Michael Jungmann überlebt schweren Arbeitsunfall
Mehr Lebensgefahr geht nicht

Münster -

Michael Jungmann wurde unter geschätzt zwei Tonnen Stahlmatten begraben. Dass er das überlebt hat, hat mit vielen richtigen Entscheidungen zu tun.

Freitag, 21.09.2018, 07:05 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 21.09.2018, 07:05 Uhr
Michael Jungmann im Schockraum, in dem ihm vor zehn Wochen das Leben gerettet wurde.
Michael Jungmann im Schockraum, in dem ihm vor zehn Wochen das Leben gerettet wurde. Foto: Gunnar A. Pier

Als Ulla Jungmann ihren Sohn Michael da so liegen sah, war ihr klar, „dass er das nicht überlebt“. Der 23-Jährige wollte am 4. Juli mit seinem Vater Baustahlmatten aufhängen, als ein Rohr abknickte und geschätzte zwei Tonnen Stahl auf den jungen Mann fielen. Ab dem Moment trafen vielen Menschen viele richtige Entscheidungen. Sonst würde Michael Jungmann heute nicht mehr leben.

Elf von zwölf Rippen gebrochen

Der erste, der alles richtig machte, war sein Vater. Der hob mit einem Trecker die Matten wieder an und zog seinen Sohn heraus. Da wusste er noch nicht, dass von den zwölf Rippen, die jeder Mensch besitzt, elf Rippen seines Sohnes gebrochen und nach vorne gedrückt worden waren. Er wusste auch noch nicht, dass die Lunge seines Sohnes mehr oder weniger zerfetzt war, dass sie voll Blut lief und dass – das sollte sich später herausstellen – seine Luftröhre an zwei Stellen angerissen war. Der Nebenerwerbslandwirt aus Harsewinkel-Greffen wusste aber, dass sein Sohn mehr tot als lebendig war und rannte ins Haus, um die 112 zu rufen.

Mit dem Hubschrauber in die Uni-Klinik

Nach der ersten Hilfe schickte der Notarzt den Hubschrauber nach Münster. Auch das war eine richtige Entscheidung. Denn in der Uniklinik gibt es die Experten und die Geräte, die Michael Jungmann schließlich das Leben retten sollten. Im Schockraum dort erwarteten Chirurgen, Radiologen, Anästhesisten, Herz- und Lungenfachleute das Opfer. Dessen Zustand verschlechterte sich plötzlich rapide. Sein Blutdruck fiel auf 60:40. „Dann ließ er sich von einer Sekunde zur anderen nicht mehr beatmen“, erzählt der diensthabende Oberarzt der Unfallchirurgie, Benedikt Schliemann. Als sie dem Patienten eine Drainage in den Brustraum legten, kam den Ärzten „schwallartig“ 1,5 Liter Blut entgegen. Viel mehr Lebensgefahr geht nicht.

Brustkorb mit Tüchern gestopft

Darum entschlossen sich die Ärzte, die Brust des jungen Mannes aufzuschneiden. Und zwar sehr schnell. Um die Blutungen zu stoppen, stopften Schiemann und seine Kollegen den Brustkorb des Patienten mit Tüchern voll. Ein Druckverband von innen sozusagen. Klingt ungewöhnlich, war aber in der Situation ebenfalls genau richtig.

Zu der Zeit hatte sich Dr. Karsten Wiebe schon auf den Weg in die Uniklinik gemacht. Seine Kollegen hatten dem Lungenchirurgen gesagt, dass sie seine Hilfe gebrauchen könnten. Wieder eine richtige Entscheidung. Denn der Patient ließ sich nicht beatmen. Durch zwei Verletzungen in der Luftröhre entwich die Luft. Ähnlich wie bei einem Fahrradschlauch, der nicht nur ein kleines Loch durch ein Steinchen, sondern der einen langen Riss hat. Beim Aufpumpen bleibt der auch schlapp.

Luftröhre mit dem Finger zugehalten

So kam es, dass der Privatdozent eine Dreiviertelstunde lang mit einem Finger auf der Luftröhre neben dem Patienten stand und fieberhaft nach einer Lösung suchte, wie er den 23-Jährigen retten könnte. Lange fürchtete auch Wiebe, „dass man da nichts machen kann“, bis er – während einer Stehkonferenz mit dem Finger auf Jungmanns Luftröhre –, vorschlug, eine Ecmo (siehe Infotext unten) einzusetzen. Wieder eine richtige Entscheidung. „Das bot uns die Möglichkeit, die Fetzen wieder zusammenzunähen.“ Das Verfahren wird meist auf der Intensivstation verwandt, aber kaum im OP. Trotzdem: „Selbst als die Ecmo lief, wusste ich noch nicht, ob ich das operiert kriege“, sagt Wiebe. Nach sechs Stunden hatten die Ärzte alles geflickt, was zu flicken war.

Jungmann hat ein paar Wochen in der Reha verbracht. Wenn ihn Schiemann heute fragt, wie es ihm geht, berichtet der Industriemechaniker, dass ihm die Rippen „ein bisschen weh tun“. Der Chirurg schüttelt sacht den Kopf, wenn er das hört. „Man wundert sich, was der Mensch so überleben kann“, sagt er.

Externe Lunge „Ecmo“

„Ecmo“ steht für „extrakorporale Membranoxygenierung“. Das Verfahren versorgt den Körper mit Sauerstoff, wenn Herz oder Lunge das nicht schaffen. Das kann unter anderem passieren durch eine Verletzung oder schwere Infektion der Lunge, Herzversagen oder auch durch Geburtsfehler bei Neugeborenen.

Dann wird sauerstoffarmes Blut aus dem Körper gepumpt, in einem Filter mit Sauerstoff angereichert, von Kohlendioxid befreit und anschließend zurückgepumpt.

Die „Ecmo“ ist also wie ein externe Lunge, die die Organe entlastet. Meistens wird sie auf der Intensivstation angewandt. Ungewöhnlich an Jungmanns Behandlung war der Einsatz während einer Operation.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6067536?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker