WN-Hausbesuch bei Ursula Kupka im „Schloss“
91 Jahre – und kein bisschen leise

Freckenhorst -

Die Westfälischen Nachrichten kommen zu Ihnen nach Hause. WN-Redakteur Joachim Edler hat sich vorgenommen, 33 Hausbesuche in diesem Jahr zu machen. 33 lokale Lesegeschichten. Immer im Mittelpunkt: der Mensch. Der fünfte Hausbesuch fand bei Ursula Kupka in Freckenhorst statt. Mit 91 Jahren gehört die alte Dame noch lange nicht zum alten Eisen.

Donnerstag, 25.04.2019, 04:00 Uhr
Ursula Kupka in ihrer Souterrain-Wohnung an der Everwordstraße 10 in Freckenhorst. Hinter der postalischen Adresse verbirgt sich das Schloss Westerholt. Hier fühlt sich die 91 Jährige mit ihren Katzen Chico und Moitz sehr wohl, meistert sie ihren Haushalt noch selbst. Nur das Putzen, das macht sie nicht mehr, da hat sie eine Hilfe.
Ursula Kupka in ihrer Souterrain-Wohnung an der Everwordstraße 10 in Freckenhorst. Hinter der postalischen Adresse verbirgt sich das Schloss Westerholt. Hier fühlt sich die 91 Jährige mit ihren Katzen Chico und Moitz sehr wohl, meistert sie ihren Haushalt noch selbst. Nur das Putzen, das macht sie nicht mehr, da hat sie eine Hilfe. Foto: Joachim Edler

„Lass dich doch ruhig mal wieder beim Seniorenorchester sehen“. Das habe ihr jüngst ein Freund empfohlen und hinzugefügt: „Dann bringst du deine Triangel mit und machst einmal Ping.“

Einmal „Ping“ ist für Ursula Kupka aber viel zu wenig. Mit ihren 91 Jahren gehört sie noch lange nicht zum alten Eisen. Sie liebt die Musik, sie liebt das Theaterspielen. Letzteres könnte viel öfter sein, lacht sie. „Keyboard, ja, das habe ich gerne gespielt – und da alle anderen im Orchester besser waren als ich, fiel das gar nicht auf.“ Das Seniorenorchester der Landvolkshochschule hat sie mit gegründet, singt heute noch im evangelischen Kirchenchor.

Teil der freien Theatergruppe

Die 91-Jährige schmunzelt, zeigt auf ein Foto, das sie inmitten einer Theatergruppe zeigt. Nicht früher, als sie jung war. Nein, heute. Mit 91 Jahren ist Ursula Kupka zwar die Älteste, hat aber ihren festen Platz in der freien Theatergruppe „Zeitlos“. Sprechrollen seien nicht mehr so ihr Ding, räumt sie ein. Das Gedächtnis, sagt sie. Mimik und Gestik aber sitzen. Und sollte es beim Text mal stocken, dann wird frei improvisiert. Die aktuelle Produktion der Theatergruppe: „Schiffbruch – Heimweh – Bauchweh – Kopfweh“ begleitet den Auftakt der Hansetage in Warendorf. Premiere ist am 17. Mai im Theater am Wall.

Ursula Kupka ist Jahrgang 1928, aufgewachsen in Bad Ems in der Nähe von Koblenz. Ihr Vater Karl Kupka war Arzt, Chirurg. „Er war beliebt, tüchtig und korrekt. Er war kein Anhänger des damaligen Regimes, hat alle gleich behandelt – wir waren eine angesehene Familie.“

Als mir das zu langweilig wurde, ging ich nach London. Ich arbeitete im Haushalt einer Journalistin, deren Kind ich betreute.

Ursula Kupka

Geboren in der Alten Post an der Lahnstraße 9 in Bad Ems, („Ich war eine Hausgeburt“), später umgezogen in die herrschaftliche Villa „Eckstein“ an der Lahn, wuchs Ursula Kupka in einem wohlbehüteten aber auch strengen Haushalt auf. Ihrer Mutter Käthe habe sie es nicht immer Recht machen können – was sie wohl auch veranlasste, nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin bei den Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus nach England zu gehen. Der Vater starb 1938 im Alter von 48 Jahren unerwartet und viel zu früh nach einer Operation.

Zwei Jahre blieb Ursula Kupka in Surrey, eine Grafschaft im Süden Englands. Dort führte sie den Haushalt eines deutsch-amerikanischen Ehepaares. „Als mir das zu langweilig wurde, ging ich nach London. Ich arbeitete im Haushalt einer Journalistin, deren Kind ich betreute.“

Ein zweites Mal nach England

Als ihre Mutter sie bedrängte nach Hause zu kommen und zu helfen, um aus der herrschaftlichen Villa ein Kursanatorium für Asthma kranke Kinder zu machen, folgte Ursula Kupka. Schnell merkte sie, dass sie dort aber nicht festsitzen wollte. Ihre Schwester Elisabeth übernahm das Kursanatorium und stellte das Haus Eckstein auf Kurgäste um.

Ursula Kupka zog es mit 29 Jahren erneut nach England. Eine Freundin hatte den Kontakt vermittelt, zu einem Farmer in Wales, der eine Haushaltshilfe suchte. „Viehzeug, Landwirtschaft, das interessierte mich.“ Ursula Kupka packte ihre Koffer und blieb – nicht nur wegen der Tiere. Die 29-Jährige verliebte sich in den Milchkühe-Farmer. Heirat, drei Kinder, Isabel, Anne und Peter. Als es wirtschaftlich nicht mehr so gut lief, verließ die Familie England, ging nach Deutschland, kaufte einen Hof im Kreis Wetzlar (Hessen). „Wir hatten wieder Milchkühe und Hühner. Heute hat Sohn Peter den Hof übernommen – aber ohne Tiere.“

Der Umzug nach Warendorf

Als ihr Mann stirbt, arbeitet Ursula Kupka in einem Kindergarten bei Wetzlar. Als ihre Tochter Isabel nach dem Studium in Gießen ihren Mann Dr. Alfons Heseker kennenlernt und beide nach Warendorf ziehen, folgt Ursula Kupka später. Nein, den Kindern zur Last fallen, will sie nicht. Sie sucht sich eine eigene Wohnung und findet diese beim Grafen Westerholt in Freckenhorst. „Ich habe damals die Souterrainwohnung in diesem stattlichen Herrenhaus genommen, weil ich da noch einen Hund hatte.“ Der Hund lebt nicht mehr, heute hat Ursula Kupka zwei Katzen: Chico und Moritz.

Beim Blick auf die Fotos in ihren Alben werden alte Erinnerungen wach. „Wenn ich meinen Mann nicht kennengelernt hätte, wäre mein Leben ganz anders verkaufen. Ich wäre bestimmt Krankenpflegerin oder Hebamme geworden. Irgendetwas mit Medizin hätte mich schon interessiert.“ Bereut hat sie ihren Weg aber nicht.

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