Interview
Sven Plöger über Klimawandel, Wettervorhersage und das Münsterland

Sven Plöger gehört zu den bekanntesten Meteorologen in Deutschland, er kennt das Münsterland, wo er Wetterstationen betreibt und an Klima-Gesprächen teilnimmt. Im Interview nimmt er Stellung zu Chancen und Grenzen der Wetterprognose und auch zu längst widerlegten Bauernregeln.

Samstag, 13.10.2018, 16:27 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 13.10.2018, 16:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 13.10.2018, 16:27 Uhr
Sven Plöger in seinem Element – vor der Wetterkarte in der ARD mit ihren Hochs und Tiefs. Die werden, so erklärt der Meteorologe, auch durch den Klimawandel immer stabiler und sorgen dann immer öfter für langanhaltende Trocken- oder Regenperioden. Darauf müssten sich die Menschen in Europa einstellen, sagt Plöger.
Sven Plöger in seinem Element – vor der Wetterkarte in der ARD mit ihren Hochs und Tiefs. Die werden, so erklärt der Meteorologe, auch durch den Klimawandel immer stabiler und sorgen dann immer öfter für langanhaltende Trocken- oder Regenperioden. Darauf müssten sich die Menschen in Europa einstellen, sagt Plöger. Foto: ARD

Ihre nächste Wetterstation liegt von meinem Dorf Bösensell aus gesehen nur fünf Kilometer entfernt, Tilbeck. Haben Sie diese vor Augen?

Sven Plöger: Die habe ich sogar vor Jahren selber mit eingeweiht.

Was verbinden Sie als Meteorologe als Erstes mit dem Münsterland?

Plöger: Als Rheinländer wollte man, so erinnere ich mich, gerne auch in Regionen gehen, in denen es nicht so schwül und feucht ist. Da ich selber auch weitläufige Verwandtschaft im Münsterland habe, war ich als jüngerer Mensch öfter dort und habe gedacht: Da ist aber eine schöne Luft! Das Münsterland hat mir also gut gefallen. Mittlerweile lebe ich ja im Süden Deutschlands, kann mich aber gut an Tagungen in Münster und im Münsterland erinnern, wo wir auf politischer Ebene und mit Bürgern über Fragen des Klimawandels gesprochen haben.

Zahlen und Fakten zum Wetter in Münster

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  • 37,5 Grad ist seit 1891 die höchste in Münster gemessene Temperatur. Sie wurde 2003 und 2012 erreicht.

    Foto: Oliver Werner
  • 322 Stunden strahlte im Juli 2018 die Sonne über Münster - und damit 50 Prozent mehr als sonst.

    Foto: Oliver Werner
  • 292 Liter Regen in sieben Stunden fielen am 28. Juli 2014 an der Messstelle der Hauptkläranlage in Münster.

    Foto: Matthias Ahlke
  • -29,7 Grad ist sei 1891 die niedrigste in Münster gemessene Temperatur und zwar im Januar 1942.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Bis zu 50 Zentimeter extrem nasser Neuschnee fiel am 25. und 26. November im Münsterland. Daraus resultierte anschließend das Schnee-Chaos.

    Foto: Jürgen Peperhowe

Können Sie sich an die besonders prägenden Wetterkapriolen im Münsterland erinnern?

Plöger: Ja, sowohl an das Schneechaos im November 2005 als auch an den Starkregen Ende Juli 2014. Ich war auch während beider Ereignisse für die Wettersendungen zuständig. Es sind Wetterphänomene gewesen, die mein Meteorologen-Dasein schon sehr geprägt haben. Wir hatten 2005 zwar einen regionalen Sturm auf dem Schirm, aber mit jeder Modellrechnung hat sich das bei Temperaturen um 0 Grad mit Schnee und Sturm weiter zugespitzt. Das führte dann zu unglaublichen Gewichten auf den Stromleitungen, die am Ende einfach wie Streichhölzer einknickten. Und dann das Starkregen­ereignis im Juli 2014: Das war ja im Grunde ein Gewitter, das einfach stehen blieb wie ein kaputter Rasensprenger. Über 200 Liter pro Quadratmeter sind da teilweise runtergekommen. Seit diesem Ereignis habe ich mir übrigens angewöhnt, abends vorher die Region zu benennen, in der ein Unwetterpotenzial gegeben ist. Was nicht heißt, dass ich oder irgendjemand anderes exakt sagen kann, dass im Osten Münsters 200 Liter runterkommen und ein paar Kilometer weiter Grillwetter ist.

Gibt es heute bei den üblich gewordenen Unwetterwarnungen einen Hang zum Alarmismus?

Plöger: Die Grundfrage ist doch: Wie kann ich Menschen angemessen vor Unwetter warnen. Ich kann für mich sagen, dass ich versuche, weder zu „überwarnen“ noch zu „unterwarnen“. Es geht darum, angemessen zu warnen, damit sich die Menschen auf außergewöhnliche Wetterereignisse einstellen können.

Ein heißer und trockener Sommer liegt hinter uns. Ich sehe morgens den Lauf des Helmerbachs, der kommt aus den Baumbergen. Doch der Helmerbach ist leer. Wie viel Liter Regen auf den Quadratmeter fehlen uns zurzeit?

Plöger: Der extreme Sommer hat den zugrundeliegenden allgemeinen Klimawandel quasi überzeichnet. Er lag also im Trend. Die Hochdruckgebiete wollten nicht weg. Folge: Hitze und Trockenheit von Skandinavien bis Südeuropa. In Thüringen etwa hat man berichtet, dass dort die Böden 70 bis 80 Zentimeter tief ausgetrocknet sind. Es täuscht, dass die Wiesen jetzt nach wenigen Tagen schon wieder grün sind. Die Gräser wurzeln ja nur an der Oberfläche. Es braucht also in jedem Fall viele, viele Tage ausgiebigen Landregens, um das auszugleichen, was im Sommer gefehlt hat.

Zahlen und Fakten zum Sommer der Extreme

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  • Von Anfang April bis Ende Juli war es dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge noch nie so warm seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen im Jahr 1881. Demnach war es 3,6 Grad wärmer als im langjährigen Vergleich. Rekordniveau erreichten vor allem die Monate April und Mai.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • 39,5 Grad war die bisherige Temperaturspitze in diesem Sommer. Der Wert wurde am 31. Juli in Bernburg in Sachsen-Anhalt gemessen. Den Hitzerekord seit Beginn der Aufzeichnungen hält allerdings Kitzingen in Bayern. Sowohl am 5. Juli 2015 als auch am 7. August 2015 registrierte der DWD an seiner dortigen Messstation 40,3 Grad.

    Foto: Patrick Seeger
  • Sogenannte Tropennächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, gab es in diesem Frühjahr und Sommer bereits eine ganze Reihe. Besonders warm war es in der Nacht zum 1. August. So erlebte Berlin mit einem Tiefstwert von 24,4 Grad an zwei Messstellen seine bislang wärmste Nacht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Noch nie wurde zwischen April und Juli so wenig Niederschlag registriert. Im Vergleich zur vieljährigen (1961-1990) mittleren Niederschlagssumme betrug das Defizit 110 Millimeter. Besonders trocken war es in Sachsen-Anhalt, so die Experten vom DWD.

    Foto: Tino Plunert
  • In den vier Monaten gab es überdurchschnittlich viele Sonnenstunden. Der Juli war nach 2006 mit vielerorts 300 bis 350 Stunden der zweitsonnigste seit Messbeginn im Jahr 1950.

    Foto: Bodo Marks
  • Im Juli erreichte die Nordsee nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie die zweithöchste Oberflächentemperatur seit 50 Jahren: 16,3 Grad im Schnitt. Im Juli 2014 war das Wasser nur 0,1 Grad wärmer. Die Ostsee stellte mit einer mittleren Oberflächentemperatur von 20,0 Grad sogar einen neuen Rekord auf.

    Foto: Hauke-Christian Dittrich

Die langfristige Wettervorhersage ist ein oft gehegter Wunsch, nicht nur für fleißige Landmänner. Kommen wir durch immer bessere Computermodelle diesem Wunsch näher?

Plöger: Ich will nicht ausschließen, dass die Langfristvorhersage irgendwann gelingt. Als die Gebrüder Wright vor gut 100 Jahren mit ihrem Motorflugzeug probten, haben viele Leute gesagt: „Fliegen werden wir frühestens in einer Million Jahren!“ 100 Jahre später ist Fliegen für uns gewissermaßen Alltag. Entwicklungen vorherzusagen, ist also schwierig und schlägt oft fehl. Die Forschung tut viel, um die atmosphärischen Vorgänge immer besser zu verstehen. Aber was kann eine langfristige Vorhersage heute leisten? Da sage ich klar: Leider noch sehr wenig! Auch wenn Zeitungen mit großen Buchstaben für eine ganze Jahreszeit bunte Wettersymbole und Temperaturkurven zeigen, bleibt es schlicht unseriöser und damit größtmöglicher Blödsinn! Was wir als Meteorologen tun können, ist: Verständnis für die ozeanische Zirkulation entwickeln, die sich nachhaltig auf das kurzfristige Wettergeschehen auswirkt. Wir können Statistiken auswerten, Zugbahnen der Hochs und Tiefs untersuchen, Wahrscheinlichkeiten berechnen. Von einer täglichen Wettervorhersage für einen langen Zeitraum, wie wir sie für rund drei Tage kennen, sind wir noch sehr weit entfernt – auch wenn sich die Landwirtschaft genau das – verständlicherweise – wünscht. Wetter ist eben determiniertes Chaos. Wie beim Billardspiel. Sie können mit der Kugel in die 15 anderen Kugeln hineinstoßen. Diese werden, auch bei vermeintlich exakt gleicher Ausgangslage, immer in unterschiedliche Richtungen davonrollen.

Früher hieß es mal: Viele Eicheln im September, viel Schnee im Dezember. Was halten Sie davon?

Plöger: Die Bauernregeln liegen alle unterhalb statistischer Signifikanz von 66 bis 67 Prozent. Mit einer Ausnahme: die Siebenschläferregel – aber auch die gilt nur zu 70 Prozent, und das lediglich für den Süden Deutschlands. Es ist natürlich eine tolle Sache, wie Menschen früher mit der Natur lebten und versuchten, Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, um besser planen zu können, aber für die heutige Wettervorhersage taugen sie nicht.

Manchmal sagt man ja Tieren nach, sie könnten das Wetter oder auch Natur­katastrophen vorausahnen, wie zum Beispiel bei Erd­beben . . .

Plöger: Ich bin kein Biologe. Tiere leben intensiver in der Natur und nehmen mehr wahr. Wenn ein Elefant zum Beispiel im unteren Frequenzbereich einen Tsunami hört, den wir nicht hören, wird er unruhig. Tiere haben aber keine prognostischen Fähigkeiten. Das glaube ich nicht. Eine Schwalbe fliegt auch nicht tief, weil sie schlechtes Wetter vorhersagt, sondern weil die Insekten sich bei Turbulenzen in der höheren Luftschicht nach unten zurückziehen. Deshalb unsere Wahrnehmung: Die Schwalben fliegen tief, es gibt Regen. Dabei muss es heißen: „Die Schwalben fliegen tief – sie haben Hunger.“

Früher hieß es, der Golfstrom, der warmes Wasser bis Norwegen transportiert, könnte mal wegen der Umwälzungsprozesse im Ozean versiegen. Das würde für Europa eine Eiszeit bedeuten. Oder rechnen Sie eher mit einer neuen Weinkreation wie zum Beispiel Baumberger Edelzwicker?

Plöger: Der Golfstrom trägt maßgeblich dazu bei, dass wir in Europa ein derart mildes Klima haben. Wir müssten für ein ähnlich gemäßigt-warmes Klima sonst 1500 Kilometer weiter südlich wohnen. Der zentrale Gedanke: Durch die weltweite Erwärmung schmilzt das Eis der Polkappen mehr und mehr. Das Ergebnis ist eine große Menge an Süßwasser, die die Golfstromzirkulation abschwächen könnte. So etwas hat es vor rund 13 000 Jahren auch schon mal gegeben, das jüngere Dryas-Ereignis. Aber die heutige Eismenge wird im Gegensatz zu jener, die am Ende der Eiszeit zur Verfügung stand, nicht genügen. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass eine leichte Abschwächung des Golfstroms nicht auszuschließen ist, dies aber allenfalls den Anstieg der europäischen Temperaturen etwas bremsen wird. Wir müssen uns auf länger anhaltende Wetterphänomene, also Trockenzeiten oder aber Schlechtwetterperioden mit hohen Niederschlagsmengen, einstellen. Die Landwirtschaft muss sich mit widerstands­fähigeren Pflanzen und noch mehr mit Bewässerung befassen. Die Städte sollten überlegen, wie sie das Klima durch Begrünung und Belüftung in den Griff kriegen. Warum sollte in den Baumbergen kein Wein wachsen? Denkbar ist vieles. Wir müssen uns jedenfalls auf Veränderungen einstellen.

Zur Person

Sven Plöger (51): Der Diplom-Meteorologe Sven Plöger (Jahrgang 1967) stammt aus Bonn und wohnt heute in Ulm. Er studierte von 1989 bis 1995 Meteorologie in Köln. Seit 1996 ist er im Radio und seit 1999 im Fernsehen präsent, heute speziell im Ersten sowie in zahlreichen dritten ARD-Programmen. Er hält Vorträge, dreht Dokumentationen und moderiert Veranstaltungen rund um das Thema Klimawandel, das ihm sehr am Herzen liegt.

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Welches Wetter ist Ihr Lieblingswetter?

Plöger: Es gibt zwei. Als Segel- und Gleitschirmflieger mag ich sonniges Wetter mit Quellwolken. Dann weiß ich, wo Thermik ist. Und dann mag ich Aprilwetter mit seinem Wechsel aus Hagelschauern, Graupel und wieder blauem Himmel.

Sie waren zuletzt viel unterwegs. Worauf dürfen wir uns einstellen?

Plöger: Momentan bin ich häufiger als Vortragsreisender in Sachen Klima unterwegs. Außerdem arbeiten wir am dritten Teil der ARD-Dokumentation „Wo unser Wetter entsteht“. Anfang 2020 soll der Beitrag gesendet werden – es wird um die Alpen gehen.

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