Eheleute Veer sind Selbstversorger
Nur eigenes Gemüse auf dem Teller

Epe -

Seit ziemlich genau fünf Jahren sind die Eheleute Veer in Sachen Obst und Gemüse nahezu Selbstversorger: Einerseits bauen sie so viel an, wie sie für sich brauchen. Andererseits essen sie nichts, was der Garten nicht hergibt. Angefangen hat die ganze Geschichte mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Landwirtschaft – und mit der Gelegenheit, ein brachliegendes Nachbargrundstück zu beackern.

Samstag, 28.10.2017, 06:00 Uhr

Eheleute Veer sind Selbstversorger: Nur eigenes Gemüse auf dem Teller
Gisela Veer beim Erbsenpflücken Foto: Frank Zimmermann

Mit einer Hacke rückt Gisela Veer dem Unkraut zwischen den Erdbeerpflanzen zu Leibe. Sorgsam achtet sie darauf, nicht den Tropfschlauch zu treffen, der die Pflanzen mit Wasser versorgt. „Ist aber auch schon vorgekommen“, sagt sie schmunzelnd. „Dann ist der Schlauch danach halt einen halben Meter kürzer“, ergänzt ihr Mann Gregor.

Früher wuchsen im Garten hinter dem Haus der Veers Blumen und Rasen. „Und ich habe fertig panierte Hähnchenschnitzel gekauft und Tiefkühlgemüse, wo die Soße schon mit dran war“, erzählt Gisela Veer. Das war, als beide noch berufstätig und die Kinder noch im Haus waren. Das Unbehagen gegenüber landwirtschaftlichen Praktiken empfanden die Veers aber auch damals schon.

Skepsis gegenüber der Landwirtschaft

Beide kommen vom Bauernhof: Gisela Veer aus einer Wein- und Obstanbauregion im Fränkischen, Gregor Veer aus der Milchviehhaltung im Emsland. „Früher hatten wir Kühe auf dem Hof, die wurden acht, neun Jahre alt. Heute sind drei Jahre schon viel“, sagt Gregor Veer. Zwei seiner Geschwister sind noch auf dem Hof. Gisela Veer, die Dorfhelferin von Beruf war, hatte über ihre Arbeit Einblicke in viele landwirtschaftliche Betriebe. „Was da alles auf die Felder und die Weinberge geblasen wurde  ...“, sagt sie mit einer abwinkenden Handbewegung.

Früher hatten wir Kühe auf dem Hof, die wurden acht, neun Jahre alt. Heute sind drei Jahre schon viel.

Gregor Veer

Pflanzenschutzmittel oder Kunstdünger kommen im Garten der Veers nicht zum Einsatz. Nährstoffe erhalten Gemüse, Salat und Beeren aus Gründünger und Hühnermist. Gegen Unkraut und Schädlinge helfen Handarbeit und alte Hausmittel. Wortreich erzählen die Veers zum Beispiel von ihrem Kampf gegen Wühlmäuse. Erledigt haben das Problem zum guten Schluss ihre Kater – Pünktchen und Anton. „Und Tagetes helfen wunderbar gegen diese kleinen Ählchen“, sagt Gisela Veer mit Blick auf eine Tagetes, die neben dem Rotkohl wächst.

Vom Gemüsebeet zum eigenen Garten

Als die Kinder groß waren und die Arbeitsbelastung geringer, haben die Veers in ihrem Garten zunächst einige Gemüsebeete angelegt. „Wir dachten dabei an ein bisschen Salat, Möhren und Kohlrabi“, erzählt Gregor Veer. Doch dann war da dieses brachliegende Nachbargrundstück, das direkt an den Veer’schen Garten angrenzt. Das verwilderte zusehends, Leute luden Gartenabfälle und Steine dort ab.

Da suchten die Veers das Gespräch mit den Eigentümern und kamen nach längerer Überzeugungsarbeit zu einer Vereinbarung: Sie halten das Grundstück in Ordnung und dürfen es dafür für den Gemüseanbau nutzen. Außerdem bezahlen die Veers eine symbolische Pacht: Jedes Frühjahr bekommen die Eigentümer einen Korb voller Obst, Gemüse und Blumen. Ein Arrangement, mit dem offenbar beide Seiten gut zufrieden sind. Denn inzwischen besteht es seit fünf Jahren – Ende offen.

Regional und bio

Fünf Jahre, in denen die Eheleute Veer im Wesentlichen nur das Gemüse gegessen haben, das der Garten hergegeben hat. Alles regional, saisonal und bio. Alles lecker. Dafür, dass sie genau wissen, was sie auf den Teller bekommen, lassen sie sich auch gerne darauf ein, dass nicht immer alles verfügbar ist. „Dieses Jahr hatten wir zum Beispiel kaum Zwiebeln. Also mache ich auch keinen Zwiebelkuchen. Der geht mir schon ab, aber ich kaufe keine Zwiebeln, nur um Zwiebelkuchen zu machen. Da muss man dann auch konsequent sein“, sagt Gisela Veer.

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„Und nicht immer alles haben, heißt ja nicht nichts haben“, ergänzt sie. Im Winter gibt es die Tomaten dann eben nicht frisch, sondern aus der Flasche. Denn wenn in der Erntezeit mehr Obst und Gemüse vorhanden ist, als das Ehepaar essen kann, machen sie sich an die Konservierung: einfrieren, einkochen, einlegen, einlagern . . . Weißkohl verarbeitet das Paar zum Beispiel zu Sauerkraut. „Wir haben zwei Fässer“, sagt Gregor Veer. Und der Erdbeermarmelade von Gisela Veer eilt schon ein guter Ruf voraus. „Ich brauche viel Marmelade zum Verschenken“, erzählt sie.

Tauschhandel

Und noch eine weiteres althergebrachtes Mittel gegen Versorgungslücken haben die Veers für sich entdeckt: Tauschhandel. Dabei spielen auch die inzwischen sieben Hühner der Veers eine wichtige Rolle. Deren Eier sind eine beliebte „Handelsware“.

Neben den Hühnern zieht Gisela Veer alljährlich auch ein Dutzend Hähnchen auf. Die kleinen Hähnchen kommen im Frühjahr ins Hähnchenhaus – ein kleines Holzhaus, das in einer Ecke des Gartens seinen Platz gefunden hat. Dort lebt das Federvieh dann ein vergleichsweise glückliches Hähnchenleben, ehe Gisela Veer im Spätsommer mit dem Schlachten beginnt . . .

Wildwuchs als System

Überschüsse geben die Veers auch immer wieder für einen guten Zweck weiter. Unter anderem über einen kleinen Marktstand, der vor ihrem Haus steht. Dass es überhaupt Überschüsse gibt, ist nicht zuletzt Gisela Veers planvollem Wirtschaften zu verdanken. Denn auch wenn Besucher von ihrem Garten einen ersten Eindruck gewinnen, der sprichwörtlich Kraut und Rüben ist, so steckt hinter dem vermeintlichen Wildwuchs doch ein ausgeklügeltes System.

Beispiel Kartoffeln: Damit sie über einen möglichst großen Zeitraum welche hat, setzt Gisela Veer frühe, mittlere und späte Sorten mit verschiedenen Kocheigenschaften (fest-, vorwiegend fest- und mehlig kochend). In jedem Beet achtet sie außerdem auf die Fruchtfolge und auf die Nachbarschaften. Nicht jede Pflanze kommt mit dem gleichen Gründünger klar und nicht jede Nachbarschaft ist förderlich.

Einiges von ihrem Gärtnerwissen hat Gisela Veer von ihrer Mutter, die ebenfalls eine passionierte Gärtnerin ist. Auch Gregor Veer hat so manche Erfahrungswerte aus seiner Kindheit auf dem Bauernhof beigesteuert. Einiges ist auch angelesen – und manches aus Versuch und Irrtum gewachsen. „Meine Mutter orientiert sich am Heiligenkalender. Ich kaufe mir jedes Jahr einen Mondkalender“, verrät Gisela Veer, dass auch höhere Mächte in ihre Gartenplanung einfließen.

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