Waldbesitzer in Not
Borkenkäfer - „Alles ist durchseucht“

Rosendahl -

Vor dem Winter galt noch das Prinzip Hoffnung. Wäre es richtig kalt geworden, hätten womöglich nicht viel Borkenkäfer überlegt. Es war aber nicht kalt genug: Folglich erwarten Experten eine Käferplage biblischen Ausmaßes.

Mittwoch, 27.03.2019, 13:35 Uhr
Käfer-Zählen in der Käferfalle: Revierassistent Max Gerbaulet und Heinz-Peter Hochhäuser, Leiter des Regionalforstamtes Münsterland (v.l.), haben erste Borkenkäfer entdeckt, die bereits losgeflogen sind.
Käfer-Zählen in der Käferfalle: Revierassistent Max Gerbaulet und Heinz-Peter Hochhäuser, Leiter des Regionalforstamtes Münsterland (v.l.), haben erste Borkenkäfer entdeckt, die bereits losgeflogen sind. Foto: Wilfried Gerharz

Nein, endgültig aufgegeben hat Heinz-Peter Hochhäuser die Fichte noch nicht. Aber allzu viel Hoffnung, sagt er, hat er auch nicht mehr: Das Wetter war halt nicht wie erhofft. Weder richtig kalt im Dezember und Januar, noch wirklich nass danach. Gut für den Borkenkäfer, schlecht für die Fichten. 90 Prozent der Tiere haben den Winter überlebt. Fürs Münsterland gilt: „Die Bestände sind durchseucht“, sagt der Chef des Regionalforstamtes Münsterland.

Retten, was zu retten ist, lautet jetzt die Devise. Heißt praktisch: So viel befallenes Holz wie möglich aus dem Forst holen. Ob es vermarktbar ist, spielt kaum noch eine Rolle. Richtig wichtig ist das sowieso nicht mehr: Der Preis ist seit Beginn der Käfer-Krise 2018 im Keller. „Die Fichte ist kei ne Wirtschaftsbaumart mehr“, sagt Hochhäuser.

Dieser Montag, Ortstermin in Höpi ngen, einer Bauerschaft zwischen Rosendahl-Darfeld und Laer im Kreis Coesfeld. Viel ländlicher geht es nicht. Hier besitzt Stefan Schulze Hobbeling 20 Hektar Fichtenwald. Einen Teil hat Sturm Friederike im vergangenen Januar kurz- und kleingeschlagen, dem Rest machen Buchdrucker und Kupferstecher arg zu schaffen. Es ist kalt, es ist nass, der Wind pfeift. Kein Käferwetter.

Fallen

Förster Martin Kleining hat Fallen aufgestellt. Der Blick hinein offenbart: „Die ersten Kupferstecher sind schon unterwegs.“ Der Buchdrucker ist etwas träger. Ab 16 Grad Celsius fliegen die Käfer in Scharen. Ende der Woche könnte es soweit sein. Dann beginnt der Plagekreislauf erneut – und wird mutmaßlich biblische Ausmaße erreichen.

Schulze Hobbeling kümmert sich um seinen Wald. Förster Kleining bezeichnet ihn als „vorbildlich“. Er lässt ihn regelmäßig durchforsten – und fällt Käferbäume notfalls auch eigenhändig. „300 waren es bestimmt schon“, sagt er. Befallene Bäume müssen so schnell wie möglich raus aus dem Wald, um die noch nicht befallenen zu schützen. In normalen Zeiten funktioniert das Prinzip. Doch die Zeiten sind nicht mehr normal.

Dutzende Fraßgänge

Vor Hochhäuser liegt eine frisch geschlagene Fichte. Die Spitze ist sattgrün, der Baum sieht gesund aus. Ist er aber nicht. Die kleinen Bohrlöcher sind kaum zu sehen. Mit einem langen Messer schlägt der Förster-Chef an verschiedenen Stellen Rindenstücke ab. Überall sind Dutzende Fraßgänge zu sehen – und unzählige Larven in verschiedenen Stadien.

10.000 Tiere je Baum

Wenn es schon 2018 eine Katas­trophe gab, wie heißt dann das, was die Experten jetzt erwarten? Benennen lässt es sich vielleicht nicht, aber mit Zahlen begreifbar machen. 1500 Käfer pro Baum sind für ei­nen Befall normal. 2018 haben die Förster im Münsterland vereinzelt über 10.000 Tiere je Baum gezählt. Drei Generationen schaffen die Käfer in normalen Jahren. In dieser Zeit werden aus 10 000 Tieren rund zehn Milliarden. 2018 schafften die kleinen Krabbler sogar eine vierte Generation.

Suche nach Lagerplätzen

Der Landesbetrieb Wald und Holz sucht derzeit nach Lagerplätzen für das Käferholz, das in den nächsten Wochen und Monaten geschlagen wird. „Wir müssen dafür sorgen, dass große Flächen in ausreichendem Abstand zu Waldflächen zur Verfügung stehen“, sagte der Sprecher Michael Blaschke. Auch aus seiner Sicht geht es nur noch darum, möglichst viele gesunde Fichtenbestände vor dem Borkenkäfer zu retten. „Ein  möglicher Erlös durch den Holzverkauf spielt keine Rolle mehr.“

Der Landesbetrieb setzt in den Forstämtern jetzt Revierassistenten ein, die mit einer sogenannten „Kalamitäts-App“ den Befall auf den Baum genau per Smartphone dokumentieren. Mit diesem Wissen sei ein gezielteres Entfernen der Bäume möglich. Blaschke appellierte an alle Waldbesitzer, „sich um ihre Bestände zu kümmern. Nichts zu tun, bedeute im Zweifel, dass sich ungestört ein Borkenkäfer-Herd bilden könne, der wieder andere Wälder infiziere.

...

Lauer Winter

Der letzte Winter konnte ihnen nichts anhaben, folglich warten My­riaden Tierchen nun auf warme Temperaturen, um loszufliegen, Fichten zu finden, sie zu attackieren und sich zu vermehren. Retten, was zu retten ist: Der Satz fällt häufig an diesem Tag. „Wir haben im Kopf längst von der Bewirtschaftung in den Forstschutzmodus umgeschaltet“, sagt Förster Martin Kleining. Noch bestehe eine kleine Chance, für einzelne Bestände.

2018 wurden im Münsterland 150 000 Festmeter Käferholz gefällt. Rechnet man die 150 000 Festmeter Sturmholz hinzu, ist man in Berei chen, die weit über dem Doppelten normaler Einschlagmengen liegen. Das meiste Holz konnte verkauft werden. Auch wenn der Preis von über 90 auf unter 50 Eu­ro pro Festmeter fiel.

Darum geht es längst nicht mehr. „Jeder Erlös muss toleriert werden“, sagt Hoch häuser. Heißt: Es geht nur noch darum, das Käferholz wegzubekommen. „Du musst Dir am Ende sagen können: ,Zumindest hast Du alles versucht‘“, sagt Kleining.

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