Überfall im eigenen Haus
Überfallen, gefesselt, ausgeraubt - „Wir hatten Todesangst“

Hamminkeln -

Sie kamen nachts und gingen brutal vor: Maskierte Räuber überfielen im Juni ein Paar im eigenen Haus in Hamminkeln. Auch Monate später haben die beiden Opfer den Überfall noch nicht überwunden. Hier erzählen sie ihre Geschichte.

Donnerstag, 18.10.2018, 06:40 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 18.10.2018, 06:36 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 18.10.2018, 06:40 Uhr
Äußerst brutal gingen die Räuber vor, die im Juni in ein Haus in Hamminkeln-Dingden einbrachen und die Bewohner bedrohten.
Äußerst brutal gingen die Räuber vor, die im Juni in ein Haus in Hamminkeln-Dingden einbrachen und die Bewohner bedrohten. Foto: dpa

Nachts um halb drei krachte eine große Vase im Schlafzimmer des Dingdeners zu Boden. Und dann waren schon mehrere maskierte Männer über dem 56-Jährigen und bedrohten ihn mit Messern. „Wenn Sie aus dem Tiefschlaf kommen – bis Sie realisieren, was los ist – da saßen die auf mir drauf“, sagt er.

Der Mann aus Hamminkeln-Dingden und seine 52-jährige Partnerin, die anonym bleiben wollen, wurden im Juni Opfer von vier Männern, die sie in ihrem ländlich gelegenen Haus überfallen, gefesselt, bedroht und bestohlen haben. Fünf ähnliche Fälle hatte es in den Wochen zuvor in Bocholt gegeben. Für diese fünf Fälle wurden die Täter nach einem Überfall in Baden-Württemberg gefasst. Ob diese vier Männer auch für die Tat in Dingden verantwortlich sind, ermittelt die Polizei noch.

Masche kommt häufiger vor

Doch offensichtlich sind weiterhin Täter mit der gleichen Masche unterwegs, zuletzt in Greven und Billerbeck. Als der Dingdener davon in der Zeitung las, waren die Erinnerungen wieder da: „Es bleibt in den Klamotten hängen.“ Der 56-Jährige will warnen: Die Menschen dürften nicht zu leichtsinnig sein und müssten ihre Häuser besser sichern. Er selbst hat alle Fenster mit Schlössern nachrüsten, eine Alarmanlage und Kameras installieren lassen. „Ich habe das Haus in einen kleinen Hochsicherheitstrakt umgebaut, um das Gefühl von Sicherheit wiederzubekommen.“

Zuvor hatte er sich keine Sorgen gemacht. In den warmen Frühsommertagen hatte er mit offenem Rollladen und gekipptem Fenster geschlafen. Die Räuber konnten deshalb einfach ins Fenster greifen und den Hebel umlegen. Weil seine Partnerin und er sehr unterschiedliche Arbeitszeiten haben, schlief sie nebenan. Das schienen die Täter zu wissen: Sie stürmten gleich in ihr Zimmer und zerrten sie herüber.

Mit Klebeband gefesselt

Mit viel braunem Paketklebeband fesselten sie das Paar. Dabei drohten die Männer massiv in gebrochenem Deutsch, fragten nach Geld und durchsuchten das Haus. Dazu traten sie sogar eine Tür ein. Dabei wurde das Paar nie alleine gelassen, sondern immer weiter bedroht, auch mit einer Pistole. „Wir waren gefangen, wir hatten keine Chance. Wir hatten Todesangst, das kann man nicht beschreiben!“

Dem Opfer war klar, dass das nicht irgendwelche Anfängern waren. Der 56-Jährige beschreibt die Täter als 25- bis 30-jährige Osteuropäer, die mit schweren Handschuhen und Sturmhauben sowie Kopflampen ausgerüstet waren und äußerst aggressiv vorgingen: „Das war kein Kaffeekränzchen. Das war professionell.“

Die Zeit verging langsam

Eine halbe Stunde dauerte der Überfall. Das sei seiner Partnerin und ihm sehr lang vorgekommen, sagt der 56-Jährige: „Als sie meinten, sie finden nichts mehr, sind sie durch die Haustür raus.“

Die beiden Dingdener warteten noch einen Moment, bis sie sicher waren, dass die Täter wirklich das Haus verlassen hatten. Dann hüpfte der 56-Jährige gefesselt in die Küche und angelte sich ein Kartoffelmesser aus der Schublade. Damit konnte er das Klebeband an seinen Händen losschneiden und die Polizei anrufen. Die Leitstelle sei am Telefon geblieben, bis die Kollegen eingetroffen seien.

Wochenlang schlaflos

Seine 52-jährige Partnerin konnte nach dem Überfall wochenlang nicht arbeiten, war krankgeschrieben. Auch der Mann berichtet, dass er kaum schlafen konnte. Die technische und psychologische Beratung, die die Polizei vermittelt habe, sei sehr hilfreich gewesen. Besser gefühlt hätten sie sich auch, als die Bande gefasst wurde, der die Bocholter Überfälle nachgewiesen wurden.

Aber dann stehe wieder ein Fall in der Zeitung. Es sei unwahrscheinlich, dass die Täter noch einmal wiederkämen, habe ihnen die Polizei gesagt. Aber die Angst sitzt tief.

„Ein Drittel der Opfer kommt allein nicht zurecht“

Ein Einbruch ist ein Schock. Nicht nur, weil wertvolle oder persönliche Dinge gestohlen wurden. Neben dem Verlust von materiellen Werten müssen Opfer auch verkraften, dass jemand in ihre Privatsphäre eingedrungen ist. „Das Grundvertrauen ist gestört“, sagt Gerd Reimann von der Deutschen Psychologen Akademie in Berlin. „Das ist eine starke psychologische Belastung, die sich in verschiedenen Symptomen äußern kann: Ängste, Nervosität, Schlafstörungen, Alpträume bis hin zu psychosomatischen Störungen wie Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Problemen.“

15 bis 20 Prozent der Einbruchsopfer leiden langfristig unter Ängsten und psychosomatischen Belastungen, erläutert die Opferschutzorganisation Weißer Ring. Viele Opfer stellen sich immer wieder die quälende Frage, ob ihnen so etwas wieder passieren könnte. Auch Ekel spielt eine Rolle: Was hat der Eindringling angefasst? „Etwa 25 Prozent aller Einbruchsopfer leiden so stark, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen wollen. Zehn Prozent tun das auch wirklich“, erläutert Reimann.

Damit sich Ängste und Traumata nicht verfestigen, ist es wichtig, Betroffene unmittelbar nach dem Einbruch zu unterstützen. „Es kann bereits helfen, über Erlebtes zu sprechen und so das Geschehene zu verarbeiten“, sagt Bianca Biwer vom Weißen Ring. Es sei sinnvoll, sich aktiv Beistand zu holen bei Verwandten, Freunden, aber auch bei Hilfseinrichtungen oder Psychologen.

Aussagen bei der Polizei und Versicherungen können für Betroffene eine Belastung darstellen, hat Reimann beobachtet: „Notwendige Fragen nach den Tatumständen, nach Sicherheitslücken und Schutzvorrichtungen werden oft als Schuldzuweisung interpretiert. Danach fühlen sich die Opfer noch schlechter.“

Wenn Symptome nicht innerhalb der folgenden zwei bis drei Wochen zurückgehen, sollten sich Betroffene psychologische Hilfe suchen. „Etwa ein Drittel der Opfer kommt allein nicht zurecht“, sagt Reimann. (dpa)

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