Schweben im Windkanal
Der will doch nur fliegen

Bottrop -

Acht Meter unter mir: nichts. An mir: Tobi. In mir: Euphorie. „Macht die Arme hoch, wir wollen fliegen,“ hat der Instructor im Windkanal uns eben noch zugerufen. Und genau das machen wir jetzt.

Sonntag, 14.04.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 14.04.2019, 11:55 Uhr
Schweben im Windkanal: Der will doch nur fliegen
Wie Fallschirmspringen – nur ohne Schirm und mit dem Sicherheitsnetz immer in der Nähe. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat es ausprobiert. Foto: Wilfried Gerharz

Die Zeit im Luftstrom belohnt der Körper mit einer Extraportion Adrenalin. Was ich in dem Kanal erlebe, spüren Fallschirmspringer, wenn sie in 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springen und mit 286 Kilometern in der Stunde zur Erde fallen. „Entertainment-Kunden“, wie ich einer bin, sind zwar die Mehrheit der Nutzer. Aber der Kanal ist auch für richtige Fallschirmspringer attraktiv.

Der Charme: Die Flüge dort dauern jeweils zwei Minuten und sind deutlich länger als der freie Fall. Der ist meist nach etwa 50 Sekunden zu Ende. Außerdem lässt sich im Kanal auch im Winter trainieren. Das sind Vorteile, wegen derer auch Militärs die Anlage nutzen. Abgesehen davon sind die Kosten und der Energieverbrauch niedriger als beim echten Fall. Die Stromrechnung ist trotzdem so hoch, dass Pressesprecher Bastian Dicke sagt: „Das möchten Sie nicht wissen.“

Hier ist noch nie einer oben geblieben.

Instructor Tobias Scherrinsky

Action im Windkanal

Mit mir sitzen noch fünf andere Flieger auf der mit schwarzem Kunstleder bezogenen Bank. Manuela Hoberg neben mir knetet ihre Hände, ihr Freund Sascha zuppelt noch an der Schutzbrille, die gleich rote Ränder in sein Gesicht drücken wird. Er hat ihr die Karten geschenkt. Die beiden haben gerade Urlaub und verbringen eine „Action-Woche“ miteinander: Montag Tanzen in Bergisch-Gladbach, Dienstag Kartbahnfahren in Hilden, Mittwoch erst in den Windkanal und auf dem Rückweg noch nach Duisburg ins Zoogeschäft Zajak, am Donnerstag in die Therme nach Euskirchen. Und Freitag ist schon wieder Wochenende.

Die Stöpsel im Ohr verhindern nicht nur jedes Gespräch mit den beiden. Sie machen es auch unmöglich, sich einen Eindruck von dem Lärm zu machen, den die Ventilatoren in unserem Rücken produzieren.

Dem Wind vertrauen

Anfänger sind nie allein im Kanal oder „Tunnel“, wie die Experten sagen. An unserer Seite steht immer Instructor Tobi Scherrinsky. Der 41-Jährige ist einer von denen, die man sofort mit in den Urlaub nehmen würde. Er hat uns zehn Minuten vor dem Flug eingesammelt. Tobis Botschaft ist klar: Gleich geht es nicht um Höchstleistungen, sondern um Vertrauen. Vertrauen in den Wind. Und in sich selbst.

Sonderlich fit muss dafür keiner sein. Tobi hat schon eine fast 90-Jährige in den Wind begleitet. Auch um Kinder müsse sich niemand sorgen. Weil die ihren Körper im Griff hätten, ohne drüber nachzudenken, seien sie mit dem Luftstrom viel schneller vertraut als Erwachsene. Nach einer zehnminütigen Einführung wissen wir, wie wir uns im Wind verhalten sollen: „sehr, sehr langsam und mit möglichst kleinen Bewegungen.“

Dann stehe ich in der Luke so schmal wie eine Schranktür und lasse mich in den Wind fallen. Sofort verstehe ich: Der Wind trägt mich. Die Sorge, abstürzen zu können, verschwindet.

Strampeln verboten

Solange man nicht nach unten guckt und den Mund aufreißt, bekommt man auch genug Luft. Ich muss jetzt nur herausfinden, wie ich Arme und Beine bewegen muss, um mich durch den Kanal zu steuern. Meistens reicht es, die Arme nach vorne zu strecken und die Unterschenkel leicht nach oben zu beugen.

Tobi erinnert mich daran, indem er Zeige- und Mittelfinger zusammenrollt. Das bedeutet, dass ich vorsichtig meine Unterschenkel anziehen soll. Dann drückt mich der Wind hinten leicht hoch und ich schiebe nach vorne. Will ich rückwärts fliegen, mache ich die Beine länger und segel wieder zurück. Strampeln ist verboten.

Ventilatoren aus der Autoindustrie

Das „Indoor Skydiving“ in Bottrop wird in diesen Tagen zehn Jahre alt. Inzwischen stehen fünf solcher Anlagen in Deutschland, die in Bottrop ist der Prototyp. Forscher der Universität Berlin haben ihn an die Bedürfnisse des Windkanals in Bottrop angepasst. Der Wind stammt von vier Ventilatoren. Die Autoindustrie setzt solche Rotoren ein, um die Aerodynamik von Autos zu verbessern. Für die war bislang noch kein Kunde zu schwer. Auch Leichtgewichte könne beruhigt sein. „Hier ist noch nie einer oben geblieben“, wie Tobi sagt. Wollen wir mal das Beste hoffen.

Der Windkanal in Zahlen

Die eigentliche Flugkammer hat einen Durchmesser von  4,3 Metern und ist auf einer Höhe von vier Metern komplett verglast.

Maximale Flughöhe: ca. 17 Meter

Luftgeschwindigkeit in der Flugkammer: über 280 Kilometer pro Stunde, über 1000 Kubikmeter Luft pro Sekunde

Antrieb: 4 Axialventilatoren mit insgesamt 2100 PS  und jeweils 2,90 Meter Innendurchmesser

Gesamte Höhe des Gebäudes: 32 Meter

Mitarbeiter: ca. 25

Investitionsvolumen: 4,6 Millionen Euro

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Zwischen den Entertainment-Kunden nutzt Tobi die paar Sekunden, um Tricks zu zeigen, die ich mir nicht mal vorstellen konnte, bis ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Auf dem Rücken oder sogar mit dem Kopf nach unten durch den Kanal zu schießen, ist für ihn ein Leichtes. Immerhin: Die Erfolgskurve zeigt auch bei mir nach oben. Schon während der ersten Einheit mache ich Fortschritte.

In den letzten zwei Minuten macht Tobi ernst. Er gibt seinem Kollegen ein Zeichen. Die Ventilatoren brummen spürbar lauter, dann packt mich mein Instructor an Bein und Schulter und wir schießen gefühlt bis unter die Decke. Mit sanften, nicht sichtbaren Bewegungen, lenkt er uns wieder Richtung Fangnetz, um kurz vorher wieder nach oben zu schießen. Und dann gilt wieder: Acht Meter unter mir: nichts. An mir: Tobi. In mir: Euphorie.

Zum Thema

www.indoor-skydiving.com ; die Eintrittspreise liegen für zwei Flüge bei 49, für vier Flüge bei 89 Euro.

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