Anschlag auf den Longinusturm
Täter wollte Holocaust-Film stoppen

Nottuln -

Vor 40 Jahren gab es einen Anschlag auf den Longinusturm. Der Täter glaubte irrtümlich, dass von dort aus der WDR sein Fernsehprogramm sendet und wollte mit seiner Tat verhindern, dass die TV-Serie „Holocaust“ ausgestrahltwird.

Samstag, 12.01.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 15.01.2019, 10:52 Uhr
Zm des „40. Jahrestages“ des Anschlags auf den Longinusturm kletterten Wilhelm Wesseln (l.) , Betreiber des „Cafés 18
Zm des „40. Jahrestages“ des Anschlags auf den Longinusturm kletterten Wilhelm Wesseln (l.) , Betreiber des „Cafés 18|97“, und Josef Räkers, Vorsitzender vom Baumberge Verein Münster, gemeinsam auf das Flachdach. Foto: Ulla wolanewitz

18. Januar 1979: Zwei Mitarbeiter der Deutschen Bundespost (DBP) sind auf dem Weg zur Spätschicht. Ihr Arbeitsplatz: Der WDR-Sender in den Baumbergen. Die DBP strahlt seinerzeit von hier das zweite und dritte Programm aus. Im Dienstwagen – er hat schon Mobilfunk – erreicht sie der Hinweis: „Am Longinusturm ist eine Störung. Guckt mal, was da los ist!“.

Um 21.01 Uhr hatte es dort eine Detonation gegeben. Der Explosionsknall war kilometerweit zu hören. Bürgermeister Hubert Kellermann in Uphoven dachte an eine Verpuffung im Heizungskeller. Seine Frau Paula hatte die Düsenjäger in Verdacht. So notierte es der Lokalreporter Wolfgang Waldenhof, der am nächsten Tag – wie immer mit seiner Leica – dem Vorfall nachspürte.

Kein Zufall

Die Explosion war kein Zufall. Sie war bewusst herbeigeführt worden. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe vermutete bereits am nächsten Tag, dass es sich bei dem Sprengstoffanschlag um eine gesteuerte Aktion von Rechtsradikalen handelte, die damit die Erstausstrahlung der vierteiligen US-amerikanischen TV-Mini-Serie „Holocaust“ im Ersten Fernsehprogramm verhindern wollten. Derzeit wird diese Serie wiederholt. Im Fokus steht die fiktive Geschichte der jüdischen Arztfamilie Weiss, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Berlin lebte.

Die DBP nutzte den Turm mit Anbau damals als Relaisstation mit einer Richtfunkanlage für den Telefonfunkbetrieb. Die Übertragung von Bild und Ton gewährleistete sie für das zweite und dritte Programm allerdings vom WDR-Sender aus.

Schlecht recherchiert

Gegen 20.40 Uhr war bereits in Koblenz am Fernsehturm des Südwestfunks ein Sprengstoffsatz hochgegangen. Dazu Waldenhof: „Vermutlich, so der münsterische Staatsanwalt Egon Weilke, bevor er vom Generalbundesanwalt zum Schweigen verurteilt wurde, hatten die Täter es auf den Sendeturm abgesehen. Das betroffene Bauwerk hat mit dem Sendebetrieb für das Fernsehen nichts zu tun.“ Ergo: Die Täter hatten wohl schlecht recherchiert.

Spuren, die noch auf den Anschlag hinweisen gibt es keine mehr zu sehen.

Wilhelm Wesseln

Die „Postler“ ließen ihr Auto stehen lassen und bahnten sich durch reichlich Schneemassen einen Weg zum Malheur: Der Sprengsatz hatte in das 25 Zentimeter starke Flachdach des Turmanbaus ein Loch von 60 Zentimetern Durchmesser gerissen. Auch hatte der Druck der Explosion Fenster aus dem Rahmen geblasen. Der Sprengsatz befand sich hinter einen Kabelschacht über dem Flachdach, in dem die Hochfrequenzleitungen zu den Richtfunkantennen auf den Turm geführt wurden. Kurze Zeit später kamen die Feuerwehr und ein Streifenwagen zum Tatort.

Indizien

Der Generalbundesanwalt hielt es sehr schnell für wahrscheinlich, dass es sich dabei um ein Werk von Rechtsextremisten handelte. Pressesprecher des Bundesgerichtshofs Hans Plesker in dem WN-Artikel von 1979: „Darauf deuten mehrere Indizien hin.“ Waldenhof führt weiter aus: „Eines davon sei der Gesamtzusammenhang, in dem die Taten gesehen werden müssten – eben die mit viel Öffentlichkeit vorgestellten Sendungen über die Jugendfrage (Anmerkung der Redaktion: Hier hatte sich tatsächlich dieser unglückliche Fehlerteufel eingeschlichen) im „Dritten Reich“. Der entstandene Schaden wurde schnell behoben. Für den Anschlag wurde später der NPD-Aktivist Peter Naumann verurteilt.

Zum des „40. Jahrestages“ kletterten Wilhelm Wesseln, Betreiber des „Cafés 18|97“ und Josef Räkers, Vorsitzender vom Baumberge Verein Münster, auf das Flachdach. Spuren, die noch auf den Anschlag hinweisen „gibt es keine mehr zu sehen“, so Wilhelm Wesseln. Währenddessen nutzte Josef Räkers die Gunst der Stunde und schaute bei der Blitzableiteranlage nach dem Rechten.

Zum Thema

Die ersten beiden Folgen von „Holocaust“ stehen bis zum 24. Januar in der WDR-Mediathek zur Verfügung. Folgen drei und vier sind am Montag (14. Januar, 22.55 Uhr) und Dienstag (15. Januar 22.10 Uhr) im WDR zu sehen sowie an weiteren Terminen bei NDR und SWR.

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