Aktion Hoffnungsschimmer
„Endlich in Frieden die Dörfer aufbauen“

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Die Aktion Hoffnungsschimmer richtet gerade eine feste Anlaufstation für Hilfsprojekte im Norden des Irak ein. Über diese Strategie sprachen die WN mit Dr. Jochen Reidegeld, „Hoffnungsschimmer“-Schirmherr und stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster.

Freitag, 11.01.2019, 17:44 Uhr aktualisiert: 11.01.2019, 21:12 Uhr
Feste Präsenz zeigen: Özlem Yasar, die für „Hoffnungsschimmer“ aus der Schweiz in die Shingal-Region gezogen ist, will ein Container-Büro auf dem Serdesht-Berg errichten, wo viele Familien seit Jahren ohne Strom und Wasser in Zelten leben.
Feste Präsenz zeigen: Özlem Y., die für „Hoffnungsschimmer“ aus der Schweiz in die Shingal-Region gezogen ist, will ein Container-Büro auf dem Serdesht-Berg errichten, wo viele Familien seit Jahren ohne Strom und Wasser in Zelten leben. Foto: Hoffnungsschimmer

Die „Aktion Hoffnungsschimmer“ schlägt eine Brücke in den Norden Syriens und des Iraks. Bei dieser Aufgabe soll nun ein eigener Brückenpfosten helfen, der durch eine feste Präsenz in der Region Shingal errichtet wird. Über die erweiterte Strategie der Hilfsorganisation sprach WN-Redakteur Dietrich Harhues mit Dr. Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, und Schirmherr von „Hoffnungsschimmer“.

Warum ist eine feste Präsenz in Shingal wichtig?

Reidegeld: Zusammen mit einer Partnerorganisation in der Schweiz möchten wir diesen Schritt gehen, um die nun anstehenden Projekte des Wiederaufbaus zuverlässig zu begleiten. Weil dieses Gebiet aufgrund der Sicherheitslage und aufgrund der Einflussnahme verschiedener kriegsführender Mächte außerhalb des Shingal und des Irak immer wieder von Hilfe abgeschnitten wurde, fehlen zum Teil vor Ort auch das Know-How und die Erfahrung, um Projekte nach den geforderten Standards zu planen und abzuwickeln. Dies ist aber wichtig, damit wir Zuschüsse für unsere Projekte erhalten. Zudem ermöglicht ein Projektbüro vor Ort noch mehr auch die zweite Aufgabe zu erfüllen, die die Aktion Hoffnungsschimmer sich gesetzt hat: Den Menschen in dieser so geschundenen und vergessenen Region in ihrer Not Gehör zu verschaffen. Mit Hilfe eines Projektbüros können wir viel zeitnaher berichten.

Von der Schweiz für den Wiederaufbau in den Nordirak

Özlem Y., die in Instanbul studiert hat, kam 2001 für ein weiteres Studium in die Schweiz. Die ausgebildete Lehrerin engagierte sich dort auf den Themenfeldern Migration und Integration, war bei der Heilsarmee als Betreuerin von Flüchtlingen tätig. Die 40-Jährige kennt ihr neues Betätigungsfeld von mehreren Aufenthalten. Ihr Eindruck: „Das Gebiet sah verlassen, geplündert und elend aus.“ Die Menschen hatten ein Massaker erlebt, verharrten in Armut und waren traumatisiert, beschreibt Özlem Y. Doch inzwischen seien Bewohner zurückgekehrt und neue Hoffnung breite sich aus.  Die Pädagogin fungiert als Außenposten und Koordinatorin der „Aktion Hoffnungsschimmer“. Die wichtigste Grundlage für den Wiederaufbau nach Terror und Krieg bestehe in der Wasserversorgung. Wiederaufbau bedeutet für die alevitische Kurdin aber nicht allein Infrastruktur, sondern auch das sozio-kulturelle Leben. Überdies gelte es, das Zusammenleben und die Aussöhnung von unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen zu fördern.Positiv  überrascht ist Özlem Y. von der Rolle der Frauen in der Gesellschaft: „Ihr Selbstbewusstsein beeindruckt mich sehr.“

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Wie sieht die Kooperation von Hoffnungsschimmer mit der Schweizer Stiftung aus, wo liegen die Vorteile?

Reidegeld: Gemeinsam mit der Stiftung NOIVA möchten wir Projekte des Wiederaufbaus voranbringen. Der IS hat systematisch die Lebensgrundlagen der Bevölkerung, das sind besonders Eziden, zerstört. Mit der Vergiftung von Brunnen und der Verminung von Feldern wurde gerade die Landwirtschaft unmöglich gemacht. Aber auch Häuser und Straßen sind in einem ungeheuren Ausmaß zerstört worden. Deshalb muss es ein koordiniertes Handeln und Bündnis von immer mehr NGOs und auch staatlicher Entwicklungshilfe geben, um diese riesige Aufgabe zu meistern. Der Zusammenschluss jetzt ist ein erster Schritt, aber auch mit weiteren Hilfswerken und mit der Politik sind wir im Gespräch.

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage ein, nachdem Erdogan ein weiteres militärisches Vorgehen außerhalb der Türkei angekündigt hat?

Reidegeld: Als humanitäre Helfer vermeiden wir es, uns direkt in die politische Diskussion einzumischen. Aber eins will ich doch deutlich sagen: Diese geschundene Region braucht endlich das Schweigen der Waffen. Dies kann nur durch politische Lösungen, nicht aber durch militärische erreicht werden. Nach dem schrecklichen Genozid durch den IS ist es für mich erschütternd zu sehen, wie die Menschen im Shingal nun auch noch Opfer des Kampfes um Macht und Einfluss verschiedener Länder sind, die in Syrien und dem Irak einen Stellvertreterkrieg führen. Zu Recht sagen mir die Menschen dort immer wieder: „Wir werden zwischen den Weltmächten zerrieben – und Europa schweigt.“ Lasst die Menschen endlich in Frieden ihre Dörfer und Städte wieder aufbauen. Ohne Frieden im Shingal-Gebirge ist die Gemeinschaft der Eziden in ihrer Zukunft massiv gefährdet.

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