Gender-Defizite erkennbar machen
Wickeltische für das Herren-WC

Viele Elternpaare versuchen, klassische Versorgungsaufgaben partnerschaftlich zu verteilen. Was zu Hause gelingt, wird draußen zu einem – überflüssigen – Problem. Warum beispielsweise befinden sich Wickeltische nicht auch auf dem Herren-WC?

Freitag, 08.02.2019, 15:08 Uhr aktualisiert: 11.02.2019, 14:15 Uhr
Julia und Sven Wilhelmwollen eigentlich zu gleichen Teilen die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen – beim Windelwechseln beispielsweise. Pia Schrell
Julia und Sven Wilhelmwollen eigentlich zu gleichen Teilen die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen – beim Windelwechseln beispielsweise. Foto: Pia Schrell

Der Mozzarella zerfließt herrlich zäh über den frischen Tomaten, und der Rand der Pizza ist schön knusprig, so mag es Julia Wilhelm am liebsten. Ihr Mann Sven hat sich für die Variante mit Thunfisch entschieden. Dazu ein leckerer Salat, ein bisschen Ciabatta, gutes Olivenöl, Meersalz und für Sohn Max eine Kinderpizza. Buon appetito!

Und dann passiert das, was alle Eltern nur zu gut kennen: das Kind muss zur Toilette, beziehungsweise die Windel ist voll. Bevor der Po wund wird, wird die Pizza besser kalt. Das Essen muss warten, zumindest für Julia. „Auf dem Männer-WC gibt’s keine Möglichkeit. Ein Wickeltisch steht nur auf dem Frauen-WC“, sagt sie. „Und bevor sich Sven auf den Boden knien muss, mache ich es schnell!“

Zur Not muss der Supermarktgang herhalten 

Dabei hat Max’ Papa Übung darin, an ungünstigen Orten Windeln zu wechseln. „Im Café mache ich es einfach auf der Bank oder zur Not im Gang des Supermarktes oder Krankenhauses.“

Männer im US-Bundesstaat New York haben es da jetzt deutlich leichter, denn seit Anfang dieses Jahres sind Wickeltische auf Herren-WCs per Gesetz verpflichtend. In renovierten oder neuen Gebäuden müssen öffentlich zugängliche WCs mit einer Wickelmöglichkeit für Männer ausgestattet werden. Dazu zählen Kinos, öffentliche Gebäude und auch Restaurants.

„Ich finde das super“, sagt Julia, die in wenigen Wochen ihr zweites Kind erwartet. Schließlich gehe es nicht nur darum, was ist, wenn man zu zweit mit dem Kind und einer vollen Windel unterwegs sei, sondern auch um Situationen, in denen Papas allein mit den Kids etwas unternehmen. „Unser Nachwuchs nimmt keine Rücksicht darauf, ob es eine Wickelmöglichkeit in der Nähe gibt“, sagt sie und muss lachen.

Die Wickeltasche ist ein Muss 

Aber deswegen könne man ja schlecht die ganze Zeit zu Hause bleiben, nur weil da Feuchttücher, Windeln und Wickeltisch in greifbarer Nähe sind. Stattdessen setzt die Familie auf eine gut gepackte Wickeltasche, samt Unterlage, die eben auch auf dem Boden, Spielplatzrasen oder Gang eines Supermarktes zum Einsatz kommen kann.

Julia und ihr Mann teilen sich die Aufgaben, nur in Restaurants wird es manchmal schwierig: „Da gehe ich dann meistens, weil es für die anderen Gäste unangenehm ist, wenn sie ihr Vitello Tonnato essen wollen und Sven auf dem Boden Max’ Windel wechseln will. Wickeltische auf den Herrentoiletten wären da schon eine Erleichterung!“

Deutschland hinkt hinterher

Allerdings vermutet sie, dass Deutschland für ein Gesetz wie im Bundesstaat New York noch nicht bereit ist. „Wir sind da leider noch sehr rückschrittig, und das Wickeln ist bei vielen Leuten immer noch ,Muddisache‘.“

Das kann Dr. Stevie Schmiedel bestätigen. Die promovierte Dozentin für Genderforschung lehrte zuletzt an der Universität Hamburg und an der Hochschule für Soziale Arbeit. Sie kennt sich aus mit Themen wie Geschlechteridentität und Gendermarketing. Vor einigen Jahren gründete sie die Organisation „Pinkstinks“, die sich für vielfältige Geschlechterrollen und gegen Sexismus in der Werbung einsetzt.

Wir leben in einem Land, in dem viele Care-Aufgaben von Frauen übernommen werden.

Dr. Stevie Schmiedel

Denn traditionelle Geschlechterrollen machen krank, sagt sie – nicht nur einzelne, sondern die gesamte Gesellschaft. „Wir leben immer noch in einem eher konservativen Land, in dem viele Care-Aufgaben von Frauen übernommen werden und auch in der Werbung Babys eher mit Frauen in Verbindung gebracht werden.“

Die Pflege ist immer noch Frauensache 

Mit Gleichberechtigung habe dies weniger zu tun. Doch sie und ihr Team verzeichnen Erfolge. Vor einer Weile erreichte sie mit ihrer Organisation, dass der Duden seine Definition von Mutter- und Vaterliebe änderte: „Bisher hieß es da, Mutterliebe sei eine fürsorgliche, opferbereite Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Vaterliebe hingegen war nur als Liebe gegenüber einem Kind beschrieben.“ Dabei sei Vaterliebe doch nicht weniger wert als die einer Mutter, oder?

In den Augen der Expertin ist ein Wandel und Umdenken nötig. „Es hat natürlich viel mit Identität und dem zu tun, was zum Teil von Kindheitstagen an gelernt wurde“, sagt Schmiedel. Frauen seien es oftmals gewöhnt, sich geliebt und geschätzt zu fühlen, wenn sie sich kümmerten.

Zudem machten einige Mütter immer wieder die Erfahrung, „wenn ich es dem Mann überlasse, klappt es nicht so gut“. Da wäre es schwierig und übergriffig zu sagen, „Hör doch einfach auf damit und nimm den Mann mehr in die Pflicht!“. So etwas sei nicht von heute auf morgen realisierbar. „Aber es könnte hilfreich sein, wenn das Umfeld die Frauen unterstützt und ermutigt, dem Mann zu sagen: „Okay, du kannst nicht kochen? Dann schmiere doch bitte die Butterbrote.“

Die Werbung macht es vor 

Darüber hinaus sieht Schmiedel besonders die Politik und Wirtschaft in der Pflicht: „Wenn sich Männer in der Werbung im Haushalt wie die letzten Vollpfosten benehmen können, wird ein Bild unterstützt, das für die Frauen automatisch wieder mehr Verantwortung bedeutet, denn einer muss sich ja um Haus und Kinder kümmern.“

Ihrer Meinung nach sei in Werbe-Kampagnen und im TV eine Veränderung nötig. „Es reicht ja schon, wenn mehr Männer gezeigt werden, die ihr Baby lässig vorne vor der Brust tragen und dabei mit ihren Kumpels über Fußball reden.“ Dadurch würden andere Papis auch an ihre Pflichten erinnert.

„Zudem sollte schon in Kitas begonnen werden, den Mädchen weniger Last für soziale Verantwortung zu übertragen, und Jungs könnten spielerisch auch für Care-Aufgaben sensibilisiert werden.“ Wickeltische auf Männertoiletten hält Schmiedel für machbar und längst überfällig. „2019 sollte es Standard sein und nicht nur den Frauen überlassen werden.“

Den Kleinen zeigen: Auch Väter können wickeln 

Schnell gegoogelt, hat die Wissenschaftlerin das erste Angebot einer Möbelkette parat: „Ganz ehrlich, so ein Wickeltisch kostet 25 Euro, daran sollte es wohl nicht scheitern, oder?“ Ein Wickeltisch auf der Männertoilette sei ein Anfang, bei dem auch kleine Jungs schon sehen könnten, „auch Papis können wickeln“.

„Es geht dabei ja weniger um den finanziellen Aufwand, sondern mehr um die räumliche Beschaffenheit und Nachfrage der Gäste“, sagt Thorsten Hellwig vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Nordrhein-Westfalen. „Wir brauchen keine gesetzliche Verpflichtung, weil sie ohnehin nicht schablonenhaft auf alle Betriebe der Gastronomie anzuwenden wäre.“

Eine freiwillige Lösung sei besser. Denn in einer Bierkneipe würde eine Wickelmöglichkeit sicherlich nicht so dringend gebraucht wie beispielsweise in einem Café. Zu berücksichtigen sei dabei die Zielgruppe der jeweiligen Restaurants und Cafés und deren Nachfrage.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot 

„In unserer Branche wird mit den Füßen abgestimmt“, sagt Hellwig. Würden Cafébetreiber einen deutlichen Bedarf spüren, würde früher oder später darauf reagiert. Doch dazu müssten alle Beteiligten über Wünsche – sei es beim Essen oder der Ausstattung – Bescheid wissen. „Gäste sollten sagen, was sie sich wünschen, dann kann auch reagiert werden!“

Wieder zu Hause angekommen, weiß Sven, was er sich wünscht: „Ich hätte gerne Wickeltische auf Männertoiletten.“ Er möchte mit gutem Beispiel vorangehen und hat eine weitere Idee, um das Wickelthema und spätere Konflikte zu lösen: „Wie wäre es mit Unisextoiletten?“

In Skandinavien gehören sie beispielsweise längst zum Alltag. Dort stellt sich nicht die Frage, auf welche Toilette es geht, wenn Kinder älter werden und Mama mit ihrem Sohn oder Papa mit der Tochter dringend eine Pipipause einlegen müssen. Praktisch!

Erziehung ohne Rollenklischees

Typisch Mädchen – typisch Junge? Tipps für eine Erziehung ohne Rollenklischees:

► Viele Bezugspersonen sind für Kinder Gold wert: Denn sie stellen schon den Kleinsten viele Verhaltensweisen zur Verfügung. So können Kinder wählen: Was finde ich gut und möchte ich? Vielleicht der Tante beim Fahrradreparieren helfen oder mit Opa in den Garten gehen?

► Das Toilettenthema: Wenn der Sohn nicht mehr mit Mama auf die Toilette möchte oder die Tochter nicht mehr mit Papa aufs Männer-WC will, ist das völlig in Ordnung. „Eltern sollten dem Bedürfnis nachgehen, auch wenn mal was daneben gehen kann“, sagt Livia Möllers vom Sozialdienst katholischer Frauen e.V. in Münster. Und Mama und Papa könnten ja trotzdem in der Nähe bleiben und anbieten: „Wenn was ist, ruf mich!“ Das gibt Sicherheit.

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