Firmung statt Abschiebung
Mehran Moradi lebte neun Monate unter dem Schutz des Kirchenasyls im Haus Liudger

Greven -

Mehran Moradi ist aus dem Iran nach Polen geflüchtet. Von da ging es nach Sachsen, wo er zunächst zum protestantischen Glauben konvertierte, und schließlich nach Greven, wo er zum Katholiken wurde und wo er Kirchenasyl erhielt.

Mittwoch, 24.04.2019, 07:30 Uhr
Kirchenasyl-Fall in Greven (von links): Kaplan Ralf Meyer, Flüchtling Mehran Moradi und Helfer Erich Döring.
Kirchenasyl-Fall in Greven (von links): Kaplan Ralf Meyer, Flüchtling Mehran Moradi und Helfer Erich Döring. Foto: Jannis Beckermann

Die ersten Worte sind noch eher zögerlich. „Ich freue mich, Teil einer großen Familie zu werden“, liest Mehran Moradi in gebrochenem Deutsch von seinem Zettel ab, den er für diesen so wichtigen Tag seiner Firmung vorbereitet und nun vor sich ausgefaltet hat.

Und er blickt vom Ambo der Martinuskirche auf ins halbdunkle Mittelschiff, wo ihm in dieser Osternacht zu später Stunde zwischen leuchtenden Kerzen jene Menschen lauschen, die diese Familie in Zukunft bilden sollen: Die katholischen Christen, zu denen jetzt auch Mehran aus dem Iran, einem islamischen Gottesstaat, gehören will.

So jedenfalls bekundet er es später, als ihm Kaplan Ralf Meyer die Hände auf den Kopf legt und ihn mit Chrisam salbt, um ihn zu firmen.

Zunächst zum protestantischen Glauben konvertiert

Mehran Moradi, 26 Jahre alt, ist ein junger Mann aus dem Iran mit Brille, Schnäuzer über den Lippen und buntem Kreuz-Anstecker am Hemd. Ein unscheinbares Äußeres, hinter dem dennoch die Geschichte eines Flüchtlings steckt, „die einen umhauen kann“, wie es Kaplan Ralf Meyer nach der Messe erzählt.

Denn Mehran ist – wie so viele – vor anderthalb Jahren aus dem Iran nach Europa geflohen, wo ihm, wie er sagt, Verfolgung drohte. Unterschlupf suchte er zuerst in Polen, später in Sachsen, wo er zunächst zum protestantischen Glauben konvertierte, und schließlich in Greven, wo er zum Katholiken wurde.

Die Krux: Ginge es nach dem Willen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), hätte Mehran längst nach Polen abgeschoben werden sollen, das als sein „Ersteintrittsstaat“ in der EU nach der sogenannten Dublin-III-Verordnung für sein Asylverfahren zuständig wäre.

„Unsere Sorge ist allerdings, dass er von dort direkt in den Iran zurückgeschickt wird, wo ihm als zum Christen Konvertierten die Todesstrafe droht“, sagt Kaplan Meyer über die Umstände, die ihn und ein ganzes Team von Flüchtlingshelfern aus der Martinusgemeinde im Juli 2018 zu einer Entscheidung bewogen.

Leben unter improvisierten Verhältnissen

Es ist eine Entscheidung, von der bis zur letzten Woche nur ein eingeweihter Kreis an Menschen wissen sollte und die in Greven bisher noch ihresgleichen sucht: „Wir haben beschlossen, ihm Kirchenasyl in unserem Gemeindehaus zu gewähren“, erklärt Meyer.

Dort lebte Mehran daraufhin die letzten neun Monate unter mehr als improvisierten Verhältnissen. Zum Waschen ging er in den benachbarten Kindergarten, zum Beten in die Marienkirche. „Ehrlich gesagt habe ich schon Blut und Wasser geschwitzt, dass es gut geht, dass nicht irgendwann die Polizei anruft und ihn abholt“, berichtet Meyer von seiner Gefühlslage in dieser Zeit. Als bei den Behörden bekannter Ansprechpartner wäre er im Fall der Fälle zur Kooperation verpflichtet gewesen.

Denn: Kirchenasyl ist kein durchweg anerkanntes Rechtsinstitut in Deutschland. Es gibt formal also gar kein Sonderrecht der Kirchen in Asylfällen. Faktisch jedoch existieren Vereinbarungen zwischen der evangelischen wie der katholischen Kirche und staatlichen Behörden, die in den meisten Fällen nicht einschreiten, wenn Gemeinden Flüchtlinge vorübergehend vor Abschiebung schützen. Eine Garantie dafür gibt es gleichwohl nicht.

Geordnetes Asylverfahren

„Bei Mehran ging es um eine entscheidende 18-Monatsfrist, die just am Palmsonntag ablief und es ihm nun möglich macht, in Deutschland ein geordnetes Asylverfahren zu durchlaufen“, sagt Ralf Meyer. Seine Hoffnung ist, eine Duldung für Mehran erreichen zu können und einen Ausbildungsplatz zu finden. Im Iran hatte der 26-Jährige Klimaanlagentechnik studiert.

Gegen die Hoffnung spricht jedoch die Statistik der Verwaltungsgerichte, die insbesondere zum Christentum konvertierte Iraner daraufhin überprüfen, ob eine ernsthafte Hinwendung zum Christentum besteht, oder rein taktisch eine Taufe vorgenommen wurde. Die Erfolgsquote in solchen Fällen liege bei lediglich 15 bis 20 Prozent, meldete unlängst das Internetportal der Deutschen Bischofskonferenz.

Die Hoffnung auf ein gutes Ende 

Dass Mehran in einem solchen Verfahren dennoch obsiegen könnte, bleibt die Überzeugung nicht nur von Kaplan Meyer. Denn in seiner Zeit im Haus Liudger hat Mehran Moradi auch andere Kontakte geknüpft, die halten. Das beweist sich in der Osternachtsmesse, nach deren Ende ein Gratulant nach dem anderen Mehran zur Firmung beglückwünscht.

Der Küster, der ihn wie einen Freund umarmt und ein herzliches „Willkommen“ ins Ohr flüstert. Wildfremde, die Mehran ein dankendes Lächeln ins Gesicht zaubern, als sie ihm die Hand reichen. Und natürlich Erich Döring, der als inoffizieller Verwalter des Hauses Liudger Mehran kennenlernte und bei sich zu Hause aufnahm, als für diesen vor einer Woche die quälend lange Zeit des Kirchenasyls zu Ende ging.

Und Mehran selbst? Was sind seine Pläne? Seine Träume? „Erst einmal möchte ich besser Deutsch lernen“, sagt er zum Abschied nüchtern, und schiebt nach: „Und dann sehen wir weiter, was kommt.“ Zu warten, zu hoffen und an das gute Ende zu glauben – das hat Mehran Moradi in den letzten Monaten gelernt.

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