Pogromnacht: Täter wurden erst 1947 verurteilt
Synagoge geschändet, Thora verbrannt

Lüdinghausen -

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sind kein „Fliegenschiss“ der Geschichte. Im Landesarchiv in Münster zeigt eine 350 Seiten dicke Akte, was in Lüdinghausen in der Pogromnacht am 9. November 1938 geschehen ist.

Freitag, 09.11.2018, 08:36 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 08.11.2018, 15:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 09.11.2018, 08:36 Uhr
Die alte Synagoge in der Hermannstraße wurde 1982 abgerissen. Auch die Familie Strauss (kl. Foto) wurde in der Pogromnacht von Lüdinghauser Nazis drangsaliert.
Die alte Synagoge in der Hermannstraße wurde 1982 abgerissen. Foto: privat

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so lautet der Aktentitel Nr. 164 der Staatsanwaltschaft Münster, der die juristische Aufarbeitung der Lüdinghauser Pogromnacht am 9. November 1938 zum Gegenstand hat. Gott sei Dank hat der Vorsitzende Richter bei der Frage auf dem Aktendeckel „Geschichtlich wertvoll?“ das „Ja“ angekreuzt. Die Akte wurde im Landesarchiv in Münster sicher verwahrt. Auf über 350 Seiten wird so das Geschehen in Lüdinghausen für uns nachvollziehbar.

Deutschlandweit wurden in dieser vor 80 Jahren „Reichskristallnacht“ genannten Aktion über 1400 Synagogen und Bethäuser geschändet und in Brand gesteckt. Jüdische Friedhöfe verwüstet, Wohnungen und Geschäfte geplündert und zerstört. In diesem Rahmen wurden auch 10 000 jüdische Männer in Konzentrationslager deportiert. Sie wurden zynisch „Aktionsjuden“ genannt. Zwischen 1300 und 1500 jüdische Frauen, Männer und Kinder und inhaftierte Konzentrationslagerhäftlinge wurden in diesem Pogrom in den Tod getrieben und ermordet.

Brutale Aktion auch in Lüdinghausen

Auch das beschauliche Lüdinghausen, diese münsterländische Kleinstadt, war Teil dieser brutalen Aktion, die im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen Ende Oktober 1938 seinen unmittelbaren Ausgang nahm. Die deutsche Reichsregierung hatte in den letzten Oktobertagen 1938 tausende oft aus Polen stammende jüdische Menschen einfach aus Deutschland ausgewiesen. Innerhalb von 48 Stunden mussten sie das Deutsche Reich verlassen.

Mit nur wenigen Gepäckstücken strandeten sie im Niemandsland an der polnischen Grenze, da auch Polen sie nicht aufnehmen wollte. So kampierten sie bei Temperaturen unter Null Grad in völlig überfüllten Notquartieren Tage und Wochen. Der erst 17-jährige Herschel Grünspan hatte in Paris aus Verzweiflung ob des Schicksals seiner Familie dort zwei Schüsse auf einen deutschen Botschaftsangehörigen, Legationssekretär Ernst vom Rath, abgegeben. Dieses Ereignis schlachtete die gleichgeschaltete Presse weidlich aus.

Die Initiierung der reichsweiten Pogrome organisierte Goebbels auf ausdrücklichen Wunsch Adolf Hitlers. Die alljährlichen Gedenkfeiern zur Erinnerung an den Hitler-Putsch am 9. November 1923 waren willkommener Anlass, die Pogrome noch vehementer zu starten. In Lüdinghausen war es die Nacht von Dienstag (8. November) auf Mittwoch (9. November), die für viele jüdischen Lüdinghauser zur Schreckensnacht wurde. Es sind vier Lüdinghauser, die die Verbrechen jener Nacht begehen.

Ins Konzentrationslager gebracht

Gegen 1 Uhr in der Nacht weckte Kreisleiter Meier seinen Stellvertreter, Dr. Hugo Woeste, einen promovierten Physiker (*25.11.1890). Gemeinsam mit dem Tankwart Edmund Fuisting und dem Fahrer der DAF (Deutschen Arbeitsfront), August Mainzer fuhren sie zur Olfener Straße 18. Dort zerstörten sie Möbel und Geschirr in der Wohnung von Jakob und Fanny Kaufmann. Sie schlugen Jakob Kaufmann auf dem Tisch stehend bis er hinunterflog. Irgendwann konnte er in den dunklen Garten hinter seinem Haus entkommen. Am nächsten Tag ließ er seine Verletzungen beim Arzt behandeln. Kurz nach dem Pogrom wurden er und seine Frau in das Konzen­trationslager Oranienburg-Sachsenhausen und in das Frauenlager, Konzentrationslager Ravensbrück, deportiert. Beide starben schon 1942 in diesen Lagern.

Von der Olfener Straße fuhren die Täter im Wagen der Kreisleitung einige Hundert Meter weiter zur Bahnhofstraße 5, dem Haus der Familie Strauss. Auch dort begingen sie Hausfriedensbruch, schlugen das Mobiliar und das Geschirr kurz und klein. Ein Wandspiegel und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Ironie der Geschichte, zu diesem Zeitpunkt war das Haus gar nicht mehr in jüdischem Besitz. Im August 1938 hatte es Siegfried Strauss an den Eisenbahnsekretär Otto Schmitt für 26 500 Reichsmark verkauft. Der Kontakt war über seine Frau entstanden, die aus Seppenrade stammte und mit Siegfried Strauss die Schulbank gedrückt hatte. In einem Brief nach dem Krieg schrieb Siegfried Strauss aus Amerika, in jener Nacht hätten die Täter so gehaust, dass für Walter (den dreijährigen Sohn) am nächsten Morgen nicht mal mehr eine heile Tasse für seine Milch vorhanden gewesen sei.

Dritte Station in jener Nacht war die Synagoge in der Hermannstraße. Mit einem Spazierstock schlug Dr. Woeste eine Fensterscheibe ein. Darauf brachen sie in die jüdische Synagoge ein. Sie packten Kultgegenstände, Gebetbücher und Thorarollen auf einen dort befindlichen Vorhang oder Teppich. Jeder der vier Täter fasste eine Ecke und so trugen sie alles zum Marktplatz von Lüdinghausen. Mit dem vom Tankwart gelieferten einen Liter Öl als Brandbeschleuniger zündeten sie alles auf dem Marktplatz an und ließen es verbrennen. Anschließend gingen sie in die Wohnung von Fuisting, am Markt 7. Dort tranken sie Kaffee und stärkten sich.

Schutzbehauptungen der Täter vor Gericht

Ungefähr zehn Jahre passierte den Tätern nichts. Erst am 13. Mai 1947 zeigte der Landesverband der jüdischen Gemeinden mit Sitz in Dortmund die Pogromaktion an. Daraufhin liefen die juristischen und polizeilichen Mechanismen an. Noch unter alliierter Kon­trolle wurden die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „vorsätzliche Brandstiftung“ untersucht. Nach und nach führten die Recherchen zu den vier Tätern und den realen Vorgängen jener Nacht. Zunächst stellten die Täter noch Schutzbehauptungen auf („Rollkommandos von außerhalb“). Schließlich belasteten sie sich gegenseitig.

Am 31. Mai 1948 fand um 10 Uhr der Prozess in Münster vor der 1a Strafkammer des Landgerichtes statt. Unter Leitung von Landgerichtsdirektor Reichling als Vorsitzendem wurden Dr. Woeste zu zehn Monaten Gefängnis, Edmund Fuisting zu acht Monaten und August Mainzer zu sechs Monaten verurteilt. Kreisleiter Meier war schon 1942 in Polen verstorben und konnte nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Die „Gefährliche Körperverletzung“, der Hausfriedensbruch und die „Gemeinschädigende Sachbeschädigung“ als juristische Sachbestände waren verjährt, weil es keine fristwahrende Vorschrift gab. Die Täter mussten nur wenige Monate ihrer Haft absitzen. Sie kamen in den Genuss von Amnestiegesetzen.

Ob sie ihre Taten im Innersten bereuten, muss eine offene Frage bleiben. Edmund Fuisting schrieb in einer Erklärung in seinem zweiten Gnadengesuch vor Strafantritt: „Seit Monaten habe ich keinen Schlaf gefunden. Das Gefühl, nach einem langen straflosen Leben nun als Verbrecher verurteilt zu sein, lastet unsagbar schwer auf mir. Ich war nie ein brutaler Nazi. Ganz Lüdinghausen weiß das und bedauert mein Schicksal.“ Das sehen die Familien Strauss, Kaufmann und die jüdischen Lüdinghauser sicher anders.

Zum Thema

Kertelge, Michael: ... die Judenfrage müsste mit Gewalt gelöst werden...Die Ereignisse der Reichspogromnacht am 8. und 9. November 1938, Coesfelder Geschichtshefte 34 (2009), S. 143-162.

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Gedenkveranstaltungen

9. November (12 Uhr), Wilhelmstraße: Gedenkveranstaltung der Schulen, der Stadt Lüdinghausen, Pax Christi und der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde.       

9. November (19 Uhr), Hermannstraße (Platz der ehemaligen Synagoge): Gedenkgang mit Fackeln der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde zu den Stationen des Pogromnachtgeschehens in Lüdinghausen.

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