Überbringung von Todesnachrichten
150 Notfallseelsorger engagieren sich im Münsterland

Münster -

Wann die Alarmierung kommt, weiß man nie. Wenn sie aber kommt, ist klar, dass ein Mensch gestorben ist. Ein Ehemann vielleicht, der einen Infarkt erlitt, ein Sohn, der mit dem Auto vor den Baum fuhr, ein Kind, das plötzlich nicht mehr atmet, eine Mutter, die sich das Leben nahm. 

Samstag, 22.09.2018, 10:06 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 22.09.2018, 10:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 22.09.2018, 10:06 Uhr
Sieben Tage die Woche rund um die Uhr einsatzbereit: Im Münsterland stellen die katholische und evangelische Kirche rund 150 Notfallseelsorger. Wer sich für dieses Ehrenamt entscheidet, lässt sich auf Chaos, Drama und emotionale Ausnahmezustände ein.
Sieben Tage die Woche rund um die Uhr einsatzbereit: Im Münsterland stellen die katholische und evangelische Kirche rund 150 Notfallseelsorger. Wer sich für dieses Ehrenamt entscheidet, lässt sich auf Chaos, Drama und emotionale Ausnahmezustände ein. Foto: dpa/gap

Das ist der Moment für den Notfallseelsorger. „Wir begleiten Menschen in Ausnahmesituationen“, sagt Pfarrerin Alexan­dra Hippchen. Jene, denen das Schicksal gerade den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Rund 150 Notfallseelsorger stellen die katholische und evangelische Kirche im Münsterland. Knapp 25 werden Jahr für Jahr neu ausgebildet. Im Oktober beginnt der nächste Kursus.

Notfallseelsorge ist ein viel zu großes Thema für den kleinen Raum oben unterm Dach des Kreiskirchenamtes in Münster. Am Tisch: Alexandra Hippchen, aufseiten der evangelischen Kirche zuständig für die Notfallseelsorge im Münsterland, Diakon Eugen Chrost, für die katholische Seite Notfallseelsorge-Koordinator im Kreis Steinfurt, und der Münsteraner Norbert Hansen, ein ruhiger Vertreter, der dennoch mit wenigen Worten viel sagt. Mit 62 Jahren hat er sich entschieden, beruflich kürzerzutreten und im Ehrenamt als Notfallseelsorger Gas zu geben. „Ich hatte im Leben viel Glück, jetzt möchte ich etwas davon zurückgeben“, sagt er.

Not­fallseelsorger begleiten auch Polizisten

Da sein, Halt geben, auch extreme Gefühle anderer aushalten : Wer sich entscheidet, als Notfallseelsorger zu ar­beiten, lässt sich auf Drama und Chaos ein, bekommt aber auch etwas zurück. „Das gute Gefühl, jemandem vielleicht geholfen zu haben“, sagt Hippchen.

Organisiert sind die Helfer auf Kreis- respektive Stadtebene, alarmiert werden sie von den Leitstellen. Amok-Fahrten, Geiselnahmen – die große Lagen – sind die Aus nahme, sagt Chrost. „Die meisten Einsätze sind bei Menschen zu Hause.“ Nach Unfällen, Suiziden, Gewalttaten: „Immer dann, wenn es um ei­nen uner­warteten Tod geht“, ergänzt Hippchen. Not­fallseelsorger begleiten mitunter auch Polizisten bei der Überbringung von Todesnachrichten.

Seit dem Jahr 2000 gibt es die Notfallseelsorge im Münsterland – „nach der Feuerwerkskatastrophe von Enschede“, erzählt der Diakon. „ Damals wurde deutlich, dass die körperliche Versorgung nicht ausreicht, dass es auch eine erste Hilfe für die Seele geben muss.“ Zunächst fühlten sich Priester und Pastoren berufen. Inzwischen sind es vor allem Laien.

Über 500 Einsätze im vergangenen Jahr 

So wie Norbert Hansen. Den Grundlagenkurs hat er beendet, hat unter anderem etwas über Gesprächsführung erfahren und Grundlagen der Psychotraumatologie kennengelernt. Die Teilnahme habe etwas Bemerkenswertes in ihm ausgelöst, sagt er. „Helfen zu können ist mir noch wichtiger geworden.“ Ein abschließendes Gespräch steht noch aus, dann gehört er zum Team. Mindestens 14 Tage im Jahr wird er dann auf Abruf bereitstehen.

Rund 150 Einsätze hatten die Notfallseelsorger 2017 im Kreis Steinfurt, 143 waren es im Kreis Warendorf, 103 im Kreis Borken, 99 im Kreis Coesfeld und 39 in der Stadt Münster. Tendenz: steigend. „Wir werden häufiger gerufen, da wir von immer mehr Einsatzkräften als echte Un­terstützung wahrgenommen werden“, sagt Hippchen.

Anders als noch vor ein paar Jahren fällt es beiden Kirchen im Münsterland inzwischen nicht mehr schwer, Engagierte zu finden. „In Fragen von existenzieller Bedeutung können wir noch begeistern“, sagt Hippchen. „Weil es wichtig ist.“ Wer mitmachen will, muss mindestens 25 Jahre alt sein und eine Berufsausbildung vorweisen. Weil die Helfer von den Kirchen beauftragt werden, schadet hier eine gewisse Nähe nicht. 

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