Ausprobiert: die Bahnstrecke Münster-Warendorf-Bielefeld
Das große Abenteuer Eurobahn

Warendorf/Bielefeld -

Auf ins Abenteuer! WN-Mitarbeiter Jonas Wiening hat den Test gemacht und ist eine Woche lang mit dem Zug von Warendorf nach Bielefeld gefahren. Eine Polemik.

Samstag, 24.11.2018, 04:00 Uhr aktualisiert: 24.11.2018, 12:45 Uhr
Im Licht des Sonnenuntergangs wirkt selbst eine Fahrt mit der Eurobahn angenehm und harmlos. Doch oft wird die Tour mit dem Zug zur reinsten Tortur.
Im Licht des Sonnenuntergangs wirkt selbst eine Fahrt mit der Eurobahn angenehm und harmlos. Doch oft wird die Tour mit dem Zug zur reinsten Tortur. Foto: Klaus Meyer

Montagmorgen, 7 Uhr. Ich sitze am Frühstückstisch, lese die Zeitung und esse mein Toastbrot. Was darf ich nicht vergessen? Auf meinem Smartphone die App der Deutschen Bahn aufrufen und nachgucken, ob mein Zug nach Bielefeld pünktlich abfährt.

Mein Handy sagt: Ja! Aber kann ich mich darauf auch verlassen? Erst am Vorabend hatte meine Schwester einen Anschlusszug in Münster verpasst, weil die Eurobahn eine halbe Stunde Verspätung hatte.

Was bleibt mir übrig? Auf ins Abenteuer! Das ist garantiert auf „Deutschlands gefährlichster Bahnstrecke“. Diesen Ruf hat sich die Strecke von Münster über Warendorf bis Bielefeld hart erarbeitet – wegen der vielen Zusammenstöße zwischen Eurobahn und Auto oder Lkw.

Ich stehe also am Bahnhof in Warendorf. Setzen möchte ich mich nicht so gerne. Die Bänke sind voller Müll: Pizzaschachteln mit Resten, Getränkedosen und Servietten sind über die Sitze verteilt, irgendwelche Soßen laufen über den Boden. Hier hat wohl jemand eine kleine Party am Wochenende gefeiert. „Vielleicht, weil die Eurobahn mal wieder ausgefallen ist und das feierwillige Volk nicht zu den Clubs gekommen ist“, denke ich mir, während ich auf den Zug warte. Zum Glück nicht lange, denn tatsächlich: Die Eurobahn fährt ein, pünktlich um 7.53 Uhr. Mit nur zwölf Minuten Verspätung – die Eurobahn musste in Brackwede auf einen anderen Zug warten – komme ich in Bielefeld an. Dass ist zu verkraften.

Nach einiger Zeit: Halt auf offener Strecke

Auf dem Rückweg, ich will die Bahn aus Bielefeld nach Warendorf um 11.14 Uhr nehmen, zeigt mir die Tafel am Bielefelder Bahnhof eine fünfminütige Verspätung an. Um 11.36 Uhr stehe ich noch immer am Gleis und warte. Aus fünf werden 30 Minuten. Die Menschen, die mit mir warten, wirken genervt. Die, die nur bis Gütersloh oder Rheda-Wiedenbrück müssen, steigen in alternative Bahnen ein. Anderen, die bis Beelen oder Warendorf müssen, so wie ich, bleibt allerdings nichts, als zu warten. Dann kommt der Zug und meine Leidensgenossen und ich können endlich gen Heimat. Dachten wir zumindest. Denn nach einiger Zeit halten wir auf offener Strecke. „Liebe Fahrgäste, ich verstehe es auch nicht. Wir dürfen aber noch nicht in den nächsten Bahnhof einfahren und müssen warten. Wie lange? Keine Ahnung“, höre ich die genervte Männerstimme aus dem Lautsprecher. 15 Minuten später dürfen wir dann doch einfahren. Endlich.

Am Dienstagmorgen mache ich mich etwas später auf den Weg. Ich möchte den Zug um 9.53 Uhr nehmen. Laut Anzeige kommt der pünktlich. Aber wieso bin ich nicht verwundert, als um 10.05 Uhr immer noch nichts von der Eurobahn zu sehen ist? Auch die anderen Fahrgäste an Bahnsteig eins scheinen nicht überrascht. „Gut, dass ich die Verspätungen schon immer mit einplane“, murmelt eine Studentin vor sich hin. Nur bei einer älteren Frau mit Reisekoffer kommt langsam Panik auf. Sie scheint wohl Angst zu haben, ihren Anschlusszug zu verpassen. „Wer sich bei der Eurobahn nicht grundlegend auf Verspätungen einstellt, ist selbst schuld“, sehe ich förmlich die anderen Wartenden denken.

Am Ende kommt die Eurobahn 18 Minuten zu spät in Bielefeld an. Ob die Frau ihren Anschlusszug bekommen hat – man weiß es nicht.

Ein Erfolg: Nur vier Minuten Verspätung

Die Fahrt zurück ist dafür ein Erfolg. Nur vier Minuten nach der geplanten Ankunftszeit bin ich wieder in Warendorf. Vier Minuten? Das gilt bei der Bahn nicht einmal als Verspätung. Für mich sollte diese Fahrt allerdings die einzige und letzte in dieser Woche ohne Verspätung gewesen sein, wie sich später herausstellte.

Denn am Mittwoch steige ich zwar pünktlich in die Bahn ein – am Ende komme ich aber wieder mal eine Viertelstunde zu spät. „Das große, weiße Ding mit den roten Streifen ist Schuld“, versucht unser Zugführer den vorrangigen ICE zu erklären. Immerhin kommen wir an, denke ich mir. Denn erst zwei Wochen zuvor ließ uns der Zugführer in Rheda-Wiedenbrück aussteigen und meinte, dass er jetzt Feierabend habe. Ein Kollege übernahm damals – eine Stunde später.

Darum ist die Bahnstrecke Münster-Warendorf-Bielefeld so gefährlich

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  • Die eingleisige Nebenbahn von Münster über Warendorf nach Rheda-Wiedenbrück gilt als eine der unfallträchtigsten Bahnstrecken Deutschlands.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago
  • An über 40 ungesicherten – offiziell „technisch nicht gesicherten“ genannten – Bahnübergängen kommt es immer wieder zu schweren Zusammenstößen. Oft stehen Autos und Lkws, die auf die parallel zur Bahnlinie verlaufende B 64 abbiegen wollen, noch auf den Gleisen.

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  • Eher die Ausnahme sind Unfälle an beschrankten Bahnübergängen. Zu einem solchen kam es im Januar in Warendorf.

    Foto: Joachim Edler
  • Zwölf Menschen wurden bei dem Zusammenstoß verletzt. es entstand ein Sachschaden in Höhe von etwa 1,7 Millionen Euro.

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  • Die Bahnschranke hatte sich genau zwischen der Zugmaschine und dem Aufleger des Lastwagens gesenkt, so dass der Lokführer grünes Licht, also freie Fahrt, signalisiert bekam.

    Foto: Joachim Edler
  • Die meisten Unfälle passieren jedoch an unbeschrankten Bahnübergängen. Selbst im bundesweiten Vergleich gehört die Bahnstrecke zu denen mit den meisten Unfällen mit Todesfolge. In einem Leserbrief wurde die Strecke deshalb schon einmal als „Westfalentöter“ bezeichnet.

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  • Das Problem ist seit Jahren bekannt. Die zahlreichen ungesicherten Bahnübergänge sollen verschwinden und durch wenige gesicherte ersetzt werden.

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  • 2018 sollen in Telgte die ersten ungesicherten Übergänge geschlossen werden.

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Zurück zum Hier und Jetzt: Nachdem ich der Eurobahn, die gefüllt war wie eine Münchener U-Bahn zur Oktoberfestzeit, mit eben jener 15-minütigen Verspätung entkommen bin, fahre ich mit der immer pünktlichen (kein Scherz) Bielefelder Stadtbahn zur Uni. Ein Kumpel, der dort auf mich wartet, ruft schon von weitem: „Wieso bist du so spät?“ Ich entgegne nur ein Wort: „Eurobahn.“ Das reicht als Erklärung.

Ticketkontrolle mit einer Prise Ironie

Auf der Rückfahrt nach Warendorf quälen mich die zehn Minuten Verspätung dann aber nicht. Ich muss sogar herzhaft lachen, als die sonst so oft genervte Zugbegleiterin, ironisch meint: „Ticketkontrolle – wie immer, in der gewohnt pünktlichen Eurobahn.“ In Warendorf fällt mein Blick auf die Wartebänke. Samt Pizzaschachteln, Getränkedosen und inzwischen vertrockneter Soße auf dem Boden.

Ich habe endgültig genug. Genau wie vor wenigen Wochen, als die letzte Fahrt des Tages von Münster nach Warendorf einfach ausfiel. Ohne vorherige Ankündigung der Eurobahn. Ein münsterisches Taxiunternehmen durfte sich damals über 80 Euro von mir und meinen Freunden freuen.

Drei Tage Abenteuer Eurobahn – das muss reichen. Zumindest für diese Woche. Und dabei darf ich mich doch eigentlich gar nicht beschweren. Immerhin muss ich ja dank meines Semestertickets nichts für die Fahrten bezahlen. Denn normalerweise kostet eine Fahrt von Warendorf nach Bielefeld 13,20 Euro. 13,20 Euro! Dafür fliege ich sonst mit dem Flieger nach Italien oder Spanien. Das sollte ich jetzt auch wieder machen. Denn Urlaub kann ich dringend gebrauchen – nach (fast) einer Woche mit der Eurobahn . . .

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