhard Baldauf

Die EU schwächelt, das Verhältnis zu den USA ist abgekühlt, China geriert sich als neue Weltmacht. Das sind Themen, die dem früheren SPD-Chef und Ex-Außenminister liegen, hier blüht er auf, hier hat er etwas zu sagen. Dabei versteht es der 59-Jährige gekonnt, die drängendsten Konflikte unserer Zeit so zu erklären, dass sie jeder versteht.

In dunklem Sakko und weißem Hemd steht Gabriel lässig hinter dem Mikro im stattlichen Saal des Hotels Höxberg und erzählt Geschichten über Europa. Das Venedig des 15. Jahrhunderts ist der Ausgangspunkt. Die alte Handelsmacht, über Jahrhunderte wirtschaftlich stark, politisch mächtig, hatte gar nicht gemerkt, „wie sich die Handelsachsen und damit die Macht langsam vom Mittelmeer in den Atlantik verlagerten“. Das alte Venedig ist für Gabriel Beispiel und Menetekel für das, was gegenwärtig wieder geschieht. „Merken wir, dass sich die Achsen verschieben?“, fragt er rhetorisch. Weg vom Atlantik in Richtung Pazifik, hin zu China und Indien.

Europa und insbesondere Deutschland habe das Kümmern immer anderen überlassen, vor allem den USA. Super bequem sei das gewesen, bilanziert Gabriel, der noch für die SPD im Bundestag sitzt, aber bald in den Verwaltungsrat des neuen Zugkonzerns von Siemens und Alstom wechselt. „Wir haben gezahlt und geschimpft.“ Lange vor Trump habe sich Amerika jedoch auf einen neuen Wettbewerb mit China konzentriert, sagt er. Jetzt drohe Europa das gleiche Schicksal wie einst Venedig: der Sturz in die Bedeutungslosigkeit.

Es ist wohl kein Zufall, dass der SPD-Politiker kurz vor der Europawahl ein Buch zum Thema Europa geschrieben hat, das „Zeitenwende“ heißt und im Kern ein leidenschaftlicher Appell ist. Ein Appell an das politische Europa, endlich aus seiner Lethargie zu erwachen, und an die Europäer, wieder zu lernen, das Schicksal gemeinsam in die eigenen Hände zu nehmen – „die Ärmel aufkrempeln“, sagt er. Letztlich ist es ein Appell an beide: Es lohnt sich, für die EU und die ihr zugrunde liegenden Ideen zu kämpfen.

„Wir müssen uns engagieren“

„Wir müssen uns für Europa engagieren“, sagt er auch an diesem Samstag. „Weil wir in der Welt von morgen nur dann eine Stimme haben, wenn wir als Europäer auftreten.“ Das sei nicht immer leicht, das sei auch nicht frei von Risiken, berge Widersprüche und auch die Gefahr, sich womöglich schuldig zu machen.

Die USA wenden sich ab, China wird mächtiger. Beide testen unentwegt, inwieweit sich Europa noch als ernst zu nehmende Einheit versteht und verhält. Die Brexit-Debatte sei vor diesem Hintergrund ein verheerendes Zeichen. Das allgegenwärtige Zögern und Zaudern der 28 europäischen Staaten ein schlechtes Signal. „In Afrika heißt es, bis ihr einen Radweg fertiggebaut habt, haben die Chinesen drei Flughäfen errichtet.“ Deutlich wird: Da spricht ein leidenschaftlicher Europäer, der aber mit dem Zustand des Kontinents und seiner Institutionen ungefähr so zufrieden ist wie mit dem seiner Partei.

Nun kann er offen reden

Ein Blatt vor den Mund nehmen muss Gabriel nicht mehr, auch das wird deutlich an diesem Vormittag in Beckum. Gemessen an früher, ist er politisch nichts mehr, er wird auch nichts mehr – und will auch nichts mehr werden. Sagt er jedenfalls. Diesen Zustand empfindet er als befreiend. Darum kann er offen reden und harte Worte wählen für ernste Probleme. Beispiel Flüchtlinge: „Man ist doch nicht ausländerfeindlich, wenn man sagt, wir können nicht alle aufnehmen.“ Beispiel Grenzsicherung und Ungarn: „Orban macht genau das, was in den Schengen-Verträgen vorgesehen ist, er sichert die EU-Außengrenzen.“ Und Merkel findet er im Übrigen gut. Er sei Merkel-Fan, auch das sagt er. Jedenfalls Fan der früheren Merkel. Das ist bei SPD-Chefin Andrea Nahles anders. Die bekommt auch in Beckum hier und da ihr Fett weg, von ihrem ehemaligen Widersacher.

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