Borkenkäfer-Befall führt zu massenhaften Fällungen
Wohin mit dem ganzen Holz?

Emsdetten -

Wer wissen will, wie es in einem Wald zugeht, in dem der Borken­käfer das Regiment übernommen hat, der ist bei Ludger Lintel in Emsdetten richtig. 450 Hektar Wald besitzt er, auf mehr als der Hälfte davon wächst Fichte. Über 50 Prozent, zu 100 Prozent befallen.

Dienstag, 20.11.2018, 20:30 Uhr aktualisiert: 20.11.2018, 22:17 Uhr
Revierförster Jan-Dirk Hubbert steht auf einer abgeholzten Fichtenfläche. Erst wütete dort der Sturm „Friederike“, danach kamen die Borkenkäfer
Revierförster Jan-Dirk Hubbert steht auf einer abgeholzten Fichtenfläche. Erst wütete dort der Sturm „Friederike“, danach kamen die Borkenkäfer Foto: Jürgen Christ

Ortstermin an einem sonnig-kalten Tag. Im Wald: Revierförster Jan-Dirk Hubbert und der Leiter des Regionalforstamtes Münsterland, Heinz-Peter Hochhäuser. Das Wetter ist gut, die Stimmung ist es nicht.

Hochhäuser und Hubbert stehen am Rand einer hektargroßen Fläche, die aussieht, als ob eine Bombe eingeschlagen sei. Alte Äste liegen auf Baumstümpfen, nur Braun, kein Grün. „Erst kam der Sturm „Friederike“, den Rest hat der Käfer besorgt“, sagt Hubbert. Der Besitzer ließ die Bäume fällen.

Der Käfer. Lange Zeit ahnten auch die Förster nichts von der nahenden Katastrophe. „Erst im September ist das Problem offensichtlich geworden“, sagt Hochhäuser. Der Sommer war heiß und trocken, die Bäume wurden dadurch geschwächt; ein Eldorado für den Buchdrucker und seine Verwandten. Rund 100 000 Hektar Wald gibt es im Münsterland, auf 8000 davon wachsen Fichten.

Was tun mit befallenen Bäumen?

Eine Stunde später, zwei Waldwege weiter: vorne eine Fichtenfläche, dahinter ein sich entwickelnder Mischwald. Alles ist sattgrün, es riecht, wie es im Wald riechen muss. Hubbert lässt sei­ne Hunde aus dem Wagen, nimmt eine Axt, schlägt flugs ein Stück Rinde von einer Fichte und kratzt die darunterliegende Schicht ab. Im Holzgebrösel: jede Menge Käfer. 1500 Exemplare seien bei einem Befall normal. Allein daraus ergibt sich in einem Jahr eine po­ten­zielle Nachkommenschaft von 1,5 Milliarden Tieren. „Jetzt haben wir Bäume, in denen stecken 10 000“, sagt er.

Der Ist-Zustand sorgt bei den Förstern schon für schlaflose Nächte. Die Per­spektive ist aus ihrer Sicht grauenhaft. „Wird das kommende Frühjahr warm, vermehren sich die Käfer ex­plosionsartig“, sagt Hochhäuser. „Dann ist die Fichte tot.“ Der Satz sitzt.

Was also tun? Das Naheliegendste: Die kranken Bäume fällen und entrinden. Dann stirbt auch der Käfer. Bei zwei Millionen Fest­metern Käferholz allein in NRW ist das aber allenfalls ein frommer Wunsch. „Wir bekommen das viele Holz noch nicht mal aus dem Wald“, sagt der Forstamts­leiter. Allein im Münsterland werden bis zum Jahresende knapp 240 000 Festmeter Fichte geschlagen sein. Das ist weit mehr als das Doppelte der üblichen Menge.

Überfütterter Holz-Markt

Die Folge: Der Markt ist gesättigt, da überall gefällt wurde. Die Preise sind im Keller. Allenfalls 50 Euro gibt’s noch für einen Fest­meter. Das sind 40 Prozent des Normalpreises. Davon abgezogen werden müssen noch die Transportkosten.

„Im Moment konzentrieren wir uns auf das Wesentliche“, sagt Hubbert. Heißt: Die Förster üben sich in Schadensminimierung und versuchen, nur das wertvollste Holz aus dem Wald zu holen. Auf den überfütterten Markt gebracht werden soll es aber nicht. Der Plan ist, es für ein bis zwei Jahre zu lagern. „Auf alten Kasernenflächen im Münsterland oder dem Gelände des Bioenergieparks in Saerbeck“, sagt Hochhäuser. ­Notfalls könnte es auch in die Niederlande gebracht werden, dort wird Holz verstromt, oder nach Asien verschifft werden. „In Container gepackt und ab damit“, sagt Revierförster Hubbert.

Das massenhafte Fichtenfällen bedeutet für die Waldbauern in letzter Konsequenz die Vernichtung ih­res Kapitals. Für die Förster geht damit oftmals die Zerstörung ihres Lebenswerks einher. Den Nadelwald hegen, ihn pflegen – und sachte zum Mischwald umbauen: Dem hat der Käfer fast flächen­deckend ein Ende gemacht. „Das zieht man abends nicht mit der Jacke aus“, sagt Hubbert. Beim Regionalforstamt gibt es inzwischen Stressbe wältigungsseminare für Förster. Alles wegen des Käfers.

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