Alpen-Überquerung
Kleine Maschinen, großer Traum: Vier Männer auf Tour

Drensteinfurt -

Theoder Borgschulte, Karsten Lohmann, Rüdiger Kuis und Christian Neumann hatten einen Traum: Mit ihren 4,5 PS-starken Mofas wollten sie die Alpen überqueren. Nach mehreren Jahren der Planung stand in diesem Sommer die 1400 Kilometer lange Route fest. Doch so ganze ohne Panne lief das große Abenteuer nicht ab.

Dienstag, 31.10.2017, 05:00 Uhr

Mit ihren umgebauten Mokicks haben Theoder Borgschulte, Karsten Lohmann, Rüdiger Kuis und Christian Neumann schon drei Touren durch die Alpen unternommen. Hier sieht man die Truppe bei der Überquerung von Grödner- und Sellajoch.
Mit ihren umgebauten Mokicks haben Theoder Borgschulte, Karsten Lohmann, Rüdiger Kuis und Christian Neumann schon drei Touren durch die Alpen unternommen. Hier sieht man die Truppe bei der Überquerung von Grödner- und Sellajoch.

„Die Idee, die Alpen mit Kleinkrafträdern zu überqueren, entstand im Jahr 2010 aus einer Bierlaune heraus“, erinnern Theoder Borgschulte, Karsten Lohmann und Rüdiger Kuis aus Drensteinfurt sowie Christian Neumann aus Kamen. Unter dem Namen „Green Racing Team Beckamp“ waren die Mofafreaks viele Jahre bei den in Insiderkreisen legendären Rennen dabei und belegten sogar vordere Plätze. Berauscht durch dieses gute Ergebnis, träumten die Vier von einer Alpenüberquerung. „Bis zu unserem 50. Lebensjahr, mit 50 Kubik und Tempo 50 – das war unser Ziel, und das haben wir geschafft“, erzählt Rüdiger Kuis nicht ohne Stolz.

Doch vorher galt es, die „Maschinen“ entsprechend umzubauen. „Da haben wir ganz schön geschraubt, und das alles in Eigenleistung“, sagt Karsten Lohmann rückblickend. Mit den vier Mokicks mit jeweils 4,5 PS (Vespa Pk 50, Baujahr 1986; KTM MSS 50, Bj 1979; Hercules XE5, Bj 1983; Hercules Mk 3 x, Bj 1972) startete man die erste Tour im Jahr 2013. Es folgte eine zweite Fahrt in 2015. „Aber diese beiden Touren waren eher zum Üben gedacht. Die erste große Fahrt sollte 2017 folgen.“

Großglockner für Zweiräder gesperrt

Bei den ersten beiden Touren legte die Gruppe 1000 beziehungsweise 1200 Kilometer zurück, in diesem Jahr folgte dann die längste Ausfahrt. Start war am 18. August in Drensteinfurt, Ausgangspunkt der Route war Füssen. Schon am folgenden Tag begann das große Abenteuer mit dem ersten Etappenziel Fusch an der Großglockner Straße – und das bei strömendem Regen während der gesamtem 286 Kilometer. „Wir sind aus lauter Verzweiflung mit Tempo 45 eigentlich zu schnell gefahren, um so rasch wie möglich ins Trockene zu kommen“, so Theodor Borgschulte. Dabei waren der Achenpass (941 Meter) und der Gerlosspass (1500 Meter) bei nicht geringen Steigungen bis zu 18 Prozent und einem Höhenunterschied von 1000 Metern zu bezwingen. In Fusch angekommen, wurde dann ein beheizter Skiständer des Hotels umfunktioniert. „Wir haben dort unsere Sachen bei inzwischen schönstem Wetter getrocknet“, erinnert Karsten Lohmann schmunzelnd.

Als am zweiten Tag der Großglockner wegen Schneefalls für Zweiräder gesperrt war, musste man enttäuscht nach Zell am See zurückfahren. Und hier passierte das erste große Malheur: Das Mokick von Christian Neumann wollte nicht mehr. „Gott sei Dank hatten wir eine ganze Werkstatt dabei: eine komplette Zündung für jedes Mofa, Austauschzylinder, Kolben, Lampen, Zündkerzen und so weiter“, weiß Lohmann. Am Ende war allerdings bloß der Auspuff verstopft.

Sieben Stunden für 285 Kilometer

Ein Gutes hatte diese Verzögerung jedoch: Inzwischen war der Großglockner wieder befahrbar, und so konnte der Traum der Vier, die

Überquerung des Großglockners (2504 Meter) mit 4,5 PS, angegangen werden.

Doch an der Mautstation kam es dann zur zweiten Zwangspause. Wieder war es die Hercules von Christian Neumann, die nicht mehr ansprang. Also wurde die kurz vorher eingebaute Zündung wieder durch die alte ersetzt. Das klappte – aber wieder hatte die Truppe zwei Stunden verloren. „Wir haben uns dann am höchsten Punkt des Großglockners bei einer Schneeballschlacht abreagiert“, berichtet Theodor Borgschulte lachend. Ein besonderes Erlebnis war das Befahren der Pustertalerhöhenstraße in Richtung Sillian. „Die Aussicht auf die Alpen war atemberaubend“, schwelgt Theodor Borgschulte in Erinnerungen.

Am dritten Tag ging es weiter in Richtung Vesio am Gardasee. Für die 285 Kilometer benötigten die Männer bei strahlendem Sonnenschein fast sieben Stunden.

Ohne Pannen zum Gardasee

„Das war einfach eine herrliche Strecke über den Furkelpass (1789 Meter), das Grödnerjoch (2136 Meter) und das Sellerjoch (2240 Meter) ins Fassatal“, zählt Rüdiger Kuis auf. Da spielte es auch keine Rolle, dass bei Theodor Borgschulte der Kupplungszug gerissen war. Man hatte ja genügend Erfahrung im Reparieren gesammelt.

Die Gruppe stellte auf der gesamten Fahrt mit Freude fest, dass sie mit ihren Maschinen immer im Mittelpunkt stand. „Überall standen die Menschen um uns herum und bestaunten unsere Mokicks, auch wenn wir mal wieder an unseren Maschinen schrauben mussten“, so die Männer.

Der vierte Tag war zum Ausspannen gedacht. Trotzdem legte man rund um den Gardasee eine Strecke von 94 Kilometer zurück – ganz ohne Pannen.

Durchschnittsgeschwindigkeit 41,6 km/h

Am fünften Tag ging es dann zunächst mit der Fähre in Richtung Monte Baldo (1617 Meter). „Wir hatten es bei den ersten beiden Touren nicht geschafft, diesen Berg zu umrunden. Doch diesmal hat es geklappt“, freut ich Karsten Lohmann. Hierbei waren Steigungen von 18 Prozent und ein Höhenunterschied von 1526 Metern zu überwinden, „und das mit 4,5 PS“. Da hatten die Kleinkrafträder schon mächtig zu kämpfen. Was in den Maschinen steckt, zeigte sich auf dem Rückweg. Hier mussten die Mokicks bei einem „Wettrennen“ mit einer italienischen Radrennmannschaft an ihre Leistungsgrenze gehen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern jagte man die steilen Abfahrten hinunter. „Wir sind die Radfahrer aber nicht losgeworden und haben uns am Ziel auf ein Unentschieden geeinigt“, erzählt Borgschulte.

Von Vesio ging es am nächsten Tag über Meran und den Reschenpass zurück nach Pfunds in Österreich. Der letzte Tag führte die Drensteinfurter durch das Patznauen- und das Kaunertal über die Piller Höhe (1558 Meter) und das Hahntennjoch nach Füssen, „ohne weitere Pannen oder besondere Vorkommnisse“.

Nach sieben Tagen, einer zurückgelegten Strecke von rund 1400 Kilometern, einer reinen Fahrtzeit von 34 Stunden, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41,6 Stundenkilometern, nach 24.330 Metern Anstieg und 24.330 Metern Abfahrt kehrte die Gruppe wohlbehalten nach Füssen zurück. „Aber wir wissen schon jetzt: Das war nicht unsere letzte Fahrt“, werfen die Vier einen Blick in die Zukunft.

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