Geschädigte kommen zu Wort
Brandstifter-Prozess: Von Albträumen und Sachschäden

Westerkappeln/Münster -

Von Albträumen der Kinder, verrußten Wohnungen und hohen Sachschäden war am achten Verhandlungstag des Prozesses um eine Brandstiftung in Westerkappeln die Rede. Die Bewohner, die über dem ausgebrannten Orientladen wohnten, kamen zu Wort.

Freitag, 14.09.2018, 16:23 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 14.09.2018, 14:42 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 14.09.2018, 16:23 Uhr
Aufräumarbeiten am Morgen nach dem Brand: Das dem Orientladen gegenüberliegende Geschäft für Modeschmuck und Wohnaccessoires wurde durch die Explosion erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die Inhaberin bezifferte den Schaden vor Gericht auf rund 100 000 Euro.
Aufräumarbeiten am Morgen nach dem Brand: Das dem Orientladen gegenüberliegende Geschäft für Modeschmuck und Wohnaccessoires wurde durch die Explosion erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die Inhaberin bezifferte den Schaden vor Gericht auf rund 100 000 Euro. Foto: Frank Klausmeyer

 Zu hören bekam das Schwurgericht aber auch etwas von Geldsorgen des mitangeklagten Ladeninhabers. Was waren die Folgen der Tat ? Wie war das Verhältnis der beiden jungen Iraker zum Inhaber des Orientladens und seinem Bruder ? Am Donnerstag kamen im Prozess um die Brandstiftung in Westerkappeln in der Nacht zum 7. Februar Nebenkläger, Nachbarn und Geschädigte zu Wort.

Langer Prozesstag

Außerdem befragte das Schwurgericht an diesem langen, achten Verhandlungstag eine Polizeihauptkommissarin zur Vernehmung eines der mutmaßlichen Haupttäter.

Ein 40-Jähriger, der mit seiner Familie über dem angezündeten Ladenlokal wohnt, berichtete: „Ich bin durch Geräusche wach geworden und habe dann einen lauten Knall gehört.“ Mit seiner Frau und den drei Kindern sei er aus der Wohnung geflüchtet. Das Erlebnis habe alle mitgenommen: „Danach standen wir alle unter Schock, hatten Angst und wenig Schlaf.“ Insbesondere seine fünfjährige Tochter leide bis heute darunter und traue sich nicht, alleine zu schlafen: „Sie hat Albträume, weint, sprach viel im Kindergarten darüber, führt Selbstgespräche und wurde aggressiv.“ Das Mädchen bekomme nun eine therapeutische Behandlung.

Bis zum 15. August durfte die Familie nicht in ihre Wohnung. „Im Badezimmer war das Fenster offen, da waren die Wände richtig schwarz.“ Die Fenster und Tapeten mussten komplett erneuert und gestrichen werden. Zudem mussten sie verrußte Schränke, Gardinen und Spielzeug der Kinder entsorgen. Wegen des Löschwassers gab es auch Schäden im Kellerraum. Auf etwa 8000 Euro bezifferte er den Schaden insgesamt.

Unter Schock

Die beiden angeklagten Brüder kannte er durch Einkäufe in dem Laden, wie er erzählte: „In meinen Augen waren das liebe Menschen, die haben allen geholfen – bis zu diesem Vorfall.“

Eine 32-jährige Nachbarin befand sich in der Tatnacht mit ihrem gerade fünf Tage jungem Baby in ihrer Wohnung. Auch sie stand länger unter Schock: „Ich habe zwei Wochen nachts geweint und konnte nicht schlafen.“ Die junge Familie ist daher in eine andere Wohnung umgezogen.

Ein anderer Anwohner trug zwar keine gesundheitlichen und psychischen Folgen davon, aber berichtete von der Nacht: „Ich war am Husten, als ob ein Lagerfeuer in der Wohnung war.“ Den Ruß von seinen Möbeln entfernte auch er selbst, seine Wohnung konnte gereinigt werden – drei Wochen musste er woanders wohnen.

Sofern das Gericht diese Folgen als hinreichend konkrete Gesundheitsgefahren wertet, droht den Angeklagten das höhere Strafmaß einer schweren Brandstiftung.

Die Bewohner des Hauses hatten nach Angaben ihrer Anwälte keine Hausratversicherung. Aus den Reihen der Nebenkläger-Vertreter gab es im Prozessverlauf deshalb die Anregung, vielleicht einen Hilfsfonds für die Geschädigten ins Leben zu rufen. Aus dem Rathaus heraus seien direkt auch dem Brand entsprechende Vorschläge formuliert worden, allerdings zu Gunsten des jetzt angeklagten Ladeninhabers.

Schadenshöhe angezweifelt

Als weitere Zeugin sagte am Donnerstag die Inhaberin des benachbarten Schmuckgeschäftes aus. Durch die zerborstenen Scheiben war „der ganze Laden voller Glassplitter“. Sie berichtete von insgesamt „etwa 100 000 Euro Schaden“. Zudem seien mehrere Swarovski-Steine, fünf Ketten und ein Glasbrenner gestohlen worden. Das diesbezügliche Ermittlungsverfahren hat die Polizei vor Kurzem mangels Tatverdacht eingestellt. Ein Verteidiger zweifelte die angegebene Schadenshöhe mehrmals offen an, woraufhin die Inhaberin versicherte, dem Gericht eine Kostenaufstellung zukommen lassen zu wollen.

Der Verhandlungstag schloss dann mit einer ausführlichen Vernehmung der Kriminalhauptkommissarin, die die 22 und 23 Jahre alten Iraker am 1. März nach ihrer Flucht an der Grenze zu Belgien von schwer bewaffneten belgischen Beamten übernahm. Die Polizistin berichtete: „Die waren schwer verletzt und hatten noch deutlichste Brandverletzungen.“ Beide zeigten sich schnell geständig, den Brand gelegt zu haben. Sie vernahm einen der beiden, nachdem der Ermittlungsrichter diesen befragte.

Nun im Prozess traten erstmals die Widersprüche, in die sich der Iraker bei den Aussagen verstrickte, ans Licht. So hieß es gegenüber dem Richter, er kenne die Brüder „seit sieben Monaten“ – gegenüber der Polizistin sagte er erst „seit zwei Wochen“ und zehn Minuten später „seit einer Woche“.

"Vieles nicht plausibel"

Ebenso sprach er nur gegenüber dem Ermittlungsrichter davon, dass Beide angeblich über einen Schuldenerlass von 1500 Euro hinaus nochmals 2500 Euro für die Tat erhalten sollten. Die Kommissarin sagte nun: „Es war vieles nicht plausibel.“ Genauere Nachfragen stellte sie damals bei der Vernehmung aber nicht an.

Im Raum steht die Frage, ob die Iraker sich möglicherweise an den – im Prozess bislang komplett schweigenden – Brüdern rächen und diese fälschlicherweise belasten wollten. Fest steht jedoch wohl, dass es direkte Verbindung zwischen den Westerkappelner Brüdern und den Irakern gab, wie auch aus den ausgewerteten Handydaten hervorgeht.

Zudem ergab ein Chat, den die Polizistin auswertete: Der Ladeninhaber hatte im Dezember und Januar Geldsorgen geäußert und wollte sich 5000 Euro leihen. Andererseits versprach er seiner Freundin, die ihm Internetangebote bis zu 20 000 Euro zuschickte, bald ein Auto zu kaufen.

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