Junge Männer aus Syrien erzählen ihre Geschichten
Hoffnung auf ein normales Leben

Albersloh -

„Tschüss sagen ist was anderes“ ist der Titel eines Buches, das fünf junge Syrer geschrieben haben. Im Sozial-Zentrum Fels erzählten drei von ihnen nun ihre Lebensgeschichten. Sie handeln von Verfolgungen, Verhaftungen, Tötungen und Flucht.

Freitag, 12.10.2018, 15:04 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 10.10.2018, 06:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 12.10.2018, 15:04 Uhr
Sie nennen sich Serdar, Amer und Watan und erzählten den Zuhörern aus dem Buch „Tschüss sagen ist was anderes“ sehr persönlich aus ihrem Leben und davon, was sie sich für die Zukunft erhoffen. Ihre Gesichter wollten sie nicht fotografieren lassen.
Sie nennen sich Serdar, Amer und Watan und erzählten den Zuhörern aus dem Buch „Tschüss sagen ist was anderes“ sehr persönlich aus ihrem Leben und davon, was sie sich für die Zukunft erhoffen. Ihre Gesichter wollten sie nicht fotografieren lassen. Foto: Christiane Husmann

Es sind viele, die sich für die Geschichten der jungen Männer interessierten, die vor dem brutalen und unübersichtlichen Krieg in Syrien geflohen sind. Über ihre persönlichen Erlebnisse, Beweggründe zur Flucht, Ängste, Zweifel und Hoffnungen erzählen fünf junge Syrer in dem Buch „Tschüss sagen ist was anderes.“ Auf diese Weise gewähren sie authentische Einblicke in ihr Leben, das, wie sie sagen, doch bestenfalls normal sein solle.

Anlässlich einer Lesung aus dem Buch, das die Herausgeberinnen Maria Brümmer-Hesters und Dorothee Eßer-Mirbach in enger persönlicher Zusammenarbeit mit den jungen Flüchtlingen erarbeitet hatten, waren viele Gäste der Einladung ins Sozial-Zentrum Fels gefolgt. „Tschüss sagen ist was anderes. Wir sagen hier und jetzt erstmal Willkommen, Sallam und Hallo“, begrüßte Eva Rüschenschmidt, die gemeinsam mit Malu Dulisch die Lesung organisiert hatte, die Zuhörer. „Wie friedlich, fair und vielfältig wir miteinander leben, entscheidet sich zuallererst in der eigenen Nachbarschaft, im Dorf, im Stadtteil – da, wo Menschen sich persönlich begegnen.“ Das Team vom Sozialzentrum verstehe die persönliche Begegnung als Bereicherung. „Die heutige Lesung ist ein Angebot für uns alle, uns kennen- und verstehen zu lernen“, erklärte Eva Rüschenschmidt und übergab das Wort an die Herausgeberinnen, die kurz schilderten, wie es zur Entstehung des Buches gekommen war und die sich bei den Autoren bedankten: „Wir hatten ganz großes Glück, dass ihr uns von euren Ängsten erzählt habt. Diese Texte holen euch Autoren aus der Masse der Flüchtlinge heraus.“

Drei der fünf Autoren hatten es möglich machen können, an der Lesung teilzunehmen. Amer, Serdar und Watan nennen sich die jungen Männer, die sich andere Namen gegeben haben, um sich und ihre Familien zu schützen. Wohl eine nachvollziehbare Notwendigkeit, hört man in den Erzählungen von Verfolgungen, Verhaftungen und Tötungen derer, die sich nicht der syrischen Diktatur unterwerfen wollten und wollen. „Wenn du nicht sagen kannst, was du denkst, verlierst du deine Würde“, sagte Amer und erzählte von den Demonstrationen in Syrien, mit denen die Menschen Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit einfordern wollten. „Wir wollten doch nur ein bisschen sowas wie Europa“, erklärte Amer und resümierte: „Wir haben die Freiheit nicht bekommen, wir haben es nicht geschafft, unser Land ist kaputt.“

Serdar erinnerte sich an den Tag, als das Militär zu seinem Vater kam und bestimmte: „Wir müssen und wollen deinen Sohn zum Militär einziehen.“ Am nächsten Morgen sei der damals 18-Jährige über die Grenze in die Türkei geflohen, ohne sich von seiner Mutter verabschieden zu können. Nur ein „Tschüss“ zum Vater, bei dem er so gerne geblieben wäre. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, mit Waffen umzugehen – ich bin für den Frieden und wollte studieren und lernen.“

Watan erzählte: „Ich habe meinen Vater zum ersten Mal gesehen, als ich sieben Jahre alt war. Er war verhaftet worden, als ich neun Monate war.“ Er sei politisch aktiv gewesen und habe für die Freiheit gekämpft, gegen das Regime von Hafez Al Assad, dem Vater des jetzigen Präsidenten.

Weiter berichtete er von den unvorstellbaren Strapazen auf der Flucht gemeinsam mit seiner Mutter. 1200 Dollar für jeden hatten sie für die Flucht mit dem Boot bezahlt. „Wir bezahlen jetzt für unseren Tod“, habe die Mutter gesagt, die Angst vor Wasser hatte und nie zuvor auf dem Meer gewesen war.

Heute, drei Jahre später, sagen die jungen syrischen Autoren: „Manchmal verdrängen wir die Emotionen, um den Kopf frei zu kriegen.“

Was will ich? Wo soll es hingehen? Ist mein gewähltes Ausbildungs- oder Studienziel richtig? Wie kann ich das alles schaffen? Das seien die Fragen, denen sich die jungen Flüchtlinge stellen müssten. Auch diese: „Wie kann ich mit meinen Gedanken und Gefühlen in meinem Gehirn umgehen?“.

Musikalisch begleitet wurde die Lesung von Sängern des Chors „Signale“ aus Emsdetten und Serdar, der auf der Saz spielte.

Nachdem die drei Autoren sehr persönliche Einblicke in ihr Leben gegeben hatten, kamen sie nach der Lesung mit den Zuhörern ins Gespräch. Dabei konnten syrische Spezialitäten probiert werden, die Beyan Mallaibrahim zubereitet hatte.

► Wer sich für die Erzählungen der fünf jungen Syrer interessiert, kann deren Buch immer mittwochs von 15 bis 17 Uhr und donnerstags von 18 bis 20 Uhr zum Preis von zehn Euro im Sozial-Zentrum Fels erwerben.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6112271?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker