Schwengellangziehen – fast vergessen
Mit viel Schwung in die Stever

Lüdinghausen -

Das Schwengellangziehen ist eine über Jahrhunderte alte Tradition in der Steverstadt. Zum großen Bedauern von Rainer Voß ist sie allerdings in Vergessenheit geraten. Der Lüdinghauser erinnert sich gerne an die Hochzeit des Brauchs in den 1950/60er Jahren – nasses Ende inklusive.

Sonntag, 21.04.2019, 08:00 Uhr
Rainer Voß betrachtet den Film aus dem Jahr 1980. damals hatte ein Team des WDR-Fernsehens das „Schwengellangziehen“ mit der Kamera verfolgt. Die letzte Aktion gab es 2008 beim Stadtjubiläum.
Rainer Voß betrachtet den Film aus dem Jahr 1980. damals hatte ein Team des WDR-Fernsehens das „Schwengellangziehen“ mit der Kamera verfolgt. Die letzte Aktion gab es 2008 beim Stadtjubiläum. Foto: Peter Werth

Wer geht schon freiwillig in der Stever baden – und das bei Wassertemperaturen von deutlich unter zehn Grad? Bis zu Beginn der 1960er Jahre war das für gestandene Mannsbilder in Lüdinghausen über viele Jahre eine Tradition. Das Schwengellangziehen am Ostersonntag lockte alljährlich die Lüdinghauser in die Borg. Dort trafen sich dann die „Schwengellangbrüder“, um dem althergebrachten Brauch Genüge zu tun.

„In einer langen Kette stellten sich die Männer Hand in Hand auf. Singend zogen sie am Ufer ihre Kreise. Immer schneller, bis die letzten der Kette durch die Fliehkraft in das Nass der Stever geschleudert wurden“, berichtet Rainer Voß, der das in den 1950er Jahren noch selbst erlebt hat. Und dabei hatten die Männer keinesfalls Badekleidung an, sondern traten mit Anzug und Krawatte auf, wie Filmaufnahmen aus dem Jahr 1960 und alte Fotografien beweisen. „Das waren alles honorige Bürger der Stadt, zumeist gestandene Handwerksmeister“, weiß Voß.

Das waren alles honorige Bürger der Stadt, zumeist gestandene Handwerksmeister.

Rainer Voß

Wo der Ursprung des Brauches liegt, sei nicht wirklich bekannt, erzählt Voß, der sich seit Jahren für das Aufleben dieser österlichen Tradition einsetzt. Sie mag mit den vielen verheerenden Bränden, von denen die Stadt heimgesucht wurde, begründet sein. Damals haben die Brandbekämpfer Menschenketten gebildet, um die Eimer etwa von der Pumpe auf dem Marktplatz bis zum Ort des Feuers weiter zu reichen. „Eine entsprechende Darstellung findet sich beispielsweise auf einem Notgeldschein der Stadt aus dem Jahr 1921“, erzählt Voß.

Eine entsprechende Darstellung findet sich beispielsweise auf einem Notgeldschein der Stadt aus dem Jahr 1921.

Rainer Voß

Der Brauch habe sich sogar zeitweise während der beiden Weltkriege erhalten, sagt Voß. Und: Die „Schwengellangbrüder“ hätten sich als eine Solidargemeinschaft verstanden, die sich gegenseitig unterstützt hätten. So wurden etwa Briefe oder auch Päckchen an die Front geschickt. Schon ein Jahr nach Kriegsende habe es 1946 wieder ein Schwengellangziehen in der Borg gegeben. Einer der Männer war Anton Scholz – ein echtes Original.

„Im Volksmund hieß er Bananen-Tönne“, erzählt Voß. Und das hatte seinen Grund: Scholz betrieb in der Mühlenstraße einen kleinen Obst- und Gemüseladen. Dort warb er mit einem Schild, auf dem er „selbst gezogene Bananen“ anpries. Darauf angesprochen, dass diese in unseren Breiten doch gar nicht gedeihen können, hatte er eine Erklärung parat: Er habe die Früchte am Bahnhof abgeholt und mit dem Handkarren selbst bis zu seinem Laden gezogen.

„Bananen-Tönne“ sprang den „Schwengellangbrüdern“ zur Seite, als die Gema Gebühren dafür kassieren wollte, dass der Osterbrauch mit seinem musikalischen Beiprogramm Volksfestcharakter angenommen hatte. Dafür sollte gezahlt werden. Tönne, dessen Laden mehr schlecht als recht lief, legte als Vormann der Bruderschaft einen Offenbarungseid – heute wohl eine Privatinsolvenz – ab, und die Gema ließ von ihrer Forderung ab.

Bei der Stadtspitze stießen entsprechende Vorstöße auf keine Resonanz.

Rainer Voß

Ab den 1960er Jahren geriet die Tradition mehr und mehr in Vergessenheit, bedauert Voß. „Bei der Stadtspitze stießen entsprechende Vorstöße auf keine Resonanz“, erklärt der 75-Jährige, der bis zum Jahr 2000 das Schul- und Kulturamt der Stadt leitete. Allein im Jahr 2008 – zum 700-jährigen Stadtjubiläum – gelang es ihm, Mitstreiter zu finden. Die Aktiven der Aldenhöveler Jägerkompanie hätten sich mutig in die Fluten gestürzt. Das Spektakel habe rund 3000 Zuschauer in die Borg gelockt. Inzwischen hat Voß Kontakt zum Heimatverein Lüdinghausen aufgenommen, um diesem die Tradition schmackhaft zu machen. „Vielleicht ist das ja auch mal ein Thema für den Stadtgeburtstag“, hofft er. Und vielleicht finden sich ja doch noch einmal Männer, denen etwas an diesem alten Osterbrauch liegt.

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