Einblick ins Ehrenbuch der Stadt Gronau
Zeitreise durch die Nachkriegsgeschichte

Gronau -

Preisfrage: Was haben der ehemalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold und Otto Walkes gemeinsam? Sie bilden sozusagen das A und O des Ehrenbuchs der Stadt Gronau.

Mittwoch, 01.11.2017, 06:00 Uhr

Die Eintragung zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Udo Lindenberg. Kein anderer Gast durfte sich häufiger ins Ehrenbuch der Stadt eintragen als er. Und die Gronauer Nachtigall ist auch der einzige, der auch die linke Seite für seine Eintragung nutzt.
Die Eintragung zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Udo Lindenberg. Kein anderer Gast durfte sich häufiger ins Ehrenbuch der Stadt eintragen als er. Und die Gronauer Nachtigall ist auch der einzige, der auch die linke Seite für seine Eintragung nutzt. Foto: Frank Zimmermann

Arnold war der Erste, der sich anlässlich eines Besuchs am 19. Dezember 1955 eintragen durfte. Otto war der bislang letzte, der seine Signatur – natürlich samt Ottifant – hinterlassen durfte. Otto hatte die Stadt als Laudator zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde für Udo Lindenberg besucht.

Und damit sind wir auch schon bei dem Gronauer, der mit den meisten Eintragungen im Ehrenbuch vertreten ist. Vier mal durfte sich die Nachtigall eintragen: Erstmals am 3. September 1985, als Lindenberg ein Konzert in seiner Heimatstadt gegeben hat. 16 Jahre später, am 4. Juli 2001, hat er das Richtfest für das Rock’n’Popmuseum mitgefeiert. Und dann natürlich die beiden Großereignisse vor zwei Jahren: Am 16. Mai 2016 wurde die Lindenberg-Statue an der Ochtruper Straße enthüllt, zwei Monate später, am 26. Juli 2016, wurde ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen.

1955, zehn Jahre nachdem das Goldene Buch der Stadt Gronau im Krieg zerstört wurde, legten die Stadtväter das Ehrenbuch auf. Das große, repräsentative Buch ist in braunes Leder gebunden. Es ist ausgestattet mit Goldschnitt und Schließen aus Leder und Metall (wahrscheinlich Messing). Den Titel ziert in einem goldenen Rahmen das Stadtwappen sowie – ebenfalls in goldener Prägung – die Worte Stadt Gronau in Frakturschrift. Viele der Eintragungen – vor allem in den frühen Jahren – sind kalligrafisch gestaltet, später kommen auch grafische Elemente hinzu. Der erste mehrfarbige gestaltete Eintrag datiert auf den 15. April 1978: Zur Konstituierung und Eröffnung des Euregiorats kamen Dr. A. Vondeling (Vorsitzender des niederländischen Parlaments) und Dr. H. Schmitt-Vockenhausen (Vizepräsident des deutschen Bundestags) nach Gronau.

Das Buch durchzublättern fühlt sich an wie eine Zeitreise durch die Gronauer Nachkriegsgeschichte. Wie sehr die Stadt vom Krieg getroffen war, wie viel Energie der Wiederaufbau forderte, mag man einerseits daran ablesen, dass es zehn Jahre dauerte, bis das 1945 zerstörte Goldene Buch einen Nachfolger bekam. Andererseits gibt es in den ersten zehn Jahren nur vier Eintragungen: Nach dem Ministerpräsidenten Arnold kam am 17. September 1957 Regierungspräsident Bernhard Reismann zu Besuch und am 29. September 1959 dessen Nachfolger im Amt, Josef Schneeberger. Der vierte Eintrag aus den ersten zehn Jahren stammt von einem Gronauer: Der scheidende Stadtdirektor Louis Storck durfte am 18. Dezember 1964 Abschiedsworte hinterlassen.

Dürfen ist ein gutes Stichwort: Wer darf sich eigentlich ins Ehrenbuch eintragen und wer entscheidet darüber? Festgelegte Regularien gibt es dazu nicht, weiß Detlev Hollenborg, Fachdienstleiter Innere Verwaltung. Es sei eine Einzelfallentscheidung, die Entscheidungskompetenz liege bei der Bürgermeisterin. Und die Bürgermeister entschieden bis in die 70er-Jahre hinein, dass sich vor allem Politiker im Ehrenbuch verewigen durften. Häufigster Anlass: ein Besuch. Es war eine Frau, die erstmals mehr eintrug als ihren Namen: Bundesfamilienministerin Änne Brauksiepe schrieb am 25. April 1969: „Mit herzlichem Dank und guten Wünschen!“

Der erste Anlass, der sich als Großereignis auf mehreren Seiten im Ehrenbuch widerspiegelt, ist die Übergabe des neuen Rathauses am 23. April 1976. Neben dem Festredner, NRW-Regierungspräsident Dr. Egbert Möcklinghoff, trugen sich der Architekt Prof. Harald Deilmann sowie zahlreiche Ehrengäste auf drei Seiten des Buchs ein.

Neben Politikern sind Geistliche, Wirtschaftsvertreter, Sportler, Gewerkschafter und Künstler im Ehrenbuch vertreten. Anlässe für Eintragungen sind wirtschaftliche Entwicklungen (wie die Grundsteinlegung und die Inbetriebnahme bei der Urenco), die Vernetzung der Stadt (im Rahmen der Euregio, aber auch im Zusammenhang mit den Städtepartnerschaften), sportliche Ereignisse wie die Deutsche Meisterschaft und der Pokalsieg der Damenwasserballmannschaft des Schwimmvereins Gronau oder ein Gastspiel der 74er-Traditionself anlässlich der Einweihung der Freisportanlage Wolbertshof. Und dann sind da noch die kulturellen Ereignisse, die aber fast immer mit Udo Lindenberg verknüpft sind. Einzige Ausnahme: der Besuch der Vizegouverneurin von Louisiana, Melinda Schwegmann, im Rahmen der „The Spirit of Louisiana Tour“.

Das Ereignis mit der größten Symbolkraft hat wohl am 22. Juli 2003 stattgefunden: Im Zusammenhang mit der Laga kam die gesamte NRW-Landesregierung zu einer Auswärtigen Kabinettssitzung in die Dinkelstadt – moralische Unterstützung für eine Stadt, die schwere wirtschaftliche Zeiten überstehen musste.

Ein amtierender Bundeskanzler hat es – zumindest mit Eintragung ins Ehrenbuch – noch nie nach Gronau geschafft. Dafür aber gekrönte Häupter: Unter dem königlichen Wappen haben sich am 5. Juni 1985 Königin Beatrix und Prinz Claus eingetragen.

Bleibt abzuwarten, wer sich als nächster in das Ehrenbuch eintragen darf und zu welchem Anlass. Vielleicht wird es ja der erste Spatenstich für die Drio-Gebäude im Rahmen der Innenstadtentwicklung?

Interessant ist auch, was nicht drinsteht

Im Rahmen des Jazzfest sind zahlreiche berühmte Musiker in Gronau gewesen. Ins Ehrenbuch der Stadt durfte sich jedoch noch kein einziger eintragen.

Niederschlag gefunden hat jüngst die Sparkassen-Fusion. Unter einer ziemlich kitschigen Zeichnung haben die Protagonisten der Fusion unterschrieben. Die Kommunalreform – also gewissermaßen die Fusion von Gronau und Epe – hat es dagegen nicht ins Ehrenbuch geschafft.

Auch ranghohe Politiker wie die damals amtierende NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft durften sich nicht ins Ehrenbuch eintragen. Bei Kraft dürfte das daran liegen, dass sie nicht offiziell zu Besuch war, sondern als Wahlkampfhelferin für Sonja Jürgens – als die noch Bürgermeisterkandidatin war.

Und wo ist eigentlich Jens Spahn? Der Ottensteiner hat es immerhin schon zum Parlamentarischen Staatssekretär im Finanzministerium gebracht und ist gefühlt alle Nase lang in Gronau. Ins Ehrenbuch durfte sich aber auch der Christdemokrat bislang nicht einschreiben.

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