Schäfermeister Jürgen Schienke und die ANTL-Herde
Einer der letzten Mohikaner

Tecklenburg -

Er hält eine alte Tradition aufrecht, hat einen Beruf, der tief verankert ist in der Kultur: den des Schäfermeisters. Jürgen Schienke betreut seit 17 Jahren die Schafherde der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL). Rund 500 Bentheimer Landschafe sind es, mit denen er das ganze Jahr über durch das Tecklenburger Land zieht. Von seinem Alltag, von den schönen und problematischen Seiten der Schäferei, aber auch von seiner Meinung über den Wolf erzählt der 51-Jährige.

Freitag, 19.10.2018, 20:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 19.10.2018, 20:00 Uhr
Die Herde von Schäfermeister Jürgen Schienke zählt rund 500 Tiere. Zwischen Brochterbeck und Lienen ist er mit ihnen auf Streuobstwiesen und Magerrasenflächen unterwegs.
Die Herde von Schäfermeister Jürgen Schienke zählt rund 500 Tiere. Zwischen Brochterbeck und Lienen ist er mit ihnen auf Streuobstwiesen und Magerrasenflächen unterwegs. Foto: Ulrike Havermeyer

Die Rasse der Bentheimer Landschafe sei ebenso vom Aussterben bedroht wie der Berufsstand des Schäfers. In drei Betrieben in Nordrhein-Westfalen gebe es insgesamt vier Auszubildende. 15 bis 20 seien es bundesweit. Dabei müssten es eigentlich 200 sein, erläutert Schienke. Rund 1,1 Millionen Schafe gebe es in Deutschland.

Im Sommer ziehe er mit der Herde von Brochterbeck bis Lienen. Es sind unter anderem die Streuobstwiesen der ANTL und Magerrasenflächen, die von den Schafen kurz gehalten werden. Im Winter sind es bäuerliche Flächen, die genutzt werden. „Die Schafe sind Resteverwerter“, weiß Schienke. Allerdings muss es auch Reste geben. „Die Landwirtschaft lässt nicht mehr so ganz viel übrig“, so seine Erfahrung.

Mit der Schafherde lässt sich natürlich Geld verdienen – wenn es auch wahrlich keine Reichtümer sind. Zum Beispiel die Wolle: „In einem Pullover, den Sie für 100 Euro kaufen, steckt ein Euro für den Schäfer“, verdeutlicht Schienke die Situation. Früher sei Schafwolle eines der begehrtesten Handelsgüter gewesen.

Viele Tiere werden für die Zucht verkauft. „Sie sind sehr sozial, gut erzogen und deswegen begehrt“, berichtet der Wanderschäfer, der sich als einen der letzten Mohikaner bezeichnet. 150 bis 200 Tiere gingen in die Vermarktung. Rund 200 Mutterschafe bleiben. Doch letztendlich werden alle Schafe geschlachtet. „Das ist kein Streichelzoo“, sieht es Schienke nüchtern.

Mit einem Esel und zwei Altdeutschen Hütehunden ist der Schäfermeister unterwegs. Abends werden die Schafe mit einem Elektrozaun gesichert. Bei der Frage eines Kommunalpolitikers, ob er denn in einem Schäferwagen übernachte, muss Schienke schmunzeln. Das wäre für ihn als Familienvater etwas schwierig, meint er. Er schlafe natürlich zu Hause.

Und was ist, wenn die Herde von einem Wolf angegriffen wird? „Für einen Wolf bin ich gerüstet durch meinen Esel. Der greift den Wolf an“, ist sich Schienke sicher. Wenn mehrere Tiere angreifen würden, sehe das anders aus.

Ein Herdenschutzhund ist für ihn keine Option. „Der ist nicht kompatibel mit einem Hütehund und würde ihn angreifen. Mittlerweile gebe es auch Initiativen gegen die Schutzhunde, da sie gefährlich seien – zum Beispiel für Menschen, die entlang eines Wanderweges über einen Zaun steigen, um die Schafe zu streicheln. Zudem gebe es auch in Betrieben mit Herdenschutzhunden zunehmend Risse von Schafen. „Die Wölfe lernen schnell dazu. Einer lenkt die Hunde ab, die anderen springen rein in die Herde“, berichtet Schienke.

„Der Wolf passt nicht in unser Land“, stellt der Schäfermeister klar und blickt in die Geschichte. „Im Dreißigjährigen Krieg gab es Wolfsplagen. Es war immer Staatsräson, den Wolf zu bekämpfen.“ Er sieht aktuell eine „Naturschutz-Nostalgie“: Der Wolf werde dermaßen geschützt, dass er sich bei einem Angriff auf die Herde einen Klappstuhl hinstellen und zusehen müsse statt einzugreifen. Und: „Der Tisch ist reich gedeckt. Das ist hier ein Schlaraffenland für den Wolf.“

 

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