Ein bewegtes Leben
Neun Mark pro Tag im Hause Ross

Ochtrup -

Sie machte früh einen Führerschein, lernte ein wenig Spanisch, beherbergte in ihrem Haus an der Bahnhofstraße Monteure und Gastarbeiter: Die 1933 geborene Agnes Ross-Nell führt ein bewegtes Leben.

Sonntag, 21.10.2018, 09:00 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 21.10.2018, 09:00 Uhr
Das Haus dürfte so manchem Ochtruper noch bekannt sein: Es stand einst an der Bahnhofstraße. Zunächst war es ein Hotel, dann vermietetedie Familie von Agnes Ross-Nell einen Teil der Zimmer hauptsächlich an Handwerker auf Montage.
Das Haus dürfte so manchem Ochtruper noch bekannt sein: Es stand einst an der Bahnhofstraße. Zunächst war es ein Hotel, dann vermietetedie Familie von Agnes Ross-Nell einen Teil der Zimmer hauptsächlich an Handwerker auf Montage. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Ein bewegtes Leben, so sagt man wohl, wenn man die Geschichte von Agnes Ross-Nell kennt. Die 85-Jährige lebt seit einigen Jahren im Ferdinand-Tigges-Haus. Gebürtig stammt die Ochtruperin aber aus dem kleinen Ort Biene bei Lingen. Dort wurde sie 1933 geboren.

„1939 wurde ich eingeschult“, berichtet Agnes Ross-Nell. Auf Empfehlung ihrer Lehrerin durfte sie sogar die Realschule besuchen – für ein Mädchen vom Land zu dieser Zeit nicht gerade üblich. Neben Rechnen, Lesen und Schreiben sei ihre Schulzeit aber vom damaligen Zeitgeist geprägt gewesen, erzählt die alte Dame mit Bedauern. Fast täglich gab es Bombenalarm. Und immer auf dem Weg zur Schule kam sie an Kriegsgefangenen vorbei, die an der Bundesstraße Schützengräben ausheben mussten. „Das war mein Schulweg. Fast täglich gab ich diesen hungrigen Männern mein Schulbrot. Ich bekam dafür bunte Strohkörbchen“, erinnert sich Agnes Ross-Nell noch gut.

Auch die Ferien waren vom Krieg geprägt. Das Mädchen sammelte mit anderen Kindern Heilkräuter für die Soldaten an der Front. Und immer wieder fielen Bomben. Nicht immer ging die Sache für Agnes Ross-Nell gut aus. Irgendwann traf ein Tiefflieger das Haus der Familie, das direkt neben den Bahnschienen lag. „Es ist alles verbrannt“, erzählt die alte Dame. Und auch sie selbst erlitt eine Verletzung. „Ein Splitter wurde mir 20 Jahre nach dem Krieg noch herausoperiert“, erzählt sie.

Später bekam die Familie einen Zwangsarbeiter zugeteilt. „Es war ein Holländer. Nach Kriegsende blieb die Freundschaft noch 50 Jahre bestehen“, sagt Agnes Ross-Nell.

Sie selbst ging nach ihrem Abschluss auf der Höheren Handelsschule zunächst auf einen landwirtschaftlichen Lehrbetrieb nach Bad Laer und später nach Senden. In Münster fand sie schließlich eine Stelle. „Schnell musste ich dafür den Führerschein machen“, erzählt die alte Dame. Schließlich lieferte der Betrieb Lebensmittel und Drogerieprodukte aus. Zusammen mit einer Witwe sei sie die einzige Frau in der Fahrschule gewesen. 153 Mark kostete der Führerschein damals. Während in der Fahrschule die Jungen bevorzugt worden seien und deutlich weniger Fragen gestellt bekommen hätten als sie und die andere Frau, habe ihr Chef das nicht so eng gesehen. So durfte Agnes Ross-Nell gleich seinen Bulli benutzen.

In der Domstadt lernte die 85-Jährige auch ihren Mann kennen – einen Ochtruper. Als er erzählte, seine Mutter wolle sie unbedingt treffen, willigte die junge Frau ein. Auf dem Sterbebett musste sie ihr dann versprechen, in der Töpferstadt zu bleiben und ihren Sohn zu heiraten. Agnes Ross-Nell fühlte sich verpflichtet und hielt das Versprechen. Die Hochzeit fand noch im Trauerjahr 1956 statt. Doch es sei ihr nicht schwer gefallen und die Ehe glücklich gewesen, zieht Agnes Ross-Nell ihr ganz persönliches Fazit. Die Familie wohnte mit drei Kindern in einem großen Haus an der Bahnhofstraße. Vielen Och­trupern dürfte dieses Gebäude noch als Hotel Ross in Erinnerung sein. Heute steht es schon lange nicht mehr. In den 1950er-Jahren war es auch schon kein Hotel mehr. Trotzdem herrschte reger Betrieb. Aus den Hotelzimmern waren Wohnungen geworden. In einer wohnte die Familie von Agnes Ross-Nell, die anderen vermietete sie. Sie kam gut zurecht, lebte von ihrer kleinen Landwirtschaft und den Mieteinnahmen.

Hauptsächlich Handwerker auf Montage – zum Beispiel Maurer der nahe gelegenen Firma Büter – wohnten mit der Familie im Haus. Agnes Ross-Nell bot ihnen dort nicht nur Unterkunft, sondern auch Verpflegung. „Die hatten immer großen Hunger“, erzählt sie lachend. Alle sechs Wochen musste ein Schwein geschlachtet werden, um die Mieter zu versorgen. Neun Mark pro Tag kostete die Rundum-sorglos-Verpflegung im Hause Ross. Das sei günstig gewesen, weiß Agnes Ross-Nell. Und ihr machte die Arbeit Spaß. Manchmal versuchten die Männer, sie zu foppen. „Sie erzählten, in meiner Küche gebe es eine Maus“, erinnert sich die alte Dame zurück. Sie hätten ihr das Mäuschen sogar vorgeführt. „Aber irgendwie hat die sich komisch verhalten“, war Agnes Ross-Nell gleich skeptisch. Schließlich habe ihr einer der Männer anvertraut, das Tier sei eine zahme Variante seiner Art. Nun, Agnes Ross-Nell hat Humor, aber Strafe muss sein, befand sie, und nähte den Männern kurzerhand die Jackenärmel zu. Bei der Erinnerung huscht noch heute ein spitzbübisches Grinsen über das lebendige Gesicht.

In späteren Jahren wohnten auch viele Gastarbeiter – Kroaten, Serben und Spanier –, die bei Laurenz einen Anstellung gefunden hatten, im ehemaligen Hotel Ross. Der Kontakt war eng, Agnes Ross-Nell sprach irgendwann sogar ein bisschen Spanisch, und ihre Kinder besuchten die Gastarbeiter in ihrem Urlaub. Ihr Sohn und seine Frau wurden sogar Taufpaten bei einem der Kinder.

Doch die Geschichte ihres Hauses an der Bahnhofstraße sollte bald zu Ende gehen. Denn dort, wo es stand, sollte eine große Kreuzung mit Ampelanlage entstehen. Bis kurz vor der Enteignung wartete die Familie, „dann hat mein Mann doch noch unterschrieben“, erzählt die Seniorin. Die Familie kaufte von der Entschädigung einen Bauernhof in der Weiner. Dort lebte sie lange, pflegte die aufwendige Gartenanlage mit Steingarten, Moorbeet, großem Teich und Seerosen mit Hingabe. Doch nachdem ihr Mann und auch ihr Sohn gestorben waren, brauchte Agnes Ross-Nell Hilfe. „Mein jüngster Bruder und seine Frau zogen zu mir und führten den Hof weiter“, berichtet sie.

Und auch sie selbst fand noch einmal das Glück und heiratete erneut. Es sollte sieben Jahre währen. Ihr Mann starb. „Seine fünf Kinder, Engel und Urenkel besuchen mich heute regelmäßig“, freut sich die 85-Jährige über den noch immer engen Kontakt zur ihrer zweiten Familie.

Ihre Tage waren ausgefüllt. Neben der Gartenarbeit sang Agnes Ross-Nell viele Jahre im Chor, engagierte sich in der Seniorenbetreuung und pflegte 30 Jahre lang das Marienbild. „Das war mein Hobby“, sagt sie.

Seit einigen Jahren lebt sie nun im Ferdinand-Tigges-Haus. Doch auch dort ist noch rührig, engagiert sich beispielsweise im Bewohner-Beirat. „Nun lebe ich glücklich und zufrieden hier im Haus“, betont die Seniorin. Und manchmal, da schaut sie auf ihr bewegtes Leben zurück – in aller Seelenruhe.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6133192?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker