Präses Annette Kurschus zieht Bilanz des Reformationsjubiläums
„Ich bin guter Zuversicht, dass der Schwung weitertragen wird“

Münster/Bielefeld -

Am 500. Jahrestag der Reformation von 1517, also am 31. Oktober 2017, beschließt auch die Evangelische Kirche von Westfalen das Jahr des Reformationsjubiläums und zugleich die Reformationsdekade.

Montag, 30.10.2017, 14:13 Uhr

Präses Annette Kurschus bei einer Predigt.
Präses Annette Kurschus bei einer Predigt. Foto: Matthias Ahlke

Präses Annette Kurschus (54) hielt am heutigen Feiertag im zentralen Festgottesdienst für Nordrhein-Westfalen in der Soester Wiesenkirche die Predigt. Gegenüber unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy zieht sie zum Festtag eine erste Bilanz der Feierlichkeiten.

Frau Präses, welchen zentralen Satz oder welche zentrale Botschaft werden Sie am 500. Jahrestag der Reformation in Soest an die Gläubigen richten?

Annette Kurschus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, schrieb der Apostel Paulus vor beinahe 2000 Jahren an die Gemeinden in Galatien. Und er fuhr fort: „So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Welche Botschaft liegt in diesen biblischen Sätzen für unser heutiges Leben mit seinen aktuellen Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft? Dem werde ich in meiner Predigt nachgehen.

Was hat Sie im ablaufenden Jahr des Reformationsjubiläums besonders angesprochen und bewegt? Kulturell und spirituell?

Kurschus: Ein besonderer Höhepunkt war für mich die neu revidierte Luther-Bibel. Dass es möglich war, sie nach jahrelanger intensiver Arbeit am Text rechtzeitig zum Jubiläum unter die Leute zu bringen, hat sehr dazu geholfen, die zentrale und aktuelle Bedeutung des Wortes Gottes als „Motor“ der Reformation deutlich zu machen. Ich habe viele bewegende Gottesdienste gefeiert – und es waren eher die Gottesdienste jenseits von Kameras und Rampenlicht, die mir besonders zu Herzen gingen.

Luthers 95 Thesen verändern die Welt

Martin Luthers 95 Thesen veränderten die Welt und wiesen den Weg in die Moderne. Mit ihnen zog der Wittenberger Theologie-Professor (1483-1546) unter anderem gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche zu Felde. Denn aus Angst vor dem Fegefeuer kauften die Menschen damals Ablassbriefe, um sich von ihren Sünden zu befreien – für den Papst eine sehr gute Einnahmequelle. Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche wird am 31. Oktober daran erinnert, dass Luther auf den Tag genau vor 500 Jahren die Thesen an die Tür des Gotteshauses geschlagen hat.

Neben der Französischen Revolution und der Renaissance gehört die Reformation (zu deutsch: Umgestaltung) zu den wichtigsten politischen und geistesgeschichtlichen Bewegungen Europas. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts beendete sie die Vorherrschaft des Papstes und markierte den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. (dpa)

...

Dass wir vor kurzem im Landtag NRW einen vom Landtag und evangelischen Landeskirchen gemeinsam verantworteten Festakt zum Jubiläum der Reformation gefeiert haben, war ein deutliches Signal dafür, dass die Impulse der Reformation als wesentliche Grundlagen für unser heutiges gesellschaftliches Leben geschätzt werden.

Es gab auch Stimmen, die den millionenteuren Aufwand etwa für die Weltausstellung und das Kirchentagsfinale in Wittenberg gegen die hinter den Erwartungen zurückbleibenden Besucherzahlen aufrechneten. Können Sie das nachvollziehen?

Kurschus: Es stimmt: Wir haben groß gedacht und mit vielen Ideen geplant. Das Ergebnis war ein außergewöhnliches attraktives Angebot. Mit den Erwartungen riesiger Besucherzahlen haben wir uns selbst eine Falle gestellt. Gemessen an den überzogenen Erwartungen war die Realität tatsächlich hier und da enttäuschend – aber diese Enttäuschung war, wie gesagt, hausgemacht. Niemand von uns hatte Erfahrung mit einem Jubiläum von solch herausragender Bedeutung und in den geplanten Dimensionen. Das Ganze war in vieler Hinsicht ein mutiges Experiment. Auch im Nachhinein bin ich froh, dass wir es gewagt haben.

Es hat den Anschein, dass die Bischöfe und Präsides der beiden großen Kirchen das Jahr für Schritte des Miteinanders genutzt haben. Spüren Sie hier eine persönliche und auch ökumenische Annäherung?

Kurschus: Ja, das ist tatsächlich so. Es hat sich eine neue Gesprächsgrundlage entwickelt, hinter die niemand mehr zurück kann. Erfahrungen, die bisher vorwiegend in den Gemeinden und Kirchenkreisen vor Ort gemacht wurden, sind nun auch erlebte Realität im Miteinander zwischen Bischöfen und Präsides geworden. Zu den theologischen Überlegungen und kirchenpolitischen Abwägungen treten intensive persönliche Begegnungen und gemeinsame emotionale Erlebnisse. Das ist für die weiterte Entwicklung der Ökumene nicht zu unterschätzen.

Ist das Reformationsjubiläum Ihrer Meinung nach auch in den Gemeinden angekommen? Zugleich die Frage: Wie lässt sich der Schwung aus den Jubiläumsfeierlichkeiten nun in die Zukunft tragen?

Kurschus: Was die Kirchenkreise und Gemeinde auf die Beine gestellt haben, sprengte alles von mir erwartete Maß. Es gab einen großen Reigen von Veranstaltungen, ideenreich, niveauvoll und auf die unterschiedlichsten Adressatengruppen zugeschnitten. Das reicht vom geistreichen Poetry Slam bis zum wissenschaftlichen Vortrag und ist mit kirchenmusikalischen Ereignissen verschiedenster Stilrichtungen noch lange nicht zu Ende. Frage zwei: So viel außergewöhnliche Aktion lässt sich nicht auf Dauer stellen. Und das ist gut so.

Leitartikel

 Vergewisserung und Aufbruch: Bilanz des Lutherjahrs 2017

...

Es würde in Erschöpfung und Überdruss münden. Ich bin allerdings guter Zuversicht, dass der Schwung weitertragen wird. Nach diesem Jubiläumsjahr sehe ich keinen Schlusspunkt, sondern vielmehr einen Doppelpunkt: An viel Positives lässt sich anknüpfen; neue Kontakte und Veranstaltungsformate sind entstanden, die sich ausbauen lassen. Neue Kooperationspartner sind entdeckt, mit denen wir weiter zusammenarbeiten; manches Erlebte wird uns beflügeln, das Evangelium zukünftig umso beherzter in die Welt zu tragen.

Dauerhafter Feiertag?

Politiker ziehen Bilanz des Jubiläums: Viel Lob und eine neue Feiertagsdebatte

...

Ein Blick in die fernere Zukunft: Wird es in 50 oder 100 Jahren wieder Reformationsjubiläen geben? Oder sind die großen Kirchen dann schon in versöhnter Verschiedenheit vereint?

Kurschus: Das nächste Jubiläum steht bereits im Jahre 2030 an: 500 Jahre Confessio Augustana, eine der Bekenntnisschriften der evangelischen Kirche. Bis dahin könnte sich mit dem Rückenwind der Erfahrungen dieses Jahres einiges entwickeln. Tun wir also das Unsere – miteinander und aufeinander zu.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5257711?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker