Sekundarschüler über ihre Zeit des Internet-Verzichts
Von Langeweile bis Erleichterung

Lüdinghausen -

Sie haben es zehn Tage lang ohne Internet ausgehalten, und das freiwillig. Am Ende des Projekts von Schulsozialarbeiter Tobias Höning berichten elf Sechst- und Achtklässler der Sekundarschule, wie es ihnen ohne WhatsApp und Co. ergangen ist – und was sie mit der Zeit angestellt haben.

Dienstag, 22.01.2019, 09:00 Uhr
Nach zehn Tagen ohne Internet gingen diese Sechst- und Achtklässler der Sekundarschule – mit Schulleiter Mathias Pellmann (hinten l.) und Schulsozialarbeiter Tobias Höning (hinten 2.v.r.) – am Montagmittag wieder online.
Nach zehn Tagen ohne Internet gingen diese Sechst- und Achtklässler der Sekundarschule – mit Schulleiter Mathias Pellmann (hinten l.) und Schulsozialarbeiter Tobias Höning (hinten 2.v.r.) – am Montagmittag wieder online. Foto: Heidrun Riese

Als sie aufs Stichwort von Schulsozialarbeiter Tobias Höning hin die Verbindung zum Internet herstellten, ging es in einer Tour: „Pling, Pling, Pling . . .“ machten die Mobiltelefone der elf Sechst- und Achtklässler am Montagmittag beim Abschluss eines besonderen Medienprojekts an der Sekundarschule. Ganze zehn Tage lang waren sie offline gewesen, hatten freiwillig auf Insta­gram, Whats­App und Co. verzichtet. Nun liefen die Nachrichten zu Hunderten ein, auf manchem Handy ging die Zahl sogar in den vierstelligen Bereich. Das sorgte für Staunen, mehr aber auch nicht. Keiner der Jugendlichen machte den Eindruck, das Gefühl zu verspüren, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Einige hatten ihre Handys zur gemeinsamen Wiedereinwahl ins Netz nicht einmal dabei.

Die meisten haben gemerkt, was das für eine Aufgabe ist.

Tobias Höning

Ganz so einfach war es mit dem Verzicht aber nicht, wie Höning einräumte: „Die meisten haben gemerkt, was das für eine Aufgabe ist“, sagte er. „Wir sind direkt mit einem Wochenende gestartet – mit viel Freizeit, die überbrückt werden musste.“ Es habe Langeweile gegeben und verpasste Verabredungen, aber auch viel Schönes. „Alles wurde bewusster wahrgenommen“, berichtet der Schulsozialarbeiter von den Erfahrungen der Schüler. Ohne das Smartphone in der Hand hätten sie Filme besser verfolgen können, seien früher ins Bett gegangen und hätten besser geschlafen.

Ich hatte mehr Zeit für meine Familie und Tiere und konnte mein Zimmer aufräumen.

Maike Lütke Aldenhövel

Der positive Effekt kam ganz klar bei den Jugendlichen an. „Ich hatte mehr Zeit für meine Familie und Tiere und konnte mein Zimmer aufräumen“, berichtete Maike Lütke Aldenhövel (8b). Ähnlich erging es Kimberley Chiara Heitmann (8a): „Ich war zwei Tage krank, da war es schon schwer. Aber generell war es ganz angenehm ohne Handy.“ Leichter als erwartet war es für Noah Krühler (6b), der zum Buch statt zum Mobiltelefon griff. „Ich habe eigentlich gar nichts vermisst“, sagte er. Als regelrechte Erleichterung beschrieb Jule Bünker (6b) den Internetverzicht: „Ich habe vorher immer viel geschrieben“, erzählte die Elfjährige. „Jetzt war ich viel entspannter, weil ich keinen Drang hatte, ständig aufs Handy zu gucken.“ Sie fände es nun „viel schöner, mit Freunden und Familie zu sprechen als zu schreiben“.

Ich habe im Unterricht besser aufgepasst, weil ich weniger darüber nachgedacht habe, was im Internet los ist.

Lorena Matschei

Die selbe Erfahrung hat Alycia Kremer (6b) gemacht. „Ich hatte mein Handy sonst immer in der Nähe – um zu gucken, ob ich neue Nachrichten bekommen habe.“ Für die Zukunft hat sich die Zwölfjährige vorgenommen, auch mal mit dem Antworten zu warten, wenn es nicht so wichtig ist. Als anstrengend empfand Phil Kämper (8b) die Zeit ohne Internet. Ihm habe vor allem das gemeinsame Spielen mit Freunden gefehlt. „Das war das Schlimmste“, sagte er. Auf der anderen Seite habe er die gemeinsame Zeit mit der Familie genossen. „Ich habe im Unterricht besser aufgepasst, weil ich weniger darüber nachgedacht habe, was im Internet los ist“, stellte Lorena Matschei (6a) fest. In ihrer Freizeit habe sie im Haushalt mitgeholfen. „Und ich bin öfter mit meinen Hunden rausgegangen, das möchte ich auch weiterhin machen.“

Höning zeigte sich neugierig darauf, zu welchen Veränderungen in der Internet-Nutzung der kalte Entzug auf lange Sicht führt: „In ein paar Wochen werden wir sehen, was davon geblieben ist, besonders in Bezug auf Freundschaften.“ Für die gebe es, betonte Schulleiter Mathias Pellmann, „auch andere Kommunikationswege wie Telefon oder Türklingel“. Ihm habe das Projekt gefallen, „weil es das Bewusstsein schärft“. Und das hat es getan: Wenn nach zehn Tage ohne Internet gleich Hunderte von Nachrichten eingehen, wird deutlich, wie viel Zeit das Smartphone kostet.

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