Streifzug durchs Amtsvenn
„Natur pur“ – aber wie lange noch?

Gronau -

Die Kröte ist winzig. Und braun wie die Erde, auf der sie sich bewegt. Ralf „das Auge“ Oude Lansink hat sie trotzdem entdeckt und lässt sie auf seiner Handfläche Platz nehmen. An diesem Septembertag ist es noch mal warm geworden. Die Blätter der Pflanzen zaubern ein Spiel aus Licht und Schatten auf den Boden. Die Luft riecht würzig.

Mittwoch, 19.09.2018, 17:22 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 19.09.2018, 09:34 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 19.09.2018, 17:22 Uhr
Ein Winzling von einer Kröte und eine ausgewachsene Kreuzotter – Ralf Oude Lansink hat sie beide entdeckt.Ralf Oude Lansink durchstreift regelmäßig das Venn. „Es ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er.
Eine ausgewachsene Kreuzotter – Ralf Oude Lansink hat sie entdeckt.Ralf Oude Lansink durchstreift regelmäßig das Venn. „Es ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er. Foto: Frank Zimmermann

Im August habe ich über den ausgetrockneten Goorbach berichtet und dabei festgestellt, dass es dem Gewässer wenig hilft, dass es zu großen Teilen durch ein Naturschutzgebiet fließt. Und auch, dass die Bewertung der Situation ex­trem unterschiedlich ausfällt. Landschaftswarte sprachen von einer Katastrophe, eine Vertreterin der Unteren Naturschutzbehörde von einer normalen, etwa alle fünf Jahre wiederkehrenden Situation.

Der Artikel war auch der Auslöser für Ralf Oude Lansink, mich zu einem Streifzug ins

Amtsvenn einzuladen. Der Eperaner will mir zeigen, warum er so gerne im Naturschutzgebiet unterwegs ist, erzählen, was er dabei so alles erlebt und welche Schlüsse er für sich daraus zieht. Er habe zu dem Thema einiges zu sagen, kündigte er am Telefon an. Wir kannten uns bereits, weil ich auch über seine Naturfotografie schon berichtet habe. Mich interessierte seine Meinung, weil er – wie er selbst sagt – relativ unparteiisch in der Sache ist. „Ich spreche mit vielen Menschen, mit Bauern, Jägern und Naturschützern“, sagt Oude Lansink.

Mindestens ein Mal pro Woche spaziert der 48-jährige Naturfreund und Hobby-Tierfotograf über den federnden Boden des Venns. Etwa zwei Stunden braucht er für seine „große Runde“, die ihn über deutsches und niederländisches Gebiet führt. Doch der Grenzverlauf interessiert ihn nur am Rande, „die Natur kennt ja auch keine Grenzen“, sagt er.

Plötzlich hält er inne und greift mir an den Oberarm, um mich zu bremsen. „Da“, sagt er und deutet auf den Weg vor uns. Tatsächlich: Mitten auf dem Weg, zwischen Stöcken und Laub liegt eine Kreuzotter. „Ein Männchen“, sagt Oude Lansink angesichts der kontrastreichen Färbung. Er schätzt das Tier auf zwei bis drei Jahre. Wir machen Fotos. Eine Weile lässt das Reptil uns gewähren, dann kriecht es ins Unterholz. Eine beeindruckende Begegnung.

Ralf Oude Lansink hat aber auch schon tote Schlangen auf den Wegen des Venns gefunden. Seiner Einschätzung nach „von Radfahrern überfahren“. Das Fietsen ist im Venn zwar verboten, doch Oude Lansink trifft hier regelmäßig Radfahrer an. „Hier sind auch viele Mountainbiker unterwegs“, erzählt er. Erst kürzlich sei ihm eine Radfahrerin mit dem Spruch „Natur pur“ auf den Lippen entgegengekommen. „Aber nicht mehr lange, wenn Sie so weitermachen“, habe er der Frau geantwortet.

Wir gehen hintereinander über den schmalen Weg durchs Venn, inzwischen auf niederländischer Seite. Immer wieder bleibt Oude Lansink stehen, zeigt auf davonhuschende Eidechsen oder einen Schmetterling, lässt mich auf Vogelstimmen lauschen. „Hörst du das Schnalzen? Ein Schwarzkehlchen!“

Wenn Oude Lansink durchs Venn streift, dann begibt er sich immer auch auf Foto-Safari. Vögel haben es ihm besonders angetan. Stolz berichtet er von seltenen Arten, die er schon vor die Linse bekommen hat. Jüngst zum Beispiel einen Rotkopfwürger. Er hat eigens eine Facebook-Gruppe gegründet (Wildtier- und Naturfotografie Gronau und Umgebung) und sieht sich selbst als Naturfreund. Deshalb spricht er Menschen im Venn auf ihr Fehlverhalten an. Auch wenn er sich dabei manch blöde Antwort einfängt. Zum Beispiel die von einer Frau, die er darauf hingewiesen hat, dass im Venn Leinenpflicht besteht, weil sie ihren Hund frei laufen ließ. „Ja, ich hab doch eine Leine“, habe die Frau gesagt und ihm selbige vor die Nase gehalten.

Inzwischen sind wir mit dem Auto unterwegs. Auch im Eper Venn will Oude Lansink mir noch einiges zeigen – zu weit entfernt für einen Fußmarsch. „Eigentlich gehe ich hier gar nicht mehr hin. Hier sieht man doch nur noch grüne Zäune“, sagt er zum Eper Venn. Und: „Man kann richtig sehen, wie die Industrie die Natur auffrisst. „Was tun die ganzen Firmen, die hier gut verdienen, eigentlich für das Naturschutzgebiet?“, fragt er mich. Ich kann es ihm nicht sagen, behalte die Frage aber im Hinterkopf. Genau wie eine Reihe anderer Fragen und Anmerkungen, denen ich auf den Grund gehen will (siehe Artikel unten).

Auch aus dem Auto heraus weist Ralf Oude Lansink mich auf Vögel hin, die er entdeckt: Greifvögel und Reiher zum Beispiel. Aber er zeigt auch auf eine Reihe von Birken. „Die gehören doch gar nicht da hin“, sagt er. Nach gut anderthalb Stunden stehen wir wieder am Wanderparkplatz am Birkhahnweg, an dem wir uns getroffen hatten. Oude Lansink bedauert, dass ich nicht mehr Zeit mitgebracht habe. So viel hätte er mir noch zeigen wollen – Positives und Negatives.

Beim nächsten Mal, denke ich auf meiner Fahrt zum nächsten Termin. Dann reißt mich ein beißender Gestank aus meinen Gedanken. Ich habe nicht nur tolle Eindrücke und Gedanken aus dem Venn mitgenommen, sondern auch eine Ladung Hundekot unter der Schuhsohle.

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