Künstlerin aus Borken
Alltagskunst aus Zeitungspapier

Borken -

Zeitung lesen und dann im Altpapier entsorgen? Das macht Marita Drees schon lange nicht mehr. Die Borkenerin spinnt Zeitungspapier zu Garn, das nicht nur erstaunlich belastbar ist, sondern obendrein gut aussieht. Eine Upcycling-Idee, die immer größere Kreise zieht.

Samstag, 23.02.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 23.02.2019, 17:19 Uhr
Künstlerin aus Borken: Alltagskunst aus Zeitungspapier
All das waren mal Zeitungen:Marita Drees zeigt einen Teil ihrer Zeitungskunst im Garten. Foto: Jürgen Christ

Es gibt Momente, in denen man sich „Wetten, dass . . ?“ zurück auf den Bildschirm wünscht. Etwa diesen, wenn Marita Drees sagt, dass sie an der Farbe des gesponnenen Zeitungspapiers den jeweiligen Zeitungstitel erkennt. Nur zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaften könnte sie ins Straucheln geraten, weil das, was sie dann aus dem Papier häkelt, grünlastig wie sonst nie ist.

Die Borkenerin ist Expertin in der Beurteilung von Zeitungspapier – und kennt die kreative Antwort auf die Frage, was sich aus Zeitungen machen lässt, wenn sie ausgelesen sind. Lampenschirme beispielsweise, Körbe mit und ohne Deckel, Dekokugeln, Mäntel für Vorratsdosen, Eierbecher, Handyhüllen . . .

Handyhülle war der Anfang

Mit einer Handyhülle hat vor eineinhalb Jahren alles angefangen. Ein paar Jahre zuvor hatte die 53-Jährige mit einer Freundin als „Gartentanten“ ein Kleinstunternehmen gegründet. Und weil der Winter Zwangspausen in der Gartenpflege verordnete, strickte die Borkenerin in diesen Monaten alles, was ihr gefiel. „Auf Dauer ist so viel Wolle natürlich kostspielig“, sagt sie. Im Internet stieß sie auf Fotos des Italieners Ivano Vitali und war beeindruckt. „Er macht aus Zeitungsseilen Kunst, die fantastisch aussieht.“

Borkenerin macht aus Zeitungspapier Kunst

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  • Marita Drees fertigt mit einfachen Mitteln aus alten Zeitungen wunderebare neue Gegenstände. Ausgangsmaterial für allerlein neues aus altem Zeitungspapier.

    Foto: Jürgen Christ
  • Aus Garn und Zeitungspapier wird Kunst.

    Foto: Jürgen Christ
  • Aus Garn und Zeitungspapier wird Kunst. Hier ist ein „Wollknäuel“ mit gesponnenen Zeitungspapierfäden aus alten Zeitungstiteln zu sehen.

    Foto: Jürgen Christ
  • Marita Drees begann, mit eigenen Techniken zu experimentieren, um in Streifen geschnittenes Zeitungspapier auf Spulen zu spinnen und damit zu stricken.

    Foto: Jürgen Christ
  • Zeitungskunst mit Charme

    Foto: Jürgen Christ
  • Wenn Marita Drees für ihre Kunst eines braucht, dann ist es jede Menge Zeitungspapier.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die Borkenerin fertigt Kunst aus alter Zeitung.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die Borkenerin fertigt Kunst aus alter Zeitung.

    Foto: Jürgen Christ
  • In einem Weidenkorb liegen etliche Spulen mit gesponnenen Zeitungspapierfäden.

    Foto: Jürgen Christ
  • Aus Zeitungspapier hat Marita Drees unter anderem einen Lampenschirm gemacht.

    Foto: Jürgen Christ
  • Kunst aus Zeitungspapier

    Foto: Jürgen Christ
  • Kunst aus Zeitungspapier

    Foto: Jürgen Christ
  • All diese Gegenstände wurden aus Zeitung hergestellt.

    Foto: Jürgen Christ
  • Inmitten einiger Kunstwerke: Marita Drees.

    Foto: Jürgen Christ

Marita Drees begann, mit eigenen Techniken zu experimentieren, um in Streifen geschnittenes Zeitungspapier auf Spulen zu spinnen und damit zu stricken – was sich als schwierig erwies. „Papier ist störrischer als Wolle. Es flutscht nicht so gut von der Stricknadel.“ Mit einer Häkelnadel ist das anders. Die Borkenerin nahm Maß und häkelte eine Hülle für ihr Handy, die sie nach wie vor benutzt. Sie nestelt ihr Smartphone aus dem Zeitungsschoner und streicht darüber. „An der Festigkeit des Garns hat sich nichts geändert, nur die Farben sind blasser geworden – Vintage eben.“

Wir haben Nachhaltigkeit lange vernachlässigt. Andere Länder sind da viel weiter.

Marita Drees

Vintage. Altes und Liebgewonnenes wiederentdecken und weiterverwenden – ein Trend, der letztendlich Nachhaltigkeit bedeutet. Und Nachhaltigkeit ist ein Thema, das Marita Drees zu einem ganz persönlichen Lebensmotto gemacht hat. Die ersten Möbel fand sie im Sperrmüll, hübschte sie auf und machte aus ihnen Unikate. „Wir haben Nachhaltigkeit lange vernachlässigt. Andere Länder sind da viel weiter. Doch ich glaube, wir begreifen langsam, dass wir den künftigen Generationen einen lebenswerten Planeten hinterlassen müssen.“ Ein sperrig doziertes Das-sagt-man-heute-Bekenntnis? Nicht bei Marita Drees.

Ihre Lieblingsstücke hat sie auf Recyclinghöfen gefunden. ­Alte Lampenschirme beispielsweise, in die Jahre gekommene Vasen und viel zu plakativ bedruckte Blumenumtöpfe, denen sie neue Kleider anpasst. Wer genau hinschaut, kann Worte erkennen, gelegentlich kleine Bilder oder doch zumindest deren Ausschnitte.

Lampenschirme aus gehäkeltem Zeitungspapier

Für ihre Freunde ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, ihr Gegenstände zu bringen, die sie aussortiert haben. Viele dieser Dinge schmücken nun ihr Haus und warten darauf, gekauft zu werden. Auf den Fensterbänken erzeugen Lampenschirme aus gehäkeltem Zeitungspapier ein sanftes Licht. In den Regalen stehen Körbe neben umhäkelten Windlichtern, auf dem Esstisch Serviettenspender und -ringe und Körbe, in denen sich Spulen befinden. ­Alles natürlich aus Zeitungspapier – recycelte Nachrichten gewissermaßen.

Eine kurze Unterbrechung. Eine Frau hat geklingelt und schiebt den Wagen mit ihren Tageskindern neben die Haustür, um mit Marita Drees zu sprechen. Ihre Frauengruppe habe große Lust, einen Workshop bei ihr zu buchen. Ob das möglich sei? „Natürlich.“ Die beiden Frauen verabreden, dass sie sich am nächsten Tag der offenen Tür im Haus der 53-Jährigen wiedersehen und dann einen Termin vereinbaren wollen.

Zeitungsente auf Bestellung

Die Anfrage ist typisch für das, was die Borkenerin gerade an wachsender Aufmerksamkeit erlebt. „Gestern hat ein Mann bei mir eine Zeitungsente bestellt.“ Ein paar Tage zuvor hat ein Veranstaltungsbüro aus Warendorf angerufen. In Kürze finde dort ein Nachhaltigkeitsfestival statt, erfuhr sie. Ob sie sich vorstellen könne, mit einem eigenen Stand daran teilzunehmen.

Für Marita Drees sind das Glücksnachrichten. „Ich bekomme einen eigenen Stand und muss nicht einmal, wie sonst, dafür zahlen.“ Vor eineinhalb Jahren hätte sie jeden, der ihr mit der Zeitungskunst eine neue berufliche Zukunft prophezeit hätte, für einen Spinner gehalten. Doch jetzt erkennt auch sie: Wenn sich die Dinge weiter so entwickeln, wird sie von der Zeitungsspinnerei leben können.

Garn vor dem Fernseher spinnen

Ihre Workshops beginnen übrigens immer in gleicher Weise. Ehe das Papier gesponnen wird, arbeitet das Team ausschließlich mit den Händen, um ein Gefühl für das zu ­bekommen, was danach deutlich schneller die Spinnmaschine erledigt. „Sehen Sie“ – sie lässt das Messer ihres Papierschneiders hochfahren und setzt es so an, dass gleich­mäßige Zwei-Zentimeter-Streifen entstehen. Anschließend nimmt sie einen Streifen, knüllt die Spitze zusammen und beginnt zu drehen.

Am besten, sagt sie, gehe das mit dem Daumen nach oben und dem Zeigefinger nach unten. Die Spinnmaschine schafft das natürlich schneller. Marita Drees spinnt die mit Klebestift verbundenen Streifen am liebsten am frühen Abend zu Garn, wenn im Fernsehen ge­rade eine Quizsendung zu sehen ist. „Acht Meter bis zum Sofa – bis dahin wird die Frage gestellt. Acht Meter zurück, dann weiß ich die Antwort.“

Viel Resonanz bei Instagram

Wenn sie miteinander Zeitungsgarn spinnen, führen die Gespräche während der Workshops immer zum Thema ­Pressefreiheit und Meinungsvielfalt. Dass beides ihr ein Anliegen ist, hat sie vor einer Weile den Menschen erklärt, die ihr auf Insta­gram folgen. „Schickt mir doch euren Zeitungstitel“, bat sie und war begeistert über die Resonanz. Die Collage, die sie aus den Titelseiten ­gestaltet hat, wird sie demnächst ergänzen müssen, weil noch immer neue Titel eintreffen.

Und manche der Instagram-Nutzer haben wunderbar altmodisch einen Brief beigelegt. Wahllos zieht Marita Drees einen handgeschriebenen Brief aus Magdeburg aus dem Stapel und liest ihn vor: „Liebe Marita, finde deine Idee ganz zauberhaft und leiste gern meinen Beitrag.“

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